Ernst Ludwig Kirchner mochte keine Musik!

Studierende übernehmen klangliche Ausgestaltung eines Museums


(nmz) -
Eine echte Herausforderung unter vielen anderen für eine Gruppe von acht Musikdesign-Studierenden der Trossinger Musikhochschule, die vom KirchnerHAUS e.V. Aschaffenburg für dessen klangliche Ausgestaltung angefragt worden war. So entstand im Sommer 2014 eine eindringliche und intensive Klangkulisse zur Dauerausstellung über die Frühzeit des Malers Ernst Ludwig Kirchner in dessen Aschaffenburger Geburtshaus. Eine akustische Zeitreise lädt die Besucher nun ein, nicht nur das Schaffen des Künstlers kennen zu lernen, sondern auch seine Ängste und Traumata, die ihn zur Kunst anregten. Im folgenden Bericht schildert der Musikdesign-Student Ronald Freyenschlag das Kirchner-Projekt.

Eine echte Herausforderung unter vielen anderen für eine Gruppe von acht Musikdesign-Studierenden der Trossinger Musikhochschule, die vom KirchnerHAUS e.V. Aschaffenburg für dessen klangliche Ausgestaltung angefragt worden war. So entstand im Sommer 2014 eine eindringliche und intensive Klangkulisse zur Dauerausstellung über die Frühzeit des Malers Ernst Ludwig Kirchner in dessen Aschaffenburger Geburtshaus. Eine akustische Zeitreise lädt die Besucher nun ein, nicht nur das Schaffen des Künstlers kennen zu lernen, sondern auch seine Ängste und Traumata, die ihn zur Kunst anregten. Im folgenden Bericht schildert der Musikdesign-Student Ronald Freyenschlag das Kirchner-Projekt.

Dem Bahnhof gegenüber steht ein unscheinbares, gelbes Haus mit kleinem Balkon als Kontrast zu einer belebten Einkaufsstraße. Die von Dampflokomotiven und Pferdekarren geprägte Szenerie der damaligen Güterverladungen ist der des Konsums gewichen, einem Gemisch aus reger Unterhaltung, den Gerüchen zahlreicher Gastronomiebetriebe und dem unaufhörlichen Lärm von Autos und Bussen. Dennoch lässt sich von der Fußgängerbrücke, die sich über die Gleise des Bahnhofs erstreckt, noch die damalige Atmosphäre erahnen: das Pfeifen, Zischen und stetige Stottern der Züge sowie die harten Verladearbeiten – alles, was den jungen Kirchner zum Zeichnen inspirierte, ihn geradezu zwang, bildlich festzuhalten, was vor seinen Augen geschah.
Bei diesem unscheinbaren gelben Gebäude vor dem Bahnhof handelt es sich um das Geburtshaus des Malers, in dem durch multimediale Ausstellungen eben gerade diese prägende Atmosphäre und die Kindheit Kirchners erlebbar gemacht wird. Die Musikdesigner hatten nun die Aufgabe, durch authentische Klänge und die damit transportierten Emotionen die Museumsbesucher in das späte 19. Jahrhundert zurückzuversetzen.

Authentische Soundscapes
Die naheliegende Herangehensweise, entsprechende Klänge in ein musikalisches Soundscape zu betten, konnte zunächst leider nicht realisiert werden. „Einer der interessantesten Aspekte an dem Projekt war, dass uns relativ früh gesagt wurde, Ernst Ludwig Kirchner mochte gar keine Musik“, so Frank Simper, einer der acht beteiligten Musikdesigner aus verschiedenen Semestern. „Für uns hieß das, dass wir in der Ausarbeitung der Ideen Musik gar nicht einbringen sollten.“ Christina Komitakis ergänzt: „Die Herausforderung lag vor allem darin, die Geräuschkulisse aus dem 19. Jahrhundert authentisch nachzustellen.“ Dies erforderte unter anderem, bei der Wahl der Sounds relevante Details immer im Hinterkopf zu behalten: Wie belebt war der Platz zur damaligen Zeit, wie klangen die Lokomotiven genau, welche Dialekte waren zu hören, welche Gewehre wurden auf den nahen Truppenübungsplätzen verwendet und wie wurde diese Atmosphäre akustisch durch die Umgebung beeinflusst?
Um durch notwendiges Vorwissen und hilfreiche Randinformationen den Grundstein für die Umsetzung zu legen, lud der Ausstellungsdesigner und Vereinsvorstand Udo Breitenbach zu Beginn des Projektes die Musikdesigner zu einem zweitägigen Workshop ein. Behandelt wurde dabei nicht nur das Leben und Werk des Malers: Neben Erzählungen über dessen Kindheit waren weitere wichtige Bestandteile die informationsreichen Führungen durch das Haus, über den Bahnhof und in die umliegenden Parkanlagen. Auch das Schloss Johannisburg, in dem ebenfalls Originale Kirchners ausgestellt sind, wurde besichtigt.

Surround-Sound in Kirchners Kinderzimmer
Nach zweimonatiger Ausarbeitung und zahlreichen Korrekturrunden entstand ein beachtliches Ergebnis: Im ehemaligen Kinderzimmer des Malers erklingt über ein Surround-System die überzeugende Imitation eines Bahnhofsvorplatzes, dessen ständiges Treiben Kirchners Kindheit begleitet hatte. Durchsetzt wird diese Komposition aus Menschen, Zügen, Kutschen und Tieren von Zitaten des Künstlers, in denen er versuchte, seine Erlebnisse und oft düstere Gedankenwelt zu vermitteln: „Ich zeichnete alles, was ich sah – so ließ sich die Furcht eindämmen.“ Wodurch diese Furcht zustande kam, wird im Keller des Hauses klar: Seine Amme soll dort dem dreijährigen Kirchner vom Krieg erzählt haben, davon wie 1866 tote und verwundete Preußen im Hof gelegen hatten, während die Familie im Keller saß und bitterlich weinte. Auch diese Klangkulisse wurde für die Ausstellung nachempfunden. Unterstützt durch den gedämpften Kriegslärm, der von außen in den dunklen Raum dringt, können die Ausführungen der Amme in emotionaler Dichte nacherlebt werden.

Vor die Probe gestellt wurden die Musikdesigner dabei durch den Umstand, dass Installationen für eine Dauerausstellung natürlich dauerhaft funktionieren sollen, was aber durch die Lokalität erheblich erschwert wurde: Der Keller stellte keinen Ausstellungsraum im üblichen Sinne dar. Aufgrund der Luftfeuchtigkeit musste Ausstattung angeschafft werden, die unter solchen Bedingungen auch auf längere Zeit problemlos funktioniert. Gemeistert wurde die Aufgabe durch intensive Recherche und zahlreiche künstlerische sowie technische Experimente. Ausschlaggebend für das Resultat war auch der bewusste Umgang mit Sprache: Zitate Kirchners und die nachempfundenen Erzählungen der Amme wurden von professionellen Sprechern aufgenommen. Ziel des Ganzen war ein überzeugendes Gesamterlebnis – während Schautafeln allgemeine Informationen aus dem Leben Kirchners näherbringen, vermittelt die Installation auditiv den Genius Loci seines Geburtshauses.

In Zukunft auch barrierefrei
Wie geht es weiter? „Das Museum der Zukunft ist barrierefrei, interaktiv und mit audiovisuellen Medien ausgestattet“, so der Leitgedanke des von Udo Breitenbach entworfenen Konzeptes „Kirchner-HAUS für sehende und blinde Menschen“. Die innovative Museumsdidaktik soll geeignet sein für sehende, sehbehinderte und blinde Menschen und somit mehrere Sinne ansprechen, gefördert wird die Umsetzung von der Bayerischen Sparkassen-Stiftung. Dass die erste Stufe des Projektes unter Beteiligung des Studiengangs Musikdesign erfolgreich realisiert wurde, bestätigt etwa auch Dr. Ulrich Reuter, Verbandspräsident der Sparkasse Bayern: „Die bayerische Sparkassen-Stiftung sucht gezielt nach Projekten, die überregionale Bedeutung haben, die Innovation und Museumspädagogik verbinden, die neu sind. Das traf auf dieses Projekt „KirchnerHaus“ zu.“

Weitere Informationen:
kirchnerhaus-aschaffenburg.de und
www.musikdesign.net

Für den gemeinsamen Studiengang Musikdesign der Musikhochschule Trossingen und der Hochschule Furtwangen University war dies nicht der erste Auftrag eines Museums: So wurden von bzw. unter Beteiligung von Musikdesign-Studierenden bereits Audioguides für das Otto Dix Haus Gaienhofen oder die Björk-Ausstellung in New York entwickelt. Klangliche Zeugnisse des Studiengangs finden sich auch im Mercedes Benz Museum und Kunstmuseum Stuttgart, im Deutschen Pavillon der Weltausstellung 2015, im Museum Humpis-Quartier Ravensburg sowie ab Jahresende in der neu konzipierten Dauerausstellung des Deutschen Harmonikamuseums Trossingen.

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