Eine Kulturhauptstadt von allen und für alle: Oliver Scheytt im Gespräch


(nmz) -
Europas Kulturhauptstadt 2010 ist in Wirklichkeit keine Stadt, sondern eine Städtelandschaft bestehend aus 53 Städten und 5,3 Millionen Einwohnern, aus hunderten Kultureinrichtungen und tausenden von Kulturschaffenden. Von Oliver Scheytt, Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, wollte die neue musikzeitung wissen, wie viel Kunst, Kultur und Kreativität sich hinter der Marke RUHR.2010 verbirgt.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Oliver Scheytt

neue musikzeitung: Ein Viertel des Kulturhauptstadt-Jahres ist bereits vorbei. Wie geht es Ihnen?

Oliver Scheytt: Wir hatten einen sehr langen planerischen Vorlauf, aber jetzt, wo das Jahr der Kulturhauptstadt Essen da ist, bin ich überrascht, wie rasch die Monate vorbeigehen. Wir hatten schon diverse Erfolge zu verbuchen, etwa die Eröffnungsfeier oder der gelungene Start der „Odyssee“. Der Zuschauerzuspruch ist viel höher, als wir erwartet hatten, auch die Medienaufmerksamkeit. Pro Tag erhalte ich einen Pressespiegel von bis zu 150 Seiten. Bisher sind alle meine Erwartungen übertroffen worden.

nmz: Wie konzipiert man ein Kultur-Event, das eben kein Event, sondern Kultur sein will?

Scheytt: Ein Kulturhauptstadtprogramm ist etwas ganz anderes als ein Festivalprogramm oder das Programm einer einzelnen Einrichtung. Deswegen sprach ich mich sehr frühzeitig dafür aus, ein Direktorium einzusetzen, das eine große Bandbreite von künstlerischen Kompetenzen zusammenbringt. Das hat sich bewährt. Wir arbeiten von Beginn an bis jetzt mit derselben Führungscrew: der Architekt und Städteplaner Karl-Heinz Petzinka, die Direktorin für das Themenfeld Stadt der Kulturen, Aslı Sevindim, die als Migrantin der zweiten Generation wiederum eine ganz andere Farbe einbringt als etwa Steven Sloane als Direktor für die darstellenden Künste, oder Dieter Gorny als Musik- und Medienmanager. Und Fritz Pleitgen und ich bringen als Geschäftsführer wiederum andere Kompetenzen ein.

Wir wollen eine Kulturhauptstadt von allen und für alle sein. Wir legen unserer Arbeit den sogenannten erweiterten Kulturbegriff zugrunde und fragen, wie leben und arbeiten die Menschen heute und in Zukunft hier in dieser werdenden Metropole? Wir fragen nach Baukultur, Stadträumen, Wohnkultur und so weiter. Im Kern unseres Konzepts haben wir die Künste als das zentrale Element jeder Kultur: von Filmkunst, Fotografie, Kunst im öffentlichen Raum bis zur Musik in allen Formen. Wir haben ein komplexes System entwickelt, das dann auf drei Leitthemen reduziert wurde: Mythos Ruhr begreifen, Metropole gestalten und Europa bewegen. Diese drei Leitthemen durchziehen das gesamte Programm, unsere gesamte „Erzählung“.

nmz: In Essen gibt es seit 1927 die Folkwang Hochschule. Wurde denn an die zentrale Folkwang-Idee – die Rückführung der Kunst ins Leben – angeknüpft?

Scheytt: Als jemand, der an der Folkwang Hochschule studiert hat und als Kulturdezernent 16 Jahre tagtäglich mit dem Thema zu tun hatte, war es mir klar, dass wir den Folkwang-Gedanken auf seine Aktualität befragen. Karl Ernst Osthaus hat sich um die vorletzte Jahrhundertwende mit Fragen wie Stadtplanung, Kunstgewerbe, Architektur und Musik auseinandergesetzt, und die Folkwang Universität für Musik, Theater, Tanz, Gestaltung und Wissenschaft hat jetzt auch die gesamte Bandbreite dieser Künste unter einem Dach vereint. Der Gedanke an das Zusammenspiel der Künste ist im Folkwang-Gedanken angelegt. Wir haben an diesen Gedanken angeknüpft und interpretieren ihn neu. Die Folkwang Universität und das Museum Folkwang sind Markenzeichen unserer Metropole. Genau das möchte die EU: Sie möchte von uns wissen, was wir Europa für eine Geschichte zu erzählen haben und welche Künstlerpersönlichkeiten uns geprägt haben.

nmz: Welche Musikgeschichten wollen Sie erzählen?

Scheytt: Steven Sloane hat sich drei große Produktionsformate gesucht. Das Werk des Komponisten Hans Werner Henze bietet allen die Möglichkeit zu partizipieren, egal ob Ballett, Oper, Orchester und Kammermusik. Es sind 40 Partner gewonnen worden, die zeigen, was für ein Potenzial in der Metropole da ist, die aber auch den Künstler Henze würdigen.

Zur Dramaturgie gehört auch, dass die Wirkungen von Henze nicht vernachlässigt werden: Werke von Henze-Schülern kommen zur Aufführung; die Auftragskomposition „Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“ ist eine Jugendoper, von und für Jugendliche. Der Aspekt, junge Menschen heranzuführen, der Hans Werner Henze sehr wichtig war, ist ein durchgängiger Aspekt aller unserer Projekte und hat im Henze-Zyklus eine besondere Bedeutung.

Die zweite große Produktionsfigur heißt !SING: Gestartet ist sie im Januar mit der „musica enchiriadis“. In der Essener Domschatzkammer sind zwei Abschriften der frühmittelalterlichen Handschrift „musica enchiriadis“ ausgestellt. Das Original-Dokument ist mit großer Wahrscheinlichkeit im Werdener Benediktinerkloster niedergeschrieben worden. Beim !SING-DAY OF SONG sind 500 Konzerte von Chören aus dem Ruhrgebiet geplant, als große Singbewegung, die jetzt schon eingesetzt hat. Auf mehreren Schiffsparaden werden 25 Chöre zur Arena Auf Schalke fahren und dort mit hunderten weiterer Chöre unter anderem den Gefangenenchor aus Verdis Nabucco und Beethovens 9. Sinfonie aufführen. Das klingt nach Event, aber wir wollen auch große Bilder erzeugen, die keiner mehr aus seinem Gedächtnis verlieren wird. Und diese Singbewegung wird länger wirken.

Das dritte musikalische Großprojekt heißt „Jedem Kind ein Instrument“, das zur Kulturhauptstadt ins Leben gerufen worden ist. Es hat eine Revolution des Musikschulwesens ausgelöst, und wie bei allen Revolutionen gibt es Elemente, die gewaltvoll wirken, wo man aus Fehlern lernen sollte. Mich haben Leute 2001 für verrückt erklärt, als ich sagte, dass wir Kulturhauptstadt werden wollen. Ich hätte jeden anderen für noch verrückter erklärt, der gesagt hätte, es gibt bald 50 Millionen Euro für „JeKi“. Jetzt ist diese Chance da, jetzt dürfen wir uns freuen, müssen alles aber auch auswerten und zukunftsfähig ausrichten.

nmz: Hier das Feuerwerk von Ruhr 2010. Dort die finanziellen Probleme einiger Ruhrkommunen. Ist die Kulturhauptstadt zum Deckmäntelchen für kulturellen Kahlschlag im Ruhrgebiet geworden?

Scheytt: Wir können vor der Krise nicht die Augen verschließen, RUHR.2010 ist selber zum Teil betroffen. Nicht so stark, wie man es befürchten müsste, weil das Land glücklicherweise allen Städten bereits im Herbst 2008 zwei Euro pro Einwohner überwiesen hat – die dürfen nur für Kulturhauptstadtprojekte ausgegeben werden. Die Kulturhauptstadtprogramme können weitgehend wie geplant realisiert werden. Die Sponsoren sind uns fast alle treu geblieben.

Die Frage ist doch, welche kulturelle Infrastruktur brauchen wir in zehn Jahren? In der Tat ist es so, dass sich das Kultur-Nutzerverhalten ändert, dass sich die nachwachsenden Generationen für anderes interessieren als die, die heute 20 oder 30 Jahre alt sind. Diesen Entwicklungsprozess sollten wir jetzt mit Hilfe der Kulturhauptstadt nutzen: Denn auf zwei Feldern sind wir in jedem Falle sowohl in Deutschland als auch in Europa mit unserer Suchbewegung auf einem sehr richtigen Weg, zum Einen im Bereich der Kreativwirtschaft. Wir haben das ECCE, das European Center for Creative Economy gegründet. Dort, wo die ersten Kulturwirtschaftsberichte entstanden sind, im Ruhrgebiet, sollten wir jetzt darüber nachdenken, wie in Zukunft Kreativquartiere gestaltet werden. Gerade auch im Musikbereich müssen wir bessere Produktionsbedingungen bekommen. Das ist nicht nur eine Frage von Subventionen und Zuschüssen, sondern auch eine Frage von Strukturentwicklung.

Das zweite Feld ist das von Aslı Sevindim im Bereich Migration und der Interkultur: Da finden wir in der Weltmusik, in Crossover-Produktionen, im Bereich von Hip-Hop plötzlich kreative Potentiale, die uns vorher überhaupt nicht auffielen. Auch da würde eine Stadt alleine niemals so erfolgreich arbeiten können, wie wir das jetzt mit RUHR.2010 tun.

nmz: Wie sind Sie vorbereitet auf die Zeit danach?

Scheytt: Sie sprechen mit Ihrer Frage die beiden Themen Identität und Image an. Die stimmen im Ruhrgebiet nicht überein. 27.000 Menschen arbeiten noch im Bergbau, aber es gibt über 23.000 Unternehmen der Kreativwirtschaft. Wahrgenommen werden die Zechentürme, aber es sind nur noch vier Zechen in Betrieb. Das Image ist also ein völlig anderes als unsere Identität.

In der Identität sind wir nicht nur auf dem Weg in eine globalisierte, medialiserte Kulturgesellschaft, sondern wir können aus unserer Vergangenheit, aus der Solidarität, dem Mut, der Mentalität der Menschen, die hier leben, schöpfen. Viele Bürger identifizieren sich inzwischen mit der gesamten Metropole Ruhr, nicht länger nur mit ihrer jeweiligen Stadt.

nmz: Stichwort Kulturtourismus. In London, Barcelona, Paris, da weiß ich, wo ich ankomme, wo das  Zentrum ist. Wo komme ich in der Ruhrmetropole an, wie lenken Sie die Besucherströme?

Scheytt: Ruhr 2010 hat zusammen mit der Ruhr Tourismus GmbH und den Institutionen der Städte ein richtungsweisendes neues Informations- und Besucherführungssystem entwickelt.

Wir haben fünf neue Besucherzentren: am Binnenhafen in Duisburg, am Gasometer in Oberhausen, auf Zollverein, im Bergbau Museum in Bochum und im Dortmunder U.  Für die Metropole Ruhr entwickeln wir eine kognitive Landkarte. Binnenhafen, Gasometer, Zollverein, Jahrhunderthalle, Dortmunder U. Wenn wir diese Bilderketten auslösen, entstehen – wie man das im Tourismus sagt – touristische Leistungsversprechen.

nmz: Ruhr.2010 hat zwei Partner: die beiden Kulturhaupstädte Istanbul und Pécs. Welche Wechselwirkungen gibt es da?

Scheytt: Kunst und Kultur sind der Treibstoff des Wandels. Dabei spielt die Migration bei uns eine große Rolle. 170 Nationen, die 90 Sprachen sprechen, leben im Ruhrgebiet. Von 560.000 Menschen ohne deutschen Pass sind 260.000 im Besitz eines türkischen. Dazu die mehreren Hunderttausende, die türkischer Abstammung sind, aber einen deutschen Pass haben. Wir sind nach Berlin die nächstgroße türkische Stadt außerhalb der Türkei, insofern gibt es innerste Verbindungen zu Istanbul. 40 Projekte unseres Programms haben Türkeibezug. Dazu haben wir mit „TWINS“ 100 Projekte auf der Basis der europäischen Städtepartnerschaften entwickelt. Zu Pécs gibt es ähnliche Bezüge. Die Stadt war viele Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft, und die Spuren aus dieser Zeit reichen bis in die Gegenwart. Ein Wahrzeichen von Pécs ist die in eine katholische Kirche umgewidmete Moschee im Stadtzentrum. Gleichzeitig beherbergt Duisburg Deutschlands größten Moscheebau, allein in Essen gib es 80 Moscheen. Damit sind kulturelle Wandlungsprozesse verbunden, die alle Kulturhauptstädte in ihrer jeweils spezifischen Form herausfordern. Das Ruhrgebiet steht hier für gelebte Toleranz.

Das Gespräch führte Andreas Kolb

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