Ein ruheloser Humorist

Rudolf Hindemith als Komponist wiederentdeckt


(nmz) -

Die beiden hochmusikalischen Brüder Paul und Rudolf Hindemith, der eine 1895, der andere 1900 geboren, waren zunächst das Aushängeschild der Familie; später musizierten die einstigen Wunderkinder auch professionell zusammen, nämlich im Amar-Quartett, einer der führenden Quartettvereinigungen in der Neue-Musik-Szene der Zwanzigerjahre. Aber Rudolf Hindemith, der Cellist des Quartetts, blieb nicht lange. Er floh den Schatten des immer berühmter werdenden älteren Bruders, wechselte ins Blasmusik- und Jazz-Milieu, fing an zu dirigieren, und als Paul emigrieren musste, blieb er in Deutschland und landete, obwohl keineswegs ein Nazi-Parteigänger, ausgerechnet am Dirigentenpult des „Sinfonieorchesters des Generalgouvernements“ in Krakau, dem Paradepferd des berüchtigten Gauleiters Hans Frank, der als „Schlächter von Polen“ unrühmlich in die Geschichte einging und am Galgen eines polnischen Militärgerichtes endete.

Ein Artikel von Hartmut Lück

Die beiden hochmusikalischen Brüder Paul und Rudolf Hindemith, der eine 1895, der andere 1900 geboren, waren zunächst das Aushängeschild der Familie; später musizierten die einstigen Wunderkinder auch professionell zusammen, nämlich im Amar-Quartett, einer der führenden Quartettvereinigungen in der Neue-Musik-Szene der Zwanzigerjahre. Aber Rudolf Hindemith, der Cellist des Quartetts, blieb nicht lange. Er floh den Schatten des immer berühmter werdenden älteren Bruders, wechselte ins Blasmusik- und Jazz-Milieu, fing an zu dirigieren, und als Paul emigrieren musste, blieb er in Deutschland und landete, obwohl keineswegs ein Nazi-Parteigänger, ausgerechnet am Dirigentenpult des „Sinfonieorchesters des Generalgouvernements“ in Krakau, dem Paradepferd des berüchtigten Gauleiters Hans Frank, der als „Schlächter von Polen“ unrühmlich in die Geschichte einging und am Galgen eines polnischen Militärgerichtes endete.Nach dem Kriege führte Rudolf Hindemith ein unstetes Leben als Dirigent, Komponist und Pädagoge, wechselte die Pseudonyme wie die Hemden, um ja nicht als „Hindemith“ tituliert zu werden. Auf dem Grabstein des 1974 völlig vereinsamt in der Nähe von München Verstorbenen steht der Name „Hans Lofer“ – und damit schien das Kapitel Rudolf Hindemith abgeschlossen zu sein. Aber wir leben im Zeitalter der Ausgrabungen: es gibt Schüler, die sich an ihn erinnern – nicht nur an den skurrilen, manchmal grausamen Lehrer, sondern auch an den Komponisten. Und es gibt Hans Gerd Brill, Musikwissenschaftler an der Universität Münster, der eine Broschüre über Rudolf Hindemith veröffentlichte (eine umfassende Monografie ist in Arbeit). Eine der persönlichen Beziehungen führte auch nach Bremen, und so gab es nun vom 18. bis 20. Februar ein richtiges kleines Rudolf-Hindemith-Festival in der Hansestadt, veranstaltet von der Philharmonischen Gesellschaft, mit Klavier- und Kammermusik, einem Workshop und sogar einer Uraufführung: das in den 60er-Jahren entstandene Klavierkonzert, oder, wie der Komponist es kauzig-originell nannte, die „Suite für Klavier und Orchester“.

Kolja Lessing als Solist und George Alexander Albrecht am Dirigentenpult des Philharmonischen Staatsorchesters Bremen präsentierten eine nur etwa 16 Minuten lange, fünfsätzige und sehr kurzweilige Komposition, die zwischen Bitonalität und dem Neoklassizismus des älteren Bruders anzusiedeln ist, die Einflüsse von spanischer Folklore und Jazz verrät und in allen unterschiedlichen Genre- und Satztypen stets durch lakonische Kürze gekennzeichnet ist. Wo der ältere Paul gelegentlich zum Pathos neigt, ist bei Rudolf bezüglich „Ausdruck“ so gut wie Fehlanzeige: Er versteckt sich hinter Ironie und Sarkasmus, lässt sein Innerstes nicht heraus, maskiert sich, springt innerhalb seiner ohnehin extrem kurzen Sätze von einer Genre-Intonation zur kontrastierenden anderen.

Man kann keineswegs sagen, dass Rudolf Hindemith ein schlechter Komponist oder seine Musik ein „Abklatsch“ sei; er offenbart eine durchaus verblüffende Originalität und ein sprühendes Temperament – in den charakteristischen Grenzen, die seiner Persönlichkeit entsprachen. Das betrifft auch die humorvolle Kammermusik wie den gerade eine Minute dauernden Satz für Streichquartett „Der Spiegel oder Hin und zurück“, der nur bis zu einem gehaltenen Akkord notiert ist, weil danach die Musik exakt krebsgängig zum Anfang zurückläuft. Die Solisten des Staatsorchesters sowie die beiden Pianistinnen Mari Holló und Jutta Müller-Vornehm boten ansprechende und spritzige Interpretationen.

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