Es steht viel auf dem Spiel

Leserbrief von Stefan Hiby


(nmz) -
Offener Antwortbrief an Herrn Prof. Gerald Fauth zum Interview nmz 6/2021, Seite 23 – „Die klassische Ausbildung zu opfern wäre Selbstmord“
Ein Artikel von Leserbrief

Sehr geehrter Herr Professor Fauth,

Ihre Aussagen, getragen von hoher musikalischer und musikpädagogischer Kompetenz sowie einer sympathischen menschlichen Empathie, haben mich beeindruckt. Gerade wegen der mitgeteilten positiven Grundhaltung fühle ich mich ermutigt zu einem nachdenklichen Versuch, gemeinsam mit Ihnen den Blick hinter die Kulissen des Musikhochschulwesens in Coronazeiten und zugleich voraus in eine veränderte musikalische Zukunft zu werfen.

Es geht um Nachwuchsförderung. Wir alle sind müde in Bezug auf Gedankenwendungen zu „neuer Normalität“, zu „regulierenden Effekten der Pandemie“ und dergleichen, aber sind und bleiben am Schopf gepackt von den drängenden Fragen einer sozialen Verantwortung in jedem Bereich des Lebens, natürlich auch in der Musik allgemein und speziell in der Ausbildung an Musikhochschulen. Sie sprechen von einem „Kampf um die bes­ten Studierenden“ und meinen damit (hoffentlich) die weitsichtigsten, am weitesten rumdum gebildeten und ihrer Verantwortung bewussten jungen Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe machen wollen, unsere europäische Musikkultur lebendig zu erhalten, womöglich weiter zu entwickeln, aber auch von Fehlentwicklungen Abstand zu nehmen, den eingeschlagenen Kurs kritisch zu hinterfragen und nötigenfalls zu korrigieren. Es ist gut, dass die „Studierendenschaften der deutschen Musikhochschulen – kurz StuM“ nicht wirklich „stumm“ bleiben, gerade jetzt in dieser Situation. Aber zurück zur Frage: wie erreichen Sie und alle Lehrenden an Musikhochschulen die oben erwähnten „besten Studenten“ und wie kann die Wertevermittlung gelingen, für die Sie sich so engagiert einsetzen? Mag sein, dass es sich trotz aller ökologischen Bedenken lohnt, den großen Aufwand einer Konzertreise für ein europäisches Spitzenorchester nach Fernost als sinnvoll gelten zu lassen. Fraglich erscheint es mir aber, die Höhe und Unversehrtheit unserer Kultur an der Anzahl und Weiträumigkeit entsprechender Initiativen zu bemessen. Ist ein Stil, wie er vom „Genius des Wirtschaftswunders“ (Adorno über Karajan) vorgelebt wurde, noch zeitgemäß und im Sinn einer Wertevermittlung tragfähig?

Was hat es mit der Hoffnung auf sich, dass nicht nur alle fünf Jahre, sondern möglichst häufiger ein oder mehrere Studierende eine Musik-Hochschul-Klavierklasse verlassen, die (Zitat) „Beethovens Appassionata so spielen können, dass etwas Neues dabei herauskommt“? Mir wird bei dieser Vorstellung eher angst und bange, einmal wegen der vermutlich einsamen Meisterstudent*innen, aber nicht zuletzt auch wegen der „Appassionata“!

Natürlich ist die klassische Instrumentalausbildung ein hohes, schützenswertes Gut. Gerade deswegen müssen sich die verantwortlichen und meinungsbildenden Lehrkräfte dem Diskurs um die aufgeworfenen Fragen stellen. Sie tun das, Sie streben nach Verbesserung! Dann darf ich und andere Leser*innen davon ausgehen, dass Sie mit Ihrem abschließenden Statement nicht fraglos festhalten wollten, dass die derzeit überwiegend gegebene Orientierung an den Musikhochschulen in unserem Land bleibend richtig ist und keiner verändernden Verbesserung bedarf? Es steht viel auf dem Spiel. Wir hoffen darauf, dass Sie mit Klugheit und Mut, bewahrend und vorausschauend handeln, um der Musiker*innen und um der Musik willen!           

Stefan Hiby, Salz

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