Eklektiker und Originalgenies

Interessante Kammermusik-Aufnahmen aus der Reihe „American Classics“


(nmz) -

Continuum, ein 1966 von den New Yorker Pianisten Cheryl Seltzer und Joel Sachs gegründetes Ensemble, hat sich in Konzerten und auf Tonträgern auf Portraits einheimischer Komponisten spezialisiert. Ursprünglich bei der Musical Heritage Society erschienene Aufnahmen sind dank Naxos endlich auch uns zugänglich.

Ein Artikel von Mátyás Kiss

Keine Betrachtung der musikalischen Moderne in den USA kommt ohne ihren Vorreiter Charles Ives (1874–1954) aus, der vielleicht auch deshalb so wenig Rücksichten auf Konventionen nahm, weil er als erfolgreicher Geschäftsmann von seiner Musik nicht zu leben brauchte. Seine kürzeren Klavierwerke, Lieder und Ensemblestücke – wie fast all seine Kompositionen aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts stammend – zeichnen sich durch einen schamlosen musikalischen Eklektizismus aus, eine Polystilistik, wie sie vielleicht erst Zeitgenossen Schnittkes halbwegs begreifbar ist. Ungeachtet seines Avantgardismus’ muss man Ives etwas genuin Amerikanisches, durch den Schmelztiegel-Charakter dieser heterogen zusammengesetzten Nation Bedingtes zusprechen. Aber so sehr wir uns hundert Jahre nach Ives mit dem uns umgebenden Pluralismus der Stile abgefunden haben, so wenig ist seine querständige Musik konsumierbar geworden; ihr verstörendes Potential ist keineswegs verflogen. Ives scheint einige seiner Geheimnisse mit ins Grab genommen zu haben.
Eine besondere Affinität hegen die Mitglieder von Continuum für Henry Cowell (1897–1965); ihm sind gleich zwei CDs der Reihe gewidmet. Cowell, obwohl eine Generation jünger als Ives, erzielte durch sein regelmäßiges Auftreten als pianistisches „enfant terrible“ von Jugend an eine durchschlagende Wirkung beim Publikum und vor allem bei dem ihm folgenden Komponisten Cage. Cowell war es, der die lnnenwelten des Klavieres ebenso entdeckte wie den systematischen Einsatz von Clustern. Ihm ging es jedoch nie um bloße Effekthascherei mit diesen neuartigen – mal geheimnisvollen, mal aggressiven – Klängen; er erweiterte das einem Klavierkomponisten zur Verfügung stehende Vokabular enorm. Die Geigenstimme seiner „Suite für Violine und Klavier“ könnte dagegen beinahe wieder von Bach stammen, wie er überhaupt der Geige immer wieder die schönsten Kantilenen, aber auch hummelflugartige Einlagen anvertraut. Über zwei kurzweilige Stunden hinweg lernen wir Musik aus einem Zeitraum von fünfzig Jahren in unterschiedlichsten, oft unkonventionellen Besetzungen kennen und fragen uns, wie ein solch faszinierender Komponist, der auch ein Pionier der Weltmusik war („Set of Five“; „Homage To Iran“, beide auf Vol. 2), derart in Vergessenheit geraten konnte; dabei liest sich selbst Cowells Biographie streckenweise wie ein Roman.

Zu später Berühmtheit gelangte dagegen Conlon Nancarrow (1912–97), dessen aberwitzige Stücke für Player Piano zu seinem 10. Todestag übrigens gerade bei Dabringhaus und Grimm in einer Neueinspielung herauskommen. Bevor sich der von Cowells Entdeckungen ebenfalls beeindruckte Nancarrow ganz aufs langwierige Stanzen von Klavierrollen verlegte (und Jahrzehnte später, als er endlich Kompositionsaufträge erhielt), schrieb der im mexikanischen Exil lebende Amerikaner auch für herkömmliche Instrumente. Eine Handvoll dieser Stücke vereinigt sein Continuum-Portrait, und man wird den Verdacht nicht los, dass das Selbstspielklavier für ihn keineswegs eine Notlösung, sondern das ideale Transportmittel seiner Ideen war. Die kleinformatigeren Stücke vom Klaviersolo bis zum Streichquartett wirken vor diesem Hintergrund spröde und nicht ganz ausgegoren – wie Zugeständnisse an einen Musikbetrieb, der auf der Bühne verständlicherweise leibhaftige Musiker erleben möchte. Umso faszinierender, von einem so ausschließlich mit entfesselten Klavierklängen assoziierten Komponisten auch einmal „Pieces for SmaIl Orchestra“ zu hören (Nr. 1 entstand 1943, Nr. 2 erst 1986); seine Liebe zu komplexen Polyrhythmen bricht sich auch dort Bahn.

Nun zu verschiedenen Einzelaufnahmen mit amerikanischer Kammermusik. Wer Aaron Copland nur als Urheber populärer Ballette kennt, würde ihm die nächste Aufnahme nicht zuordnen. Seine drei Hauptwerke für Klavier hat der offenbar nicht zu Unrecht mit den höchsten Preisen dekorierte Benjamin Pasternack jetzt auf einer CD gebündelt: Ein zwar ungemein männlich-vitaler, aber sich zugleich merkwürdig kasteiender, die dünne Höhenluft der Abstraktion mit Wonne inhalierender Komponist tritt einem in den Variationen von 1930, der dreisätzigen Sonate (um 1940) und dem einsätzigen Koloss der Fantasy (1955–57) entgegen. Die kristallklare, wie in Granit gemeißelte Interpretation Pasternacks stellt unser von den immergleichen „showpieces“ geprägtes Copland-Bild durch eine vollkommen anders geartete Perspektive in Frage.

Den Beginn seines Spätwerks und der mehrheitlich mit wenigen Akteuren auskommenden, dafür außerordentlich langen Werke markiert Morton Feldmans „String Quartet“ von 1979, das damit eine ähnliche Schlüsselstellung gewinnt wie Nonos fast gleichzeitiges „Fragmente – Stille, an Diotima“. Auch bei Feldman (1926–87) spielt die Stille, konkret: die Neigung zu Pausen und reduzierter Lautstärke, eine zentrale Rolle. Eine begrenzte Zahl von Modulen kehrt im Verlauf von etwa anderthalb Stunden beständig wieder, jeweils leicht und kaum merklich verändert. Während in der Minimal Music ein steter Puls die musikalischen Abläufe strukturiert und das Stück vorantreibt, bis es irgendwann willkürlich abbricht, erinnert Feldmans Komposition an ein Mobile aus Legosteinen, die sich durch veränderte Stellung und Beleuchtung zu immer neuen Mustern zusammenfinden. Rein klanglich nehmen Feldmans „con sordino, senza vibrato“ gespielte Gebilde John Cages dreißig Jahre älteres Quartett zum Ausgangspunkt; ihre Wirkung auf den Hörer indes ist schon durch die abendfüllende Länge eine gänzlich andere.

Zum Schluss noch ein lebender unter den von mir eingangs als typisch amerikanisch apostrophierten Eklektikern: William Bolcom (Jahrgang 1938) hat vor zwei Jahren durch die preisgekrönte Einspielung seiner monumentalen William-Blake-Vertonung „Songs of lnnocence and of Experience“ international auf sich aufmerksam gemacht. Ohne Ausweichungen ins populäre Genre, aufs Wesentliche konzentriert, präsentieren sich seine über vierzig Jahre hinweg komponierten vier Violinsonaten, die exakt auf eine CD passen. Dass Bolcoms Liebe neben der Singstimme insbesondere der Geige gilt, ist diesen aus den verschiedensten lnspirationsquellen gespeisten, dabei fast klassisch ausgewogenen Gebilden in jedem Takt anzuhören. Geigentechnisch besonders aufschlussreich geriet ihm die zweite, dem Andenken des eben verstorbenen Joe Venuti zugedachte Sonate von 1978, in der Bolcom die Palette der zur Verfügung stehenden Spielweisen um jazztypische Floskeln ergänzt. Das Musikerpaar Solomia Soroka/Arthur Greene hat sich kopfüber in die gar nicht so unterschiedlichen Welten der vier virtuosen, aber dankbaren Werke gestürzt. Der Verdacht, dass sich Interpreten nur mit wirklich ergiebigen Vorlagen rückhaltlos zu identifizieren vermögen, bestätigt sich auf einer parallel veröffentlichten Sammlung mit Bolcoms Musik für zwei Klaviere: Zünftige „Recuerdos“ (Erinnerungen an lateinamerikanische Musiker) und augenzwinkernde Auszüge aus der Suite „Garden of Eden“ bilden dort eine Klammer um ebenso lange wie entbehrliche Schöpfungen „absoluter“ Musik, aus deren taubem Gestein nicht einmal der Gott des Feuers Funken schlagen könnte. In Phasen der Inspiration jedenfalls – und derer gibt es bei ihm viele – gelingt Bolcom die Quadratur des Kreises, und er schreibt ernst gemeinte Musik, die niveauvoll unterhält – oder unterhaltsame, die den Hörer ernst nimmt. Ein hehres, nach WeilIs Emigration in unserer europäischen Kunstmusik kaum mehr erreichtes Ideal.

Diskographie
(alle erschienen in der Serie Naxos American Classics)
– Continuum Portraits (Auswahl):

1 & 2 Kenry Cowell: Instrumental, Chamber & Vocal Music. 8.559192 & 8.559193

3 Charles Ives: Piano, Chamber & Vocal Works. 8.559194

5 Conlon Nancarrow: Orchestral & Chamber Music. 8.559196
– Aaron Copland: Piano Variations, Sonata, Fantasy; Benjamin Pasternack, Klavier. 8.559184
– Morton Feldman: String Quartet; The Group for Contemporary Music. 8.559190
– William Bolcom: Violin Sonatas; Solomia Soroka, Violine; Arthur Greene, Klavier. 8.559150
– ders.: Music tor Two Pianos; Eliza-beth & Marcel Bergmann, Klavier. 8.559244

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