Eine transatlantische Wahlverwandtschaft

Friedrich Stock und Karl Muck: Dirigentenkarrieren in den Vereinigten Staaten


(nmz) -
Cincinnati, Boston, Philadelphia, Pittsburgh – fast alle großen Sinfonieorchester der USA, die sich im 19. und 20. Jahrhundert einen Namen gemacht haben und heute zu den renommiertesten Ensembles der Welt zählen, entstanden nach dem amerikanischen Bürgerkrieg unter der Ägide deutscher Dirigenten und spielten vornehmlich die Werke der deutschen Meister.
Ein Artikel von Jessica Gienow-Hecht

Wer waren diese Musiker? Warum haben sie Europa verlassen und sind in ein, wie Nikolaus Lenau es formulierte, „Land ohne Nachtigall“ gegangen? Was ist von ihrem Engagement übrig geblieben? Ihre Namen lassen vergangene Zeiten aufleben: Arthur Nikisch. Emil Paur. Wilhelm Gericke. Ihre Motive zur Ausreise in die USA wirken dagegen zeitlos: Bessere Berufsaussichten haben nach der Revolution von 1848 viele Musiker über den Ozean gezogen. Manche hatten vorab bereits lukrative Angebote erhalten. Die meisten Männer – und dies ist im Wesentlichen eine Geschichte der Männer – jedoch zeigten dazu eine echte Missionsvision, der Neuen Welt Musik zu bringen. Friedrich Stock in Chicago und Karl Muck in Boston waren zwei der prominentesten Dirigenten dieser Jahrzehnte, die die deutsch-amerikanische „Musikautobahn“ bereisten. Auf den ersten Blick hatten diese beiden Künstler viel gemeinsam. Auf den zweiten konnte ihr Lebensweg unterschiedlicher nicht sein. Beide hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Sinfoniekultur der USA und für beide war der Erste Weltkrieg der große Test, der Wendepunkt ihres Lebens.

Friedrich Stocks Leben liest sich wie eine Bilderbuchgeschichte des amerikanischen Traumes: 1872 in Jülich geboren, begann Stock seine Karriere als Student der Streichinstrumente am Kölner Konservatorium. Dort entdeckte ihn in den 1895–Jahren Theodore Thomas aus Chicago, selbst ein deutsch-amerikanischer Dirigent, der in Europa nach jungen Nachwuchstalenten für das Chicago Orchestra suchte. Wir wissen, dass Stock ein ausgesprochener Freidenker war, und als Thomas ihm ein Angebot zur Mitwirkung als Bratschist in Chicago machte, dachte der junge Mann nicht lange nach, bevor er ja sagte. 1895 bestieg der 22-Jährige das Schiff „Patria“ und segelte in die USA.

Der junge Stock muss ein außergewöhnlich charismatischer Mann gewesen sein, offen, humorvoll, gut aussehend mit großen blauen Augen und blonden Haaren. Noch auf dem Schiff traf er seine große Liebe und die beiden verlobten sich, bevor die „Patria“ in New York vor Anker ging. Als Thomas zehn Jahre später starb, wurde Friedrich Stock sein Nachfolger als Dirigent des späteren Chicago Symphony Orchestra. Fast vierzig Jahre lang hatte er diese Position inne und arrivierte zum Markenzeichen der 220 South Michigan Avenue. Politisch wurde Stock in den USA im Handumdrehen zu einem aufrechten Amerikaner: Am Morgen nach seiner Ankunft in Chicago marschierte er zum Rathaus, legte seine deutsche Staatsbürgerschaft ab und erklärte, er wolle amerikanischer Staatsbürger werden. Kulturell hingegen blieb Stock Europa verbunden: Er las jeden Morgen die Psalmen auf deutsch, besuchte Deutschland in den Sommermonaten und dirigierte gelegentlich europäische Orchester, darunter die Berliner Philharmoniker. Und trotz innovativer Kompositionen aus eigener Feder dirigierte Stock vornehmlich die romantischen Meisterwerke des 19. Jahrhunderts. Briefe an seine Tochter Vera schrieb er zweisprachig, sogar die Unterschrift: „Father – Vater“. Englisch sprach er mit starkem deutschen Akzent, das „th“ wurde oft zum „t“ und seine Wortverdrehungen waren legendär.

Philosophen sprechen heute von „verwurzeltem Kosmopolitanismus“, und die amerikanische Welt der Musik, der Konzerte und der Hochkultur hat diesen Mann sehr geliebt. Das Publikum von Chicago mochte seine Programme, sein Jovialität und seine Herkunft. Nur in Krisenzeiten hatten die Zeitgenossen keine Verwendung für derartig verschlungene Identitäten: Im ersten Weltkrieg kam Stock seine deutsch-amerikanische Identität teuer zu stehen. Dabei gab es keinen Zweifel, auf welcher Seite er stand. Als die USA 1917 in den Krieg eintraten, hatte Stock den Mitgliedern des Orchesters eingeschärft, kontinuierlich ihre Loyalität zu den USA unter Beweis zu stellen: „Unsere Köpfe und unsere Hirne müssen jegliche Gefühle ausschließen, die sich auf hochgehaltene Erinnerungen und süße Illusionen der Tage unserer Kindheit beziehen, Tage, die lang vorbei sind und nie wieder kommen werden.“

Doch für das patriotische Klima der USA von 1917 reichte dies nicht. Als das Orchester im Februar 1918 in Milwaukee gastierte, protestierten lokale Abonnenten gegen deutsche Musik – die nach ihrer Ansicht die Musik des Feindes und der Autokratie war. Schon bald geriet Stock selbst in Verdacht, ein innerer Feind des Land zu sein, und im April 1918 verhörte eine Gruppe von Fahndern den Dirigenten zu seinen Ansichten zum Weltkrieg. Sein Nachlass in Chicago ist voll von Briefen, persönlichen Aussagen, Zeitungsberichten, Memoranda und anderen Schriftstücken, mit denen er unermüdlich versuchte, seine Loyalität unter Beweis zu stellen. Dabei ging es gar nicht allein um Loyalität, sondern Stock hatte einen Fehler gemacht, der ihn in eine Falle tappen ließ. Der juristische Einbürgerungsprozess sah vor, dass Bewerber für die Staatsbürgerschaft zweimal innerhalb von sieben Jahren Papiere einreichten. Zwar hatte er sich 1895 gleich um die Staatsbürgerschaft beworben. Doch dann hatte Stock vergessen, zum zweiten Mal die notwendigen Dokumente vorzulegen, und als er diesen Fehler 1917 revidieren wollte, war es zu spät: Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg wurde er ein „enemy alien“ – ein feindlicher Ausländer. Feindliche Ausländer durften nach gewerkschaftlichen Grundsätzen nicht in den US-amerikanischen Orchestern tätig sein. Am Freitag, den 16. August 1918, verkündete das Chicago Journal: „Stock gezwungen zu gehen.“

Dieses Schicksal traf nicht Stock allein. Tausende von Deutsch-Amerikanern, darunter hunderte von Orchestermusikern, die unter dem Eindruck standen, sie seien US-Staatsbürger, sahen sich plötzlich als „feindliche Ausländer“ juristisch gebrandmarkt, entlassen, von Nachbarn beschimpft und vertrieben. In Illinois wurde ein aus Dresden eingewanderter Minenarbeiter in seinem Haus überfallen und an einem Baum aufgehängt. Vor diesem Hintergrund hatte Stock Glück gehabt: Er hatte „nur“ seinen Job verloren, erhielt eine Kompensation von 14.000 Dollar und wurde drei Monate nach Ende des Krieges mit einer Gehaltserhöhung wieder eingesetzt.

Das komplettes Gegenbild dazu bildet Karl Muck, angesehener Dirigent des Bostoner Sinfonieorchesters. Geboren 1859 in Darmstadt, hatte Muck Karriere als Kapellmeister der Königlichen Oper in Berlin gemacht. Henry Higginson, Stifter des Bostoner Orchesters, hatte sich in den Kopf gesetzt, den Musiker in die USA zu holen. Das Unterfangen erwies sich als schwierig: Wilhelm II. sah seinen favorisierten Kapellmeister ungern über den Ozean ziehen, stimmte jedoch einer Beurlaubung im Interesse der deutsch-amerikanischen Beziehung zu: 1906 verließ Muck Berlin für zunächst zwei Jahre, 1912 unterschrieb er einen festen Vertrag bei den Bostoner Sinfonikern.

Muck war in vielerlei Hinsicht ein Mann des 19. Jahrhunderts: Elegant mit einem Hauch von Adel, stets konservativ gekleidet im Gehrock mit steifem Halskragen, schwarzer Krawatte und einer Krawattennadel, die ihm der Kaiser geschenkt haben soll. Sein Repertoire umfasste praktisch alles: die gesamte Romantik ebenso wie für damalige Verhältnisse „moderne“ Komponisten, darunter Sibelius, Debussy und Tschaikowsky. Muck passte hervorragend in das Bostoner Sinfonieorchester: Alle bisherigen Dirigenten und über 60 der Musiker kamen aus Deutschland oder dem Habsburger Reich, dazu einige belgische, französische, italienische und amerikanische Spieler. Anders als die meisten Spieler des Orchesters hatte Muck sich nicht um seine Staatsbürgerschaft in den USA gekümmert. So lange die USA sich nicht mit Deutschland im Krieg befanden, gab es für Muck keine Probleme in Boston. Im Gegenteil, die lokale Presse lobte das Orchester als lebendes Beispiel für die Tatsache, dass Kunst und Krieg nichts miteinander gemein hatten. Noch im April 1917 – nach dem Eintritt der USA in den Weltkrieg — feierte das Publikum den Abschluss der Saison, indem es seinem geschätzten Dirigenten mit einem Kranz und anhaltendem Applaus bedachte. Alle Beteiligten – der Sponsor des Orchesters, Manager, Dirigent und Musiker – müssen unter dem Eindruck gestanden haben, dass diese Gesten auch in Zukunft ihren Status in Boston sichern würde. Zudem gab es pragmatische Gründe, die gegen eine Absetzung des Dirigenten aus politischen Gründen sprachen: Eine Trennung von Muck würde eine Auflösung des Orchesters bedeuten.

Es überrascht daher kaum, dass wie im Fall Stock die ersten Probleme nicht in der Heimatstadt des Orchesters, sondern während eines Gastkonzertes in Providence im Bundesstaat Rhode Island auftauchten. Am Tage vor der Vorstellung im November 1917 forderten die lokale Presse und eine Reihe von Frauenclubs, dass Muck seinem Programm von Beethoven und Wagner die patriotische Hymne „The Star Spangled Banner“ voraussetzen solle. Muck selber wurde von dieser Forderung nicht informiert; Manager und Stifter entschieden, dass niemand sein Programm verändern dürfe. Diese Entscheidung erwies sich als fatal, denn in den Augen der Presse und Öffentlichkeit Rhode Islands war Mucks „Weigerung“ ein direkter Schlag in das Gesicht des US-amerikanischen Nationalstolzes und Beweis für seine Spionagetätigkeit in den USA. Muck selber machte die Sache noch schlimmer, als er a posteriori erklärte: „Glaubt das Publikum, das Sinfonieorchester sei eine Militärkapelle? Uns zu bitten, dass wir ’The Star Spangled Banner’ spielen, ist peinlich. Es ist fast eine Beleidigung. So ein Versuch würde genau das kaputt machen, wofür die Sinfonie steht – musikalische Kunst.“

In den kommenden Wochen kam es in der nationalen Öffentlichkeit zu einem Aufschrei über Mucks Tätigkeit in Boston, Demonstrationen, Kundgebungen, selbst Ex-Präsident Theodore Roosevelt beteiligte sich an der Debatte. Schließlich nahm sich das US-Justizministerium des Falles an. Im Ferienhaus der Mucks in Maine wurden Kabel entdeckt, die Beobachter als Indiz für Signalkontakte zwischen Muck und deutschen U-Booten vor der Küste interpretierten. Plötzlich tauchten mysteriöse Briefe auf, in welchen der Dirigent ausführlich seinen Hass auf die USA und seine Sympathien für Wilhelm II. erörterte. Muck selber wurde von lokalen Beamten des Justizministeriums verhört, als „feindlicher Ausländer“ deklariert (trotz seiner Schweizer Staatsbürgerschaft), im März 1918 inhaftiert und in einem Gefangenenlager im Bundesstaat Georgia interniert, wo er bis 1919 blieb. Sein Besitz und Vermögen wurden konfisziert; einen Großteil davon hat er nie wiedergesehen. Im August 1919 verließen Muck und seine Frau Anita die USA an Bord eines Schiffes mit Kurs auf Kopenhagen: „Ich sah mich selbst als Amerikaner“, so soll Muck auf dem Schiff ausgerufen haben. „Aber sehen Sie sich an, was Amerika mir angetan hat.“

Die musikalische Wahlverwandtschaft zwischen Deutschland und den USA verlief nicht konfliktfrei und sie hatte einen hohen Preis – das zeigt die Geschichte dieser beiden Männer. Letztlich jedoch hat sie alle Kriege überdauert. Denn die „besondere Beziehung“ zwischen beiden Ländern im 20. Jahrhundert orientierte sich auch an einer gemeinsamen kulturellen Vorliebe, die im 19. Jahrhundert begonnen hatte.

Jessica Gienow-Hechts Buch „Sound Diplomacy. Music and Emotions in Trans­atlantic Relations, 1850–1920“ ist 2009 erschienen (The University of Chicago Press). Ein Interview mit der Autorin ist unter www.nmz.de/media zu sehen.

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