Ein junges Publikum in der Faktorenananalyse

Empirische Studie über ein Familienkonzertmodell in Kooperation mit Grundschulen · Von Ulrike Schwanse


(nmz) -

Die Frage, wie man auch jüngere Menschen zu regelmäßigen Konzertbesuchen motivieren kann, wird heute vielerorts intensiv diskutiert. Ulrike Schwanse untersuchte in ihrer an der Universität-GH Paderborn angenommenen Dissertation Familienkonzerte, die auf einer Kooperation des Konzertveranstalters mit Grundschulen basieren.

Ein Artikel von Ulrike Schwanse

„Familienkonzerte in Kooperation mit Grundschulen – ein Konzept und seine Wirkungen”
In dieser empirischen Studie wurde ein Familienkonzertmodell in Kooperation mit Grundschulen untersucht. Derartige Organisationsmodelle existieren in einigen Regionen Deutschlands bereits seit vielen Jahren, beispielsweise in Detmold und Velbert. Eine Übertragbarkeit auf andere Städte – im vorliegenden Fall war es beispielhaft die Stadt Essen – erwies sich als durchaus realisierbar.

Folgende Fragestellungen standen im Mittelpunkt:

  • Wie ist das Publikum bei Familienkonzerten in Kooperation mit Grundschulen zusammengesetzt?
  • Welche Einflüsse sind dafür ausschlaggebend, ob Familien ins Konzert kommen oder nicht?
  • Welche Wirkungen hat das Erlebnis eines Live-Konzerts, und worauf beruhen diese?
  • Welche Funktion haben Familienkonzerte in Kooperation mit Grundschulen?

Inhaltliche Abstimmung von
Konzertinszenierung und Musikunterricht

Ein wesentliches Element des untersuchten Familienkonzertmodells war die inhaltliche Abstimmung von Konzertinszenierung und Musikunterricht. Eine vorangestellte Lehrerfortbildung diente der Information und Motivation der Grundschullehrer/-innen sowie der Besprechung eigens entwickelter Unterrichtsmaterialien. Grundlegende Voraussetzung für eine solche Herangehensweise war die Kooperation zwischen Schulamt und Konzertveranstalter. Die zum Großteil den Musikunterricht fachfremd erteilenden Lehrer wurden so in die Lage versetzt, ihre Schüler gezielt auf das Konzert vorzubereiten. Die Abstimmung von Inszenierung und Unterricht erfolgte auch mit dem Ziel, Unterrichtsergebnisse in das Konzert einzubeziehen. Dazu gehörten Bewegungschoreographien, Bilder, aber auch Lieder zu Melodien, die von den Kindern im Konzert wieder erkannt werden konnten. Für das untersuchte Familienkonzertmodell wurde unter anderem die Suite „Max und Moritz“ op. 127 von J. Koetsier ausgewählt. Im Durchschnitt verwandten die Grundschullehrer/-innen fächerübergreifend zehn Unterrichtsstunden für die Konzertvorbereitung.

Untersuchungsmethoden

Die Untersuchung gliederte sich in eine Vor- und eine Hauptuntersuchung und bezog qualitative (Interviews, Briefe, Gruppendiskussionen) und quantitative (Fragebögen) Methoden ein. Es wurden Eltern, Lehrer, Schüler, aber auch Nicht-Konzertbesucher befragt.

Bereits der Kartenvorverkauf bestätigte, dass eine derartige Kooperation zu ausverkauften Konzertveranstaltungen führen kann. Die Grundschullehrer/-innen erwiesen sich als die wichtigsten Werbeträger. Das untersuchte Familienkonzert stellte für viele Eltern ein Schlüsselerlebnis dar. Die Hälfte der Familien war zum ersten Mal gemeinsam mit ihren Kindern im Konzert. Für ein Viertel der Eltern war dies überhaupt der erste Konzertbesuch in ihrem Leben! Das Familienkonzertpublikum bestand zu 50 Prozent aus Erwachsenen, zu 50 Prozent aus Kindern. Die Eltern waren im Durchschnitt 39 Jahre alt. Die Hälfte aller Eltern, die das Konzert besuchten, hatte keinen höheren Schulabschluss. Der Besuch des Familienkonzerts in Kooperation mit Grundschulen hing entscheidend vom Vorschlag des Lehrers ab. Weder Eltern noch Kinder gingen in erster Linie ins Konzert, um klassische Musik zu hören. Das Fernbleiben vom freiwilligen Konzert wurde von den Nicht-Konzertbesuchern weitestgehend mit anderen Freizeitinteressen begründet.

Der geringere Stellenwert von Familienkonzertbesuchen innerhalb der Familienfreizeit verstärkt die wichtige Multiplikatorenfunktion der Grundschullehrer/-innen. Selbst Eltern, die das Konzert besucht hatten, bevorzugten generell andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Hinsichtlich der Wirkung des Familienkonzerts interessierten drei Fragen:

  • Warum hat das Familienkonzert gefallen?
  • Bewirkt ein Live-Konzert-Erlebnis Präferenzänderungen bei den Schülern?
  • Löst das Live-Konzert-Erlebnis den Wunsch nach weiteren Konzertbesuchen aus?

Das Familienkonzert hat aus folgenden Gründen gefallen:

  • Lehrerfortbildung
  • Vorbereitung der Kinder auf das Konzert in der Schule
  • Verbindung von Musik mit einer Geschichte
  • Einbeziehung des Publikums während des Konzerts
  • Konzertmoderation
  • Instrumentenvorstellung
  • Konzertraumausgestaltung mit Kinderbildern
  • Zeigen von Kinderbildern während des Konzerts.

Die Wirkung des Familienkonzerts hing entscheidend von didaktischen und methodischen Aspekten ab, die sich nur in Kooperation mit Grundschulen realisieren ließen.
Die Untersuchungsergebnisse einer zusätzlichen Experimentalstudie (Befragung der Schüler vor und nach dem Live-Konzert-Erlebnis) zeigten, dass Musikpräferenzen (kurzfristige Vorlieben) bei den Kindern durch einen einmaligen Familienkonzertbesuch nicht beeinflusst werden konnten.

Auch die Wünsche der Schüler für die gemeinsame Freizeitgestaltung ließen sich nicht signifikant beeinflussen. Das unterstreicht die Notwendigkeit eines regelmäßigen und kontinuierlichen Angebotes von derartigen Familienkonzerten. Allerdings beeinflusste das Erlebnis eines Live-Konzerts bei den Schülern das Gefallen an den vorgestellten Instrumenten signifikant und initiierte den Wunsch, diese Instrumente erlernen zu wollen.

Das Familienkonzert löste den Wunsch nach weiteren Familienkonzertbesuchen aus. Familienkonzerte wären in der Lage, ein neues Publikum zu binden. Dies scheint jedoch nur durch kontinuierliche Information und Motivation seitens der Lehrer möglich. Deren Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit ist das wichtigste Potential für die dauerhafte Bindung eines neuen Familienkonzertpublikums.

Das Verfahren der Faktorenanalyse ermöglichte das Auffinden von übergeordneten Dimensionen, die als Funktionen von Familienkonzerten definiert werden konnten. Eltern erwarten keineswegs nur Spaß und Unterhaltung. Ein exzellentes Spiel der Musiker oder die Musikauswahl stehen ebenso wenig an erster Stelle. Was unsere heutige Elterngeneration von Familienkonzerten vor allem erwartet, ist musikalische und kulturelle Bildung für ihre Kinder und für sich selbst. Der eigentlichen empirischen Untersuchung wird in der Dissertation ein Überblick zur aktuellen Konzert-, Familien-, Freizeit- und Schulmusiksituation in Deutschland vorangestellt. Es folgen die Darstellung der Geschichte des Familienkonzerts, der Grundlagen der musikalischen Wahrnehmungsfähigkeit, eine Zusammenfassung themenrelevanter Erkenntnisse der Musikpräferenzforschung sowie eine umfassende Literaturauswertung. Neben diesem grundlegenden Einblick zum Thema Familienkonzert ermöglichen die ergänzenden Unterrichtsmaterialien eine unmittelbare praktische Umsetzung.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

  • Jungen Gitarristen eine Chance bieten - Der Anna-Amalia-Wettbewerb in Weimar
    01.05.2005 Ausgabe 5/2005 - 54. Jahrgang - Pädagogik - Eckart Rohlfs
  • Über Nono ins Netzwerk - Ingrid Allwardt ist Geschäftsführerin des „netzwerks junge ohren“
    01.12.2007 Ausgabe 12/2007 - 56. Jahrgang - Pädagogik -
  • Zweierlei Schlagfertigkeiten - Künftige Kapellmeister trainieren den konzertpädagogischen Ernstfall
    05.10.2009 Ausgabe 10/2009 - 58. Jahrgang - Pädagogik - Barbara Stiller, Christian Schruff
  • Was es heißt, von Cage zu lernen - Darmstädter Schüler lassen sich von der Ausstellung „A House Full Of Music“ inspirieren
    02.07.2012 Ausgabe 7/2012 - 61. Jahrgang - Pädagogik - Doris Kösterke
  • Neue Zielgruppen im Fokus - Anmerkungen zum musikädagogischen Hochschulwettbewerb
    02.07.2012 Ausgabe 7/2012 - 61. Jahrgang - Pädagogik - Barbara Stiller