Es bleibt viel zu tun: Geschlechtergerechtigkeit im Jazz

Kommentar von Laura Block und Bettina Bohle, Projektleiterinnen Gleichstellung und Gender & Diversity der DJU


(nmz) -
Was für Verhältnisse: 80 Prozent aller Jazzmusiker*innen sind Männer, 20 Prozent Frauen. Von den 20 Prozent Frauen sind wiederum mehr als die Hälfte Sängerinnen – an allen anderen Instrumenten sind Frauen also in eklatanter Unterzahl. Soweit die Ergebnisse der jazzstudie2016. Seitdem dringt das Thema Geschlechtergerechtigkeit im Jazz, unter anderem auch durch das Engagement der Deutschen Jazzunion als Interessenvertretung der Jazzmusiker*innen in Deutschland, immer mehr ins Bewusstsein der Szene vor.
Ein Artikel von Bettina Bohle, Laura Block

Aber was tun mit Orchestern, die überwiegend aus Männern bestehen, von den öffentlich-rechtlichen BigBands bis zum renommierten Nachwuchsorchester BuJazzO? Gleiches gilt für Hochschulprofessuren, insbesondere im Instrumentalbereich, Jurys, Labels, die Veranstaltungsbranche und nicht zuletzt auch für das Publikum.

Auch Fördergelder gehen anscheinend häufiger an (männliche) Musiker, so eines der Ergebnisse der Publikation „Gender.Macht.Musik. Geschlechtergerechtigkeit im Jazz“, die die Deutsche Jazzunion im Herbst 2020 veröffentlichte, samt einer geschlechterspezifischen Nachauswertung der jazzstudie2016 sowie einer Umfrage zum Thema unter den Mitgliedern der Deutschen Jazzunion.

Der Blick auf die derzeitige Situation scheint, so ein Ergebnis dieser Umfrage, sehr dadurch geprägt, von welcher Warte aus sie wahrgenommen wird: Obwohl auch Männer sexistische Strukturen wahrnehmen, folgt daraus seltener ein Impuls, daran etwas ändern zu wollen oder zu müssen. Männliche Musiker sehen also – wenig überraschend – deutlich seltener als ihre weiblichen Kolleginnen einen Bedarf, etwas für die Geschlechtergerechtigkeit im Jazz zu tun.

Die Musikszene, die sich selbst für avantgardistisch und weltoffen hält, scheint in Sachen Geschlechtergerechtigkeit noch einen weiten Weg vor sich zu haben – und da sind andere Diskriminierungsdimensionen noch gar nicht berücksichtigt. Die Abwehrmechanismen sind vielerorts gut installiert: Schnell wird ein Angriff auf die Kunstfreiheit gewittert, wenn man über solche Themen spricht und überlegt, wie hier Veränderungen erreicht werden könnten.

Immerhin: In der Bezahlung von Jazzmusiker*innen gibt es keine großen geschlechtsspezifischen Unterschiede – prekär unterwegs sind fast alle. Keiner gibt gerne etwas von einem ohnehin kleinen Kuchen ab, scheint hier zu gelten. Deswegen bleibt die Grundforderung, die sich auch schon aus der jazzstudie2016 sowie der von der Deutschen Jazz­union initiierten Willenserklärung zur Mindestgage ergibt, dass das gesamte System Jazz bessergestellt werden muss, um auch Themen wie Geschlechtergerechtigkeit nicht zu einer Existenzfrage, sondern zu einer Frage nach Teilhabe und gleichberechtigten Zugangsmöglichkeiten werden zu lassen.

Fehlende weibliche Vorbilder sind ein oft genannter Punkt. Aber: Wie kann man mehr Frauen in den Jazz bekommen, wenn sie nur durch Vorbilder kommen? Die Vergabe von hochrangigen Preisen kann durchaus solche Vorbilder schaffen; und so wird der Albert-Mangelsdorff-Preis nun im Wechsel an einen Mann und eine Frau verliehen. Beim dieses Jahr erstmals vergebenen Deutschen Jazzpreis müssen immerhin die Jurys geschlechterparitätisch besetzt sein. Eine solche Besetzung von Entscheidungsgremien kann ein Weg sein für diversere Perspektiven – wenn auch noch keine Garantie für eine gerechtere Vergabe von Preisen und Fördergeldern.

Auch Sprache ist wichtig. Die Deutsche Jazzunion hat im Zuge der Überlegungen zur Geschlechtergerechtigkeit 2019 ihren Namen geändert – die „Union Deutscher Jazzmusiker“ war einfach nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur um Musiker*innen aller Geschlechter miteinzubeziehen, sondern auch, um all jenen Rechnung zu tragen, die in Deutschland Jazz machen, aber keine Deutschen sind. Auch wird konsequent auf allen Kommunikationswegen geschlechtergerechte Sprache verwendet und somit auch sprachlich die Vielfalt der Geschlechter mitgedacht.

Früh übt sich: Die Musikschulen können sicherlich eine wichtige Rolle dabei spielen, Mädchen das gesamte Instrumentenspektrum sowie die Kunst der Improvisation zu eröffnen. Vor allem mit Blick auf die Verteilung der Geschlechter auf die verschiedenen Instrumente scheint es also geraten, stereotypen Instrumentenbeschreibungen, wo immer möglich, entgegenzuwirken und Maßnahmen zu entwickeln, die auf eine geschlechtsneutrale Vermittlung der Instrumentenwahl abzielen. Für die Karrierescharniere Landesjugendjazz­orchester und BuJazzO bräuchte es etwa Mentoring- und Vorbereitungskurse und eventuell auch: eine Quote.

Der Impuls der 2018 erschienenen „Gemeinsamen Erklärung zur Gleichstellung von Frauen im Jazz“ der Deutschen Jazzunion gilt also weiterhin: Mehr Chancen für Frauen sind eine gesellschaftliche Chance für alle, sowohl in Bezug auf die künstlerische Diversität als auch auf die Verwirklichung individueller Lebensmodelle. Es bleibt viel zu tun: auf geht’s! 

Dossier: 
Frauen in der Musik

Das könnte Sie auch interessieren: