Eis, Kohle und eine unprätentiöse Aufgeschlossenheit

Das ziemlich neue „Arctic Chamber Music Festival“ auf Spitzbergen sucht nach seinem Selbstverständnis


(nmz) -
Bei meiner Ankunft in Longyearbyen fühle ich mich unwillkürlich an meine Heimat erinnert: das Ruhrgebiet. Mir begegnen Kohlegruben, Flöze, Wellblechcontainer und schwarzer Schlamm. Mit dem Unterschied, dass hier arktische Temperaturen herrschen, ich umgeben bin von Schnee, Eis, gigantischen Bergpanoramen, und dass es im Juni zu keinem Zeitpunkt dunkel wird. Die im frühen 20. Jahrhundert gegründete Bergarbeiterstadt liegt auf dem arktischen Archipel Svalbard – genauer gesagt: auf der Hauptinsel Spitzbergen. Sie ist einer der nördlichsten Orte der Erde. (Von hier aus sind es gerade mal 1.300 Kilometer zum Nordpol.) Bis heute ist Longyearbyen bewohnt, es gibt dort inzwischen eine Universität und auch verschiedene Institutionen für Kultur.
Ein Artikel von Leonie Reineke

Dass Kohlebergbau die Identität der Inselgruppe nördlich des Polarkreises geprägt hat, ist unübersehbar. Es lässt sich vor allem an der Nutzarchitektur entlang der einzigen Straße vom Flughafen zum Ortskern ablesen. Fast schon grotesk wirken in dieser technisch-industriellen Umgebung die filigranen Streicherklänge, die beim „Arctic Chamber Music Festival“ zu hören sind:  Beliebte Hits von Vivaldi, Mozart, Beethoven, Brahms und Grieg sowie einige weniger bekannte nordische Komponistennamen sind im Programm vertreten. Von Solo- bis Kammerorchesterbesetzung ist alles dabei, darunter auch folkloristisch angehauchte Kompositionen und zeitgenössische Bearbeitungen alter Volksmelodien.

2018 wurde das Arctic Chamber Music Festival in Longyearbyen aus der Taufe gehoben. Vom 6. bis zum 9. Juni 2019 dann ging das „nördlichste Musikfestival der Welt“ – wie die Veranstalter es nennen – in seine zweite Ausgabe. Spielstätten sind das durch seinen 50er-Jahre-Charme bestechende Theater und Restaurant „Huset“, die Werkstatt eines Grafikkünstlers, die öffentliche Bibliothek, der Frühstücksraum eines Hotels und das Kultur- und Musikzentrum „Kulturhuset“. All diese Orte lassen sich unkompliziert zu Fuß erreichen. Allerdings möchten die Veranstalter ihren Besuchern auch dezidiert Spektakuläres bieten, erklärt Aggie Peterson, Mitglied im Organisationsteam des Festivals: „Unsere Veranstaltungen finden teils an sehr entlegenen Plätzen statt – nicht nur im Konzertsaal, sondern auch in einem traditionellen Sami-Zelt oder einem Kohlebergwerk. Das stellt uns natürlich vor Schwierigkeiten. Denn gerade Streichinstrumente reagieren stark auf das Klima – die Kälte und die extreme Trockenheit. Wir müssen Luftbefeuchter mitbringen, die Instrumentalisten müssen ständig nachstimmen und so weiter. Wir haben also mit etlichen zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen. Auf der anderen Seite lassen sich solche Probleme sehr schnell lösen. Denn die Stadtgemeinschaft ist klein. Alle kennen sich und sind bereit zu helfen. Wenn beispielsweise spontan ein zusätzlicher Bus gebraucht wird, ist sofort jemand zu Stelle. Insofern macht es auch Spaß, sich hier ungewöhnliche Konzepte auszudenken.“

Das viertägige Festival auf Svalbard wird als Kooperationsprojekt verschiedener Institutionen veranstaltet. Neben dem aus Nord-Norwegen angereisten Arctic Philharmonic Orchestra ist unter anderem das städtische Tourismusbüro „Svalbard Adventures“ an der Festivalkonzeption beteiligt. Es geht hier also nicht nur um Musik, sondern auch um ein Reiseerlebnis. Und das hat seinen Grund: Denn mit dem fortschreitenden Niedergang der Kohleindustrie müssen neue Wirtschaftszweige entwickelt werden. Tourismus ist einer von ihnen.

Davon sind nicht alle Inselbewohner begeistert: Eine Frau aus dem gut zweitausend Einwohner starken Longyearbyen erzählt mir, dass sie an Tagen, an denen Kreuzfahrtschiffe mit fünftausend Passagieren anlegen, ihr Haus nicht mehr verlässt. Ich muss leicht schlucken: Bin ich als Besucherin des Arctic Chamber Music Festivals nicht ebenso eine Touristin? Stein Ove Johannesson, Mitarbeiter bei Svalbard Adventures, hat diese Problematik im Blick: „Wir in Longyearbyen wollen keinen Massentourismus. Denn das, weshalb die Menschen hierher reisen, ist in erster Linie unsere Natur – Fjorde, Berge, Gletscher, Eisbären, Rentiere. Und wenn zu viele Touristen kommen, hinterlässt das irgendwann Spuren. Daher machen wir keine Billigangebote und fordern Besucher sehr nachdrücklich zu respektvollem Umgang mit der Natur auf. Denn es ist uns wichtig, dass sie so unberührt und einzigartig bleibt, wie sie ist.“

Spitzbergen ist spürbar mit existenziellen Fragen konfrontiert. Dazu gehören der Klimawandel und der Umstieg von Kohle auf grüne Energie ebenso wie die Frage danach, wieviel Tourismus die Insel verträgt. Einen Versuch, auf die Problematik zu reagieren, liefert das Arctic Chamber Music Festival: Anstatt nur eine weitere der immer zahlreicher werdenden Touristen­attraktionen zu sein, bezieht es gezielt die lokale Gemeinschaft ein – etwa Longyearbyens „Fotoklubb“ oder den städtischen Amateurchor. Zusammen mit dem Arctic Philharmonic Orches-tra führen die Sänger zum Abschluss des Eröffnungsabends Mozarts „Ave verum corpus“ auf.

Um das Festival noch stärker auf den Ort auszurichten, werden die Konzerte mit Exkursionen in die Landschaft und Einführungen in die regionalen Nahrungsmittel kombiniert. Das ergibt Sinn, denn nur für klassische Musik, die wir auch vor der Haustür erleben könnten, dreitausend Kilometer in den Norden zu reisen, wäre in jeder Hinsicht unnötige Umweltbelastung. Dann lieber direkt ein Rundum-Reisepaket für den zahlungswilligen Bildungsbürger schnüren und sich den Massentourismus vom Leib halten – so kalkuliert man in Longyearbyen.

Was mich an dem Konzept überzeugt, sind die ins Festivalprogramm integrierten Podiumsrunden und Mini-Seminare. Bei der Konferenz „Smart Arctic“ beispielsweise diskutieren Kulturschaffende, Ökonomen, Politiker, Wissenschaftler und Stadtbewohner über Zukunftsperspektiven des Ortes. Moderiert wird die Veranstaltung von Line Kjelstrup. Sie ist Mitglied bei „Arctic Frontiers“, einer Organisation, die sich auf moderne Konzepte von Stadtentwicklung fokussiert, sowohl im Bereich von nachhaltiger Technologie als auch in puncto Kultur und Gesellschaft: „Welche Rolle“, so Kjelstrup, „könnte Kultur in der Zukunft hier spielen? Ich denke, es ist immer wichtig, dass es Orte gibt, an denen Menschen zusammenkommen; dass die Stadt so gestaltet ist, dass sie systematisch zur Teilhabe einlädt. Das Arctic Chamber Music Festival ist da ein gutes Beispiel: Besucher von außerhalb verbringen einen längeren Zeitraum in Longyearbyen. Und Teil des Programms ist auch, dass sie über die Geschichte des Ortes und gegenwärtige Entwicklungen informiert werden. Am Ende kehren sie dann mit einem umfassenderen Bild zurück, anstatt nur für einen kurzen Besuch ein- und wieder ausgeflogen zu werden.“

Im Laufe meines Aufenthalts in Longyearbyen bin ich tatsächlich mit überraschend vielen Ortsbewohnern in Kontakt gekommen. Ich habe etliches über ihren Lebensraum erfahren und fühle mich am Ende ein kleines bisschen weniger als Tourist. Kommunikation, Teilhabe und vor allem Nahbarkeit scheinen ohnehin zum Kern des Festivals zu gehören: Bei jedem Konzert nimmt ein Musiker ein Mikrofron zur Hand und beliefert die Zuhörer mit Informationen oder Anekdoten zur Musik. All das mit Witz und lässig selbstironischem Touch. Es wird viel gejubelt und gelacht – ein merklicher Unterschied zu unserer eher distanzierten und ernsthaften Konzertkultur in Deutschland.

In der Summe hat die Musikauswahl des Festivals mit Vivaldi, Mozart und Brahms einen eher konservativen Anstrich und bedient mit nordischer Folk-lore zweifellos Klischees. Allerdings treffe ich, als ich die Organisatoren damit konfrontiere, nicht auf Widerstand, sondern auf offene Ohren. Man scheint sich über Feedback zu freuen, es sogar gezielt zu suchen. Über die inhaltlichen Stoßrichtungen der Veranstaltung scheint noch lange nicht fest und unverrückbar entschieden worden zu sein. Und möglicherweise ist schon im nächsten Festivaljahr mehr Musik dabei, die ganz neu entdeckt werden kann – Abseitigeres oder Zeitgenössisches. Denn so würde das Arctic Chamber Music Festival auch an der Musikfront (und nicht nur im Bereich von Umwelt, Technologie und Politik) der Idee des Progressiven und des zeitgemäßen Aufbaus nachhaltiger Strukturen Rechnung tragen. Das soziale Potenzial hierfür wäre jedenfalls vorhanden. Denn die unprätentiöse Aufgeschlossenheit aller Beteiligten liefert die Basis für eine Kultur des Austauschs; und damit möglicherweise auch für eine beständige Kunst- und Musikszene.


  • Die Autorin besuchte das Festival auf Einladung des Veranstalters.

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