Erfolgreich an drei Instrumenten bei „Jugend musiziert“

Johannes Lang, Exzellenzpreisträger der Deutschen Stiftung Musikleben, im Porträt


(nmz) -
Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ in Essen: Der routinierte Besucher fährt dorthin in der Erwartung, gute, sehr gute und herausragende musikalische Leistungen zu erleben. Erstes Preisträgerkonzert in der Essener Philharmonie, letzter Programmpunkt: Ein junger Organist aus Weil am Rhein spielt die „Phantasie und Fuge über B-A-C-H“ von Max Reger. Schon nach den ersten Tönen hält das Publikum buchstäblich den Atem an und verharrt so, bis der letzte Ton verklungen ist. Rauschender Beifall: Das (vor allem junge) Publikum der Preisträgerkonzerte weiß genau, was gut, was herausragend und was außergewöhnlich ist und applaudiert dementsprechend. Der junge Organist kann sich über mangelnde Begeisterungsstürme nicht beklagen.
Ein Artikel von Barbara Haack

Zwei Tage später, zweites Preisträgerkonzert in der Zeche Zollverein. Eine Blockflötistin spielt, begleitet von einem jungen Mann am Cembalo. „Der spielt bestimmt auch Orgel“, sagt mein Sitznachbar – und da fällt es mir ein: Es ist der Organist von vorgestern. Eine Zweifachbegabung!
Der Wettbewerb nimmt seinen Verlauf. Über 2.300 Teilnehmer – da kann selbst der eifrigste Besucher nur einen Bruchteil der Wertungen hören. Ein genaues Studium der Ergebnisliste bringt es zutage: Der junge Mann aus Weil am Rhein hat nicht nur für die genannten Wettbewerbsbeiträge jeweils die Höchstpunktzahl von 25 Punkten erhalten; das gleiche Ergebnis gab es auch für seine Teilnahme in der Kategorie „Duo Klavier und ein Streichinstrument“.

Johannes Lang, so heißt der 19-Jährige, war also an drei Instrumenten erfolgreich. Was nicht in der Ergebnisliste steht: Zusätzlich hat er einen Schüler (seinen einzigen, wie sich später herausstellt), ebenfalls bis zum Bundeswettbewerb gebracht. Solche Höchstleistungen lassen aufmerken. Wer allerdings den Organisten/Cembalisten/Pianisten live erlebt hat, mag nicht mehr von Höchstleistungen sprechen. Vielmehr von einem vielseitig Hochbegabten, der seine Musik durch und durch ernst nimmt und dies auf sein Publikum überträgt. Die Deutsche Stiftung Musikleben widmete ihm ihren in diesem Jahr erstmals vergebenen Exzellenzpreis.

Angefangen hat alles nicht mit den Tasten, sondern mit der Geige. Aber die klang dem Anfänger zu „kratzig“, es wollte einfach nicht sofort der Klang herauskommen, den sich der 5-Jährige wünschte. 1997 begann er Klavier, 1998 Orgel zu spielen. Da war er 8 Jahre alt. Warum gerade die Orgel? In seiner Familie gab es Organisten, die Vorbild sein konnten, der bekannteste unter ihnen war der Urgroßvater Günther Ramin, seinerzeit Thomaskantor in Leipzig. Schon als Junge läutete Johannes außerdem in seinem Heimatort die Kirchenglocken; dadurch wuchs sein Interesse an der Orgel. Ist das Hin und Herwechseln zwischen den Instrumenten, die zwar Ähnlichkeiten haben, sich aber doch in wesentlichen Punkten unterscheiden, nicht schwierig? Nein, vor allem befruchten sie sich gegenseitig, sagt Johannes Lang. Gerade in Bezug auf die Orgel kann das Klavier sehr gute Dienste leisten, ebenso das Cembalo: „Der Anschlag ist hier sehr viel feiner, man muss noch mehr mit der Vorstellung arbeiten als bei der Orgel. Die Kenntnisse, die ich mir hier aneigne, kommen dem Orgelspiel zugute.“ Übrigens sind auch die Erfahrungen mit der Geige nützlich: „Die Orgel selbst ist ja nur die Imitation anderer Musikinstrumente“, sagt er. Die Vorstellung von den Klängen, die er aus eigener Erfahrung kennt, ist ihm dabei eine große Hilfe. Was genau ist gemeint mit dieser „Vorstellung“? „Man kann bei der Orgel nur durch die Artikulation gestalten. Die Dynamik lässt sich nur durch die Registrierung beeinflussen. Aber wenn man die Registrierung ändert, ändert sich auch die Klangfarbe. Dynamische Steigerungen kann man also lediglich durch eine sich verändernde Dichte im Klang erzeugen. Man muss im Kopf eine Vorstellung von den Klängen haben, bevor man die Tasten drückt.“

Im Herbst möchte Johannes, der gerade sein Abitur gemacht hat, in Freiburg anfangen zu studieren. Zwei Hauptfächer, nämlich Kirchenmusik und Cembalo, will er belegen. Die Orgel aber ist und bleibt sein Hauptinstrument. Eine Solo-Klavier-Ausbildung interessiert ihn nicht, weil ihn an diesem Instrument eigentlich nur die Möglichkeiten der Kammermusik reizen. Beim Solo-Unterricht aber, so findet er, kommt die Kammermusik immer zu kurz. Sein Orgel-Lehrer an der Freiburger Musikhochschule, wo er schon seit 2005 Jungstudent ist, ist Martin Schmeding, dessen eigene „Jugend musiziert“-Zeiten noch nicht allzu lang zurückliegen. Gerade deshalb kann er seinen Schüler optimal auf solche Wettbewerbe vorbereiten. Er weiß, wie man auftritt, wie viel man riskieren sollte, wann man mit welchen Vorbereitungen beginnen sollte, um dann auf den Punkt vorbereitet zu sein.

Elf erste Preise beim Bundeswettbewerb hat Johannes Lang inzwischen gewonnen. Wie profitiert er von der Teilnahme an „Jugend musiziert“? Ein Ansporn weiterzumachen sei die Bestätigung durch die Juroren, meint er. Kontakte, Konzertauftritte, Sonderpreise spielen eine Rolle. Und: Für jeden Wettbewerb gilt es ein neues Repertoire vorzubereiten. Das führt mit der Zeit zu einer breiten Repertoire-Kenntnis. Natürlich macht sich die Erfolgspalette, die er vorweisen kann, auch gut in seinem Lebenslauf. Die Chance, bei Bewerbungen eingeladen zu werden, steigt dadurch.
Er träumt von einer großen Kirchenmusikstelle, wo ihn neben dem Orgelspiel auch die Chorleitung reizt. Er möchte gerne unterrichten, überhaupt mit anderen Menschen arbeiten. Dass er auch als Lehrer erfolgreich ist, hat die Teilnahme seines Schülers beim Bundeswettbewerb bewiesen. Vor allem beim Regionalwettbewerb sei er aufgeregter gewesen als der Schüler selbst, berichtet Johannes Lang – und auf jeden Fall auch aufgeregter als beim eigenen Spiel.

Die Aussichten, sich den Berufs-traum zu erfüllen, sind vermutlich nicht ganz schlecht. Ausnahmetalente wie ihn gibt es nicht gerade wie Sand am Meer. Er selbst sieht das aber ganz realistisch: Viel hängt auch davon ab, ob weiterhin Kirchenmusikerstellen gestrichen werden. Aber ungefähr dann, wenn er einmal fertig ist mit dem Studium, werden – altersbedingt – einige Stellen frei. Das stimmt ihn optimistisch. Eine Zusatzqualifikation will er außerdem erwerben: Die Ausbildung zum Glockensachverständigen steht auf dem Plan. Das ist für die Bewerbung für große Stellen nicht uninteressant, muss man als Kirchenmusiker doch häufig die Orgel und eben auch die Kirchenglocken mitbetreuen. Ein weiteres „Hobby, das ich zum Beruf machen möchte“.

Für andere Hobbys bleibt nicht sehr viel Zeit. Johannes interessiert sich neben der Musik für Geschichte und Politik. Besonders am Herzen liegt ihm außerdem der Denkmalschutz. Dass er Mitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist, hat sicher auch mit seiner Liebe zu Orgeln, Kirchen und Glocken zu tun. Und: „Denkmäler sind so etwas wie das Gedächtnis einer Gesellschaft. Deshalb glaube ich, dass es sehr wichtig ist, so etwas zu erhalten.“ Kein schlechter Ausgangspunkt, um in der aktuellen Kirchenmusik neue Akzente zu setzen. Von Johannes Lang wird sicher noch zu hören sein.

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