ExistenzialisMuss

Theo Geißler über Kultur in Zeiten von Ökono- und Pandemie


(nmz) -
Carl Spitzwegs „Armer Poet“ war aus aktueller Sicht fein raus. In seinem Dachstübchen schützte ihn ein Schirm vor undichten Ziegeln – und ein dickes Federkissen vor Kälte. Heutzutage stünde er – vermutlich unfähig, die bescheidene Miete zu löhnen – als „Soloselbständiger“ auf der Straße, in grausamer sozialer Kälte. Dieses Schicksal teilt der Dichter mit vielen Musikerinnen und Musikern, Künstler*innen aller Genres, die als Freelancer seit einem Jahr mangels Auftrittsmöglichkeiten das dämliche Bonmot von der Not als Qualitätsschub für Kulturschaffende ad absurdum führen.
Ein Artikel von Theo Geißler

Ebenso betroffen vom weitgehenden pandemiebedingten Auftritts- und Besuchsverbot sind vom Orchester bis zu Museum und Kino, vom Open-Air-Festival bis zum öffentlichen Jugend-musiziert-Probespiel, alle erdenklichen Formen von kulturellen Darbietungen, die Publikum ansprechen. Üppige Kollektionen von Argumenten, von ausgeklügelten Hygienekonzepten, die eine zumindest teilweise Öffnung der Kultur-Vermittlungsstätten ermöglichen sollten, fanden in den entscheidenden politischen Gremien bis vor Kurzem kein Gehör. Das Risiko, Super-Spreader-Events zu generieren, ließ und lässt sich nicht „hundertprozentig“ ausschließen. Andererseits ist auch die kontinuierlich zunehmende Zerstörung unseres gesellschaftlichen Lebens durch die Demontage unserer kulturellen Existenzgrundlage ein desaströses Risiko.

Jetzt haben sich über vierzig mitgliederstarke Institutionen aus Kultur, Veranstaltungswirtschaft und Sport zusammengetan. Zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Materie befasster Fachbereiche wie Gesundheits-Ökonomie wurden beauftragt, ein umfassendes Konzept zu entwickeln. Es soll Spielstätten aller Art möglichst gefahrlosen Betrieb ermöglichen. So entstand ein durch verschiedene Kriterien definierter Leitfaden, der abgestufte Veranstaltungsmöglichkeiten vorrechnet – unter Berücksichtigung unter anderem räumlicher Gegebenheiten oder der Chancen, die Freiluft-Aktivitäten bieten. (Der Leitfaden ist beispielsweise auf der Webseite des Deutschen Bühnenvereins kostenlos downloadbar.) Die Akzeptanz bei Verbänden und in Teilen der Politik scheint angesichts der Wucht und der Sehnsucht des Öffnungsbündnisses hoch. Bezeichnend für die Wertschätzung von Kultur ist allerdings wohl eher das Bild, das die ARD vermittelt: Ein Tagesschau-Bericht legte unter den Erklärbär-Text optisch nur ein leeres Stadion, null Konzertsaal.

Dabei haben die versammelten Musiklobbyisten monatelang vorgerechnet, dass der Kultur- und Veranstaltungsbereich materiell bislang einen Dreißig-Milliarden-Euro-Verlust schultert. Er trägt mehr zum deutschen Bruttosozialprodukt bei als die üppig geförderte, trotz teurer verlorener Verschmutzungs-Betrugs-Prozesse immer noch gewinnträchtige und dividendenausschüttende Automobilindustrie. Das lässt sich auch von der Wirtschaftsunion schlecht komplett ignorieren, schon wegen der Champions League. Nach einem Jahr Pandemie hatte zudem sogar Bayerns Markus Söder eingestanden, dass Kunst und Kultur „systemrelevant“ seien und sich für lang andauernde anfängliche Ablehnung entschuldigt. Derweil bieten clevere Start-ups in Web-Seminaren gegen geringes Entgelt Umschulungskurse für arbeitslose Instrumentalist*innen, Sänger*innen und Poet*innen zu aussichtsreicheren Berufen wie Sicherheitspersonal oder Impfhelfer*innen an.

Ein tiefes Aufatmen in Zeiten einer tödlichen Lungenkrankheit? Verständlich, dass nach einem Jahr Leichentuch über der Bestuhlung von Konzertsälen und gern auch Fußball-Arenen jeder Rettungsring, und sei er mit noch so ökonomistischer Pressluft aufgeblasen, herzlichst begrüßt wird. Steht nur zu hoffen, dass nicht irgendeine Mutante jedwedes Scheinwerferlicht als Transportmittel zum Publikum entdeckt. Und noch ein Aspekt gehört bedacht: Traditionell galten Kunst und Kultur allenfalls als systemrelevant, weil sie systemkritisch und damit innovativ und kreativ in die Gesellschaft wirkten. Leicht abgewandelt zitiere ich überzeugt einen klugen Satz des Cottbuser Theaterintendanten Stefan Märki: Kultur ist lebensnotwendige Nutzlosigkeit, aber sie ist eben nicht systemrelevant. Trotzdem spüren wir, wie sehr wir die Kultur brauchen. Sie ist nicht unsere Existenz, sondern die Qualität unserer Existenz.

 

Das könnte Sie auch interessieren: