Ein feste Burg reicht nicht zum Überleben: Was der Stummfilm „Sprengbagger 1010“ beim Essener Zollvereins-Konzert nicht sagt


(nmz) -
Dumpfe Rammschläge detonieren im Orchester. Alarmistisch flackert eine Eilmel­dung über die Leinwand. Der Bagger kommt! Es wird also ernst. Das war ein Vorspiel nur, all die drehenden Schicksals-Schwungräder, die ewig rauchenden Vulkan-Schlote, die heulenden Sirenen, die pathetisch-untersichtig ins Gegenlicht gesetzten Treppen und Balustraden der historischen Leuna-Werke, dem Drehort dieser vergessenen, nunmehr frisch res­tauriert vorliegenden Filmrarität. Rockige Powerchords, parallel geführte Quarten, Quinten, Oktaven verheißen den Anmarsch des erlösergleich stilisierten Ungetüms namens „Sprengbagger 1010“. Man spürt förmlich, wie der Film vor lauter Vorfreude an der Reißleine zerrt.
Ein Artikel von Georg Beck

Wir sind in Halle 12, Schacht XII der zum Kulturort umfunktionierten Essener Zeche Zollverein. Als „Location“, wie so etwas werbetech­nisch heißt, mag die „ehemals größte und modernste Steinkohlen­zeche der Welt“ durchgehen. Ein „ideales Ambiente“ ist es nicht. Für eine orchesterbe­glei­tete Stummfilm-Monumentalität wie diese wäre das allemal das Kino. Eine nur aufge­stellte Projektionsfläche wie weiland beim Jugendclub-Vorführabend ist einfach zu knapp dimensioniert, die Sicht darauf mangels schiefer Zuschauer­ebene schlecht, das Ambiente mithin alles andere als „ideal“ – trotz „Live-Streaming“ der Veranstaltung „im Internet“. Sei’s drum.

Den Sprechchor zur Rechten von Titus Engel am Pult des WDR Rundfunk­orchesters schert dies kaum. Maschinenmäßig hämmern die acht Solisten per Megaphon ihre Botschaft ins Publikum: „Kohle! Kohle! Kohle! Dieses Land gehört der Industrie!“ Im nächsten Moment wird eine finale Gewaltorgie eine spätsommerliche Landschafts­idylle zermahlen haben. Eben der Kohle wegen. Filmtechnisch realisiert mittels wilder Montage aus Explosionsfontänen, wie sie die Bildarchive des Jahres 1929 auf Lager hatten. Vorzugsweise Granaten­einschläge von den Erste-Weltkriegs-Fronten. Spring­brunnen des Todes, in die sich die Regie mit Lust verbeißt. Paralysiert – wie die bäuerlich-handwerklichen Bewohner dieses kleinen Weltuntergangs, dem bald der große folgen sollte. Starrend, bewegungslos, aber unendlich fasziniert davon, was sie zerstört.

Faszination des Schreckens

Es ist solche Zweideutigkeit, die einen nicht froh werden lässt an dieser aufwendigen, von WDR Köln und ZDF samt Kooperationspartner arte organisierten Rekonstruktion und Wiederaufführung dieses nicht weniger aufwendig gemachten Stummfilms mit Orchesterbegleitung. Was Regisseur, Drehbuch­autor und Produzent Carl-Ludwig Achaz-Duisberg in seinem „Spreng­bagger 1010“ feiert, ist die Macht der Technik, der sich niemand entgegenstellen kann. Nur wenige Jahre später wird es die Technik der Macht sein, die eine andere Zerstörung einleitet und an der sich diese mediokre Figur des Berliner Theaterlebens, dieser dandyhafte Sohn des I.G. Farben-Herrn Carl Duisberg dann auch wieder beteiligen wird. Immerhin, für ihn, für Duisberg jun., ist etwas Entscheidendes geblieben unter den neuen Herren Goebbels und Göring: die Faszination des Schreckens.

Das sah die zeitgenössische Theaterszene nüchterner. Beeindruckt war sie nämlich weder von Duisbergs solitär gebliebenem, floppigem Debütfilm noch von seinen seit 1909 auf den Reinhardt-Bühnen demonstrierten Schauspiel­künsten. Beeindruckt war Berlin vor allem von einem – vom Geld, das der kulturaffine, zuerst im diplomatischen Dienst untergebrachte Abkömmling eines Großbourgeois, herbeizuschaffen wusste. 1929 ermöglicht ein stattlicher Barscheck des Alten Herrn, dass sich Carl-Ludwig ein ganzes Filmteam zusammen­kaufen kann, darunter allein vier Kameraleute, ferner mit Walter Gronostay einen aufstrebenden Jung-Komponisten, ein vierzig-Mann Orchester und mit Heinrich George einen Kino-Superstar. Anfang 1933 dann, Max Reinhardt steckt über beide Ohren in der Schuldenfalle, sorgt Achaz (sein Künstler­name) noch einmal mit einem Auftritt als rettender Geld-Ritter für Szenenapplaus. Ein Tag vor der Machtübernahme durch die Nazi-Partei wird bekannt, dass er und Partner Heinrich Neft von der Berliner Volksbühne das bankrotte Deutsche Theater zum 31. März übernehmen würden – dank einer halben Million Reichsmark aus Leverkusen. Als frisch gekürter Theaterleiter, nun von Gnaden des „Reichskultur­walters“ Hinkel, fällt der charakterlose Gernegroß seinem Lehrmeister Reinhardt in den Rücken, streicht in einer kriecherischen Unterwerfungsgeste dessen letzte DT-Inszenierung, Hoffmans­thals „Welttheater“, aus dem Spielplan und inszeniert mit „Ewiges Volk“ eines gewissen Kurt Kluge seinerseits das erste Nazistück: Menschen, die vor einer riesigen Hakenkreuzfahne auf den Knien herumrutschen und ihr die Reverenz erweisen. Ein Kotau, der in der Filmschöpfung von 1929, in der dubiosen Beschwörung einer Gewaltmaschinerie bereits prädisponiert ist. Kein Platz darin für das Technologie­kritische von Fritz Langs „Metropolis“ oder fürs Spielerisch-Fantastische, Verliebt-Experimentelle, das etwa Walter Ruttmanns „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ ihren Zauber gibt.

Statt Liebe: Versessenheit

Verhandelt wird, wie Bagger-Erfinder Karl Hartmann dank der Überredungskünste seiner Assistentin, einer coolen Muse mit Seitenscheitel und umgebundener Krawatte, von seinen Ingenieurs-Selbstzweifeln kuriert wird. Es ist Olga, die Hartmanns Konstruktionszeichnung, vom findigen Ingenieur in durchwachter Nacht geschaffen, beim gemeinsamen Arbeitgeber andienert, bei Direktor March, einem Kohlebaron, den „Metropolis“-Star Heinrich George gibt, wie man sich das Haupt einer großbourgeoisen Männerrunde zur Drehzeit 1929 in Berliner Künstlerkreisen halt so vorstellt: Nach dem historischen Vorbild der Leuna-Werks-Schlote, die March aus seinem Fenster sehen kann, muss auch George mächtig Dampf machen. Da gehören die Zigarren zum Herrscher-Milieu wie der Cut, der Zwicker, das Einstecktuch, der geile Blick auf Frauenschenkel und die Unterperspektive, die den Protagonisten verleiht, was und wie sie sich selbst gern sehen: erhaben, unaufhaltsam, unhinterfragbar.

Und selbst wenn sich der mit seinem Technik-Zweifel kokettierende Ingenieur zwischen der rassigen Assistentin Olga und der Verlobten Camilla von Einerm, Gutsherrin auf Nilsenhöh, wiederfindet, ist dies doch nicht die Konfliktstellung eines Liebhabers. Vorbild ist hier schon eher die Herkules-Zwickmühle am Scheideweg. Der in die Midlife Crisis geratene Heros wählt ja bekanntlich auch nicht zwischen zwei Frauen, sondern zwischen Tugend und Laster in Frauen­kostümen. Nicht anders diese Konstellation. „Sprengbagger 1010“ ist ein Thesenfilm, der äußere und innere Natur, der sämtliche auf Erbschaft und Tradition gegründeten Verhältnisse der Ideologie des Sachzwangs aufopfert. Der Einwand, das Ganze sei womöglich kritisch gemeint, verfängt kaum. Was Achaz-Duis­berg inszeniert, ist die Faszination am Schrecken, was am Vorabend des Dritten Reiches die eigentümliche Bereitschaft derjenigen dokumentiert, die später „Mitläufer“ heißen werden. 

Bliebe die Musik des jungen Walter Gronostay (1906–1937), einem als Autodidakten zur Kunst gelangten Komponisten, der immerhin einmal zum Berliner Schülerkreis Arnold Schönbergs gehört hatte. Keine Geringeren als Rudolf Kolisch, Eugene Lehner und Benar Heifetz haben einem Streichtrio Gronostays 1927 zur Uraufführung verholfen. Nur eben, dass – entgegen der Werbung der Essener Veranstalter – in Gronostays „Sprengbagger“-Musik von diesen Tönen und Klängen nichts zu hören ist. Eine falsche Fährte, die auch der für die Synchroneinrichtung nach der Originalpartitur beauftragte Mainzer Komponist Bernd Thewes auf der arte-Homepage erstaunt registriert. Im Gegenteil verweist die maschinenmäßig-schraffierende Orchester-Oberfläche mit den herausgehämmerten Parallelakkorden auf eine substantielle Hindemith-Nähe, deren monotone Wirkung zur Industriewelt passen mag, das Ohr aber doch bald verstopft. Sicher, auch Gronostay kennt und nutzt das erweiterte Filmmusik-Konzept, wie es ein Edmund Meisel für Ruttmanns Großstadt-Sinfonie praktiziert hatte: Erweiterte Dur-Moll-Tonalität, Betonung des Rhythmischen, nicht nur illustrative Einbindung des Geräuschs und strategische Annäherung von U und E etwa im Hineinnehmen von Schlagermusik bei der Verlobungsszene.

Andererseits: Den Zwang, sich zum Erfüllungsgehilfen einer technokratischen Ideologie machen zu müssen, lässt die Musik nicht unbeschadet. Wo ein vernageltes Drehbuch selbst eine genretypische Liebesgeschichte meidet, bleibt Gronostay als einzige „Widerstands“-Figur schließlich nur jene fromme Müllerin, die sich standhaft weigert, ihre Mühle zu verkaufen. Gronostay zitiert dazu den alten Luther-Choral „Ein feste Burg“. Zu wenig zum Überleben. Antiphonisch geführte Holzbläser und Streicher lassen uns teilnehmen am Seelenkampf der Alten. Nur, bevor sie ihre Mühle anzündet, sagt sie auf Marchs fatales Immobilienaufkäufer-Credo „Niemand kann die Industrie aufhalten!“ noch etwas sehr Richtiges. Wir jedenfalls, die wir geschockt und genervt von den ewig havarierenden Schöpfungen der Hartmanns in Fukushima und anderswo auf unseren Zollvereins-Konzertstühlen herumrutschen, müssen ihr darin beipflichten. „In dieser Welt möchte ich nicht leben!“

Sendehinweis: „Sprengbagger 1010“ am 30. Mai, 24.00 Uhr bei arte
www.arte.tv/de/film/­stummfilm-auf…

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