Ein Fall für „notabu“

Rihm programmiert Ohren auf Europa


(nmz) -
Düsseldorf, Tonhalle, im Mai/Juni. – Die Lettern über der Ankündigung zum Schluss-Konzert in Habt-Acht-Stellung. Zum großen Finale der Neuen Musik-Biennale „Ohren auf Europa“ sucht auch das Protokoll nach dem rechten Schliff.
Ein Artikel von Georg Beck

Sicher, dieses „In Anwesenheit von Wolfgang Rihm“ klingt wohl nur unfreiwillig präsidial. Und doch. Bei aller Zugewandtheit des Auftretens, das Wolfgang Rihm eigen ist und worin ihm die ebenfalls anwesenden Kollegen Baltakas und Trojahn nur scheinbar nachstehen – ein Rihm kommt in den seltensten Fällen einfach von zu Hause. So auch hier. Nur mit Mühe hat er sich vom parallel laufenden Holland Festival losgeeist, wo gleich zwei seiner großdimensionierten Musik- und Tanz­theater-Werke im Fokus stehen. Vom Blickwinkel der abgeschiedenen, von Spezia­listen, Kennern, Liebhabern frequentierten Kammermusikwelt, zu der natürlich auch die Neue Musik-Biennale „Ohren auf Europa“ im rheinischen Düsseldorf zählt, erscheint die große Amsterdamer Bühne mit ihren Live-Übertragungen, ihren kulinarisch-synästhetischen Darbietungsformen glamourös, andererseits wie ein wahr gewordenes Traumversprechen. Dass Rihm von dort kommt, dass er den Kreidekreis der zeitgenössischen Kammermusiker wie eine Reminiszenz an seine eigenen Anfänge gewissermaßen nur besucht, aber mit Hilfe von „Ensemble notabu“ dann doch noch den beißenden Gang, das fetzige Naturell seiner „Fetzen“ aufschimmern lässt – das ist es, weshalb die Lettern Haltung annehmen.

Was zweischneidig und sicher wohl nur als Ausdruck der tiefen Unsicherheit zu verstehen ist, die die Nischenwelt der Neuen Musik nach dem nicht endenwollenden Ende des Avantgarde­bewusstseins erfasst hat. Unter den Komponisten, die Rihm fürs Düsseldorfer Festival kuratiert hat, gibt es sicher niemanden, der oder die sich als „Vorkämpfer einer Idee oder Richtung“ (Duden 5, Fremdwörterbuch) empfinden würden. Wenn Komponisten Partei ergreifen, dann tun sie das für ihr eigenes Werk und nicht für „Ideen“, für „Richtungen“, die außerhalb ihrer selbst liegen. Gewiss kann dies auch gar nicht anders sein, nur – welche „Ideen“, welche „Richtungen“ bestimmen denn nun das zeitgenössische Komponieren respektive das Komponieren Neuer Musik wie Wolfgang Rihm es sich denkt?

Dass ausgerechnet mit dem im Biennale-Rhythmus veranstalteten Düsseldorfer Festival Antworten auf diese Frage möglich geworden sind, mittlerweile sogar zum neunten Mal, ist das Verdienst des „notabu.ensemble neue musik“-Gründers und Dirigenten Mark-Andreas Schlingensiepen. Auch Wolfgang Rihm wusste auf Nachfrage kein Ensemble zu nennen, das in ähnlicher Weise (vier abendfüllende Konzerte binnen vier Wochen) auf sich spielen lässt. Ein Alleinstellungsmerkmal. Zugleich ein Kraftakt, der den Musikern Gehöriges abverlangt und notwendigerweise ganz unterschiedliche Ausführungsergebnisse zeitigt.

Immerhin startete „notabu“ mit der Rihm’schen Seekarte auch zu einer Reise in Gewässer, die dem Ensemble, das keine Tabus zu kennen behauptet, gelinde gesagt neu waren. Hierzu nur die wichtigsten Ankerplätze: Angefahren wurden die diversen Anfänge respektive Neuanfänge der neuen Musik. Strawinskys „Ragtime“ von 1918 (eine freilich eher blass wirkende Verlegenheitslösung), Stockhausens „Refrain“ aus dem Jahr 1959, schließlich Lachenmanns „temA“ von 1968, dessen Borsten und Widerhaken eine guterzogen-respektvolle Verbeugung vor einem zum Klassiker aufgestiegenen Anti-Klassiker ins komische Fach drehte, den Rest wegretuschierte. Weitere von Rihm gelegte Schleifen und Schlingen betrafen ästhetische Grenzpositionen. Mit dem erst 2009 entstandenen „Enchantement vespéral“ von Thomas Daniel Schlee durchfuhr der Segler „notabu“, benannt nach Friedrich Wilhelm Murnaus Südsee-Film „Tabu“, die träumerische Wiener Zemlinsky-Welt; mit dem „Kammerkonzert für Akkordeon und Ensemble“ des 1996 verstorbenen Holländers Tristan Keuris (als Solist überzeugte Grzegorz Stopa) erlebte die Kraft des Tangos ihre Wiederauferstehung.

Und, um die Aufzählung der Tabuzonen vollständig zu machen: Salvatore Sciarrinos Gesualdo-Bearbeitung, seine unendlich respektvoll, zugleich mit ganz eigenen Akzenten instrumentierte „Elaborazioni da Carlo Gesualdo da venosa per voce e ensemble“ reklamierten dann auch noch die Alte Musik für die Neue.

Auch wenn dies gewiss nicht die Welt von „notabu“ ist, hier war vielleicht doch mit dem fremdesten der berührendste Moment des ganzen Festivals erreicht. Man spürte und man begriff, dass eine neue Kammermusik auf das immer neue Befragen der zu unrecht alt (=überholt) genannten Alten nur um den Preis selbst verschuldeter Bedeutungs­losigkeit verzichten kann. Darauf hat Rihm mit dieser Festival-Kuratierung hingewiesen. Dass die Engführungen der Vergangenheit mit ihren Mantras „Materialfortschritt“ und „Materialimmanenz“ von den Komponisten im Einführungsgespräch pauschal „den Journalisten“ in die Schuhe geschoben wurden, war denn auch der einzige Holzschnitt in einem gestalt- und formenreich gebauten wie ausgeführten Programm.

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