Erinnern für die Zukunft

Der DTKV zu Gast im „Hamburger Untergrund“


(nmz) -
Erinnern für die Zukunft war Titel und Programm der beiden Konzerte des DTKV am 7. und 8. Mai 2017 in der Hamburger Rathauspassage.
Ein Artikel von Nils Petersen

24 Künstler/-innen haben zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs beeindruckende und bewegende Musik inszeniert. Erinnern darf nichts Mu-seales bleiben, sondern muss in die Zukunft gerichtet sein. Denn obwohl wir das Ende des Krieges jährlich feierlich gedenken, ist doch kein Frieden. Durch die Lesung der syrischen Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan wurde die Aktualität des Leidens und Sterbens mitten im Krieg präsent; durch den thematischen Schwerpunkt verfemter Musik in Deutschland unter dem Hakenkreuz fächerte sich das Erinnern in die vielen Lebensbereiche auf, die von Krieg und Terror bedroht werden. Mit einer großen musikalischen Bandbreite war dieses Programm ein zeitaktuelles Gedenken, das seinesgleichen sucht.

Mit der Hamburger Rathauspassage hatte der DTKV nicht nur eine Ko­operationspartnerin, sondern auch einen der ungewöhnlichsten Spielorte in Hamburg. Die Rathauspassage ist eine kirchlich-diakonische Einrichtung für Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit. Mit einem großen Antiquariat, Restaurant, Second-Hand-Laden sowie einer Touristen- und Kircheninformation versucht die Rathauspassage, nicht nur sozialversicherte Arbeitsverhältnisse zu schaffen, sondern auch Menschen in prekären Lebensphasen zu stabilisieren. Diese soziale Arbeit findet mitten im Herzen von Hamburg statt, unter dem Rathausmarkt in einem alten U-Bahnschacht. Hier ist ein besonderer Ort, ein Anders-Ort an dem man durch ethisch verantwortetes Handeln die Welt ein bisschen besser machen will. Deshalb hat die Rathauspassage auch bei „Art but fair“ eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, alle Künstler/-innen, die eingeladen werden, fair zu behandeln und zu entlohnen. Extreme Ungleichheit ist für jede Gesellschaft eine innere Bedrohung und letztlich doch die Ursache für Kriege. Wir von der Rathauspassage sind daher mehr als dankbar, dass der DTKV dieses besondere Erinnern in unseren Räumen veranstaltet hat. Als weitere Kooperationspartnerin war die Evangelische Stiftung Alsterdorf beteiligt. In Als­terdorf ist man sich der eigenen Geschichte sehr bewusst, im besonderen der Ermordung behinderter Menschen im Dritten Reich. 

Mit zwei Vorträgen von Dr. Harald Jenner und Dr. Michael Wunder wurde unsere Verantwortung in dieser Gesellschaft noch einmal sehr deutlich, eine Verantwortung die jeder hat, egal wo und wie wir uns mit Arbeit und Engagement einbringen. Ein Höhepunkt war die vom DTKV (in Absprache mit der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) vergebene Auftragskomposition an die aus Kasachstan stammende junge Komponistin Aigerim Seilova. 

Das Werk „Temporal“ für Saxophon und Klarinette ist nicht nur technisch für die beiden Musiker äußerst anspruchsvoll, sondern auch für das Publikum ein faszinierendes Erlebnis. In einer kompromisslosen modernen Sprache und ungeheuer klangintensiv fordert die Komponistin ihr Publikum zur absoluten Aufmerksamkeit. Am Ende ist man gleichsam erschöpft wie beschenkt und dankbar. Erinnern für die Zukunft ist Arbeit und für den (sozialen) Frieden einzutreten ist nichts für Faulenzer, das haben die beiden Konzerte des DTKV sehr deutlich gezeigt; das hat Aigerim Seilova beeindruckend vertont. Mit diesen Konzerten wurden wir in Hamburg beschenkt und daran erinnert, wie wichtig das Erinnern für die Gegenwart und Zukunft ist. 

Ein großer Dank geht an Friederike Haufe, die erste Vorsitzende des DTKV in Hamburg, an Kerstin Petersen, die die künstlerische Gesamtleitung hatte und an Uta Leber für das Konzertmanagement. Wir aus der Rathauspassage sagen einen großen Dank an alle Musikerinnen und Musiker dieser beiden Abende. 

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