Erinnerung und Wiederherstellung

„Jüdische Musik im süddeutschen Raum“ – ein Symposium an der Münchner Musikhochschule


(nmz) -
Es ist nur konsequent, dass zu diesem Symposium an die Hochschule für Musik und Theater in München geladen wurde. Zum einen war München bekanntlich die braune „Hauptstadt der Bewegung“. Wo heute die Musikhochschule Münchens untergebracht ist, war in der Nazi-Zeit der „Führerbau“. Das Gebäude hat den Krieg überlebt. Tief im Keller ist sogar noch die Badewanne erhalten, in der der „Große Diktator“ geplantscht haben soll. Andererseits blüht in München wieder das jüdische Leben.
Ein Artikel von Marco Frei

Im November 2006 wurde die Neue Synagoge eröffnet – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mitten im Zentrum Münchens und nicht außerhalb. Mit dem „Jewish Chamber Orchestra Munich“ von Daniel Grossman, bereichert zudem seit 2005 ein programmatisch höchst agiles Ensemble die Musikmetropole. In ihrer Einführung zum Symposium „Jüdische Musik im süddeutschen Raum – Geschichte, Exil, Fortleben“ im Juli hat Tina Frühauf auf diese Zusammenhänge hingewiesen.

Gemeinsam mit Claus Bockmaier, Leiter der Musikwissenschaft an der Münchner Musikhochschule, sowie Hans-Christian Hauser als künstlerischer Leiter hat die DAAD-Gastprofessorin aus New York dieses Symposium realisiert. Einmal mehr wurde deutlich, wie sehr das Erforschen jüdischer (Musik-)Kultur bis heute vor allem ein Freilegen von Verschüttetem ist. Mitunter geriert sich das buchstäblich wie ein Kampf gegen das Vergessen, infolge der unbeschreiblichen Abgründe im 20. Jahrhundert – gerade in Europa.

Da ist etwa die einstmals reiche Schtetl-Kultur in Osteuropa: Für ihr jähes Ende sind gleichermaßen Nazis und Sowjetkommunisten verantwortlich. Dieses verlorene Erbe lebt weiter in den Bildern von Marc Chagall, in Erzählungen wie „Rotschilds Geige“ von Anton Tschechow oder in Werken von Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, die jüdischen Volkston verarbeiten. Ähnliches gilt freilich für den süddeutschen Kulturraum, wenn auch mit einem erheblichen Unterschied: Hier war die totalitäre Diktatur deutlich kürzer, und nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine Aufarbeitung des Abgrunds ein – mehr oder weniger intensiv.

Zwar drehte sich in den insgesamt acht Sitzungs-Blöcken des Symposiums vieles um eine Erinnerungskultur, ein Leit(d)-Motiv in der Forschung, dies jedoch um die heutigen Bemühungen um Wiederherstellung darzulegen. In einem ersten Teil wurde Maier Kohn in den Fokus gerückt, ein Pionier der modernen Synagogal-Musik in Süddeutschland (Ruth Litai-Jacoby), um zugleich die Entwicklungen und Stile der Synagogal-Musik in München um 1830 zu skizzieren (Mark L. Kligman).

Um „Lokalgeschichten“ drehte sich der zweite Teil, konkret das jüdische Leben in Schwaben (Felicitas Winter) und im fränkischen Bamberg (Dorothea Hofmann). Im dritten Block ging es um das Gestern und Heute, wobei Sarah M. Ross einen spannenden „Feldforschungs-Bericht“ über die aktuelle Synagogal-Musik präsentierte. Am Beispiel Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe erörterte sie, wie sehr sich die jüdischen Gemeinden zwischen 1990 und 2005 im Zuge der Einwanderung von Juden aus Russland abermals veränderten – mit musikalischen Konsequenzen.

War die Synagogal-Musik in Süddeutschland vormals von einer Mischung aus dem Minhag-Polin und liturgischen Melodien geprägt, durch Kantoren aus den USA, Israel und Frankreich, so wird gegenwärtig die originäre deutsch-jüdische Synagogal-Musik des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt. Dafür steht zuvörderst das 2008 gestartete Kantoren-Programm am Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin. Über ähnliche Transformationen, zumal im historischen Kontext, berichtete auch Geoffrey Goldberg – ein Vorgeschmack auf sein neues Buch.

Die Mailänderin Silvia Del Zoppo gab hingegen einen Ausblick auf ihre Doktorarbeit, die bald erscheint – über die Musikkultur in Ferramonti, dem größten faschistischen Internierungslager Italiens. Wie sehr das jüdische Musikleben zwischen 1933 und 1938 in Nazi-Deutschland einen Widerstand generierte, skizzierten wiederum Birgit Klein und Christian Kabitz am Beispiel Mannheims. Überdies standen konkrete Persönlichkeiten im Zentrum. So sprach der inspirierende Pianist und Musikforscher Jascha Nemtsov über Jakob Schönberg.

Dieses „Genie aus Fürth“ wurde wiederum mit Richard Fuchs gekoppelt (Michael Haas). Eigene Blöcke waren dem Wirken von Paul Ben-Haim gewidmet (Liran Gurkiewicz, Malcolm Miller und Charlotte Vignau), sowie von Hans Winterberg (Gerold Gruber und Ulrike Anton). Mit einem Ausblick auf mögliche künftige Forschungsfelder von Gila Flam von der Nationalbibliothek Israels endete dieses Symposium.

Es war dort am spannendsten, wo Theorie und Praxis zusammenkamen. Hierzu wurden passend zu den Vorträgen Konzerte programmiert – nicht nur mit Profis wie Nemtsov, dem Organisten Jürgen Geiger oder dem Synagogal Ensemble Berlin, sondern auch mit Studierenden der Münchner Hochschule. Wie etwa Eloi Huscenot die „Ballade“ und das „Sefardische Lied“ aus den „Liedern ohne Worte für Oboe“ von Ben-Haim von 1952 gestaltete, das war gleichermaßen absolut stilgerecht und berückend schön.

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