Exotik ja, Diskurs nein?

Kolonialisierungstendenzen im Gehirn durch Aneignung musikalischer Exotismen?


(nmz) -

Sprache engt ein. Und die Wahrnehmung und Deutung der Welt in den ersten Lebensjahren prägt unser Gehirn nachhaltigst. Wir haben in Schablonen das Denken und in Begriffen das Deuten gelernt. In unserer Sprache, in unserem Empfinden.

Ein Artikel von Friederike Haupt<br />

Zweideutigkeiten, Vielschichtig keiten wie die verschiedenen Formen für „ich“ im Japanischen oder die x-Arten, den Schnee zu beschreiben in Inuit, gehen uns durch unsere Sprachstruktur verloren. Wozu auch, meist hat man sich in der Kommunikation auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Alles, was nicht in die Schablonen passt, ist für uns Blödsinn, oder eben bestenfalls „kreativ“, und dann wird es möglicherweise irgendwann „Kunst“ und oder Kurt Schwitters Ursonate, ein Stück Lautmalerei und führt zur Sprache der Musik. – Ein Ausweg? Gar die Weltmusik mit ihren vielen fremden neuen Sounds?

Sind wir dann wahrnehmungsfähiger, wenn wir uns mit Musik beschäftigen? Für den einfachen „Verbraucher“ gilt: Weit gefehlt. Neue Wahrnehmungsfelder zu erschließen durch die Auseinandersetzung mit fremden Musiksprachen, mit einem anderen Weg des Hörens, das wäre in Zeiten der Globalisierung durchaus angemessen. Doch die Kunst der kambodschanischen alten höfischen Tanzmusik oder die hochartifizielle kaiserliche Musik aus Hue in Vietnam etwa verlangen unser komplettes Umdenken. Dort hörte man seinerzeit Linien nebeneinander, speiste dazu und erlebte zeitgleich das Zusammenspiel unterschiedlicher Geschmäcker im Mund: Das Zusammenspiel zweier oder mehrerer linearer Vorgänge verzückt. Ob Harmonien dabei „schräg“ klingen, interessiert nicht, denn die „Harmonie“ hat hier gar keine Bedeutung im Tanz der Linien.

Ein anderes Beispiel: Trommelkunst im schwarzen Kontinent. Zwei Trommler aus entgegengesetzten afrikanischen Regionen werden sich auf Anhieb kaum verstehen können. Ihre Trommelsprachen sind zu unterschiedlich. Wir aber feiern die „Weltsprache Rhythmus“ und zwingen unsere Kollegen in ein global leicht verständliches Korsett, nur um gut tanzen zu können. Und wir glauben, wir erleben afrikanische Musik. Die Trommelkünstler revanchieren sich mit „einfachen“ Produktionen für das Abendland, und mit rhythmisch-komplexerer Musik für ihre Landsleute.

Auch die jeweils heimische Popmusikproduktion ist höchst unterschiedlich und keineswegs westlich. Sie baut auf heimische Folklore und Kunstmusik auf. Vietnamesische Popmusik, indische, arabische greift zwar auf unsere abendländische Systematik als praktikable, universale Bausteine zurück, das System von Tonika, Subdominante, Dominante, erster, vierter und fünfter Ton im Bass, das aber sehr frei in der Ausführung und ohne Zwang. Die heimischen Bausätze, die musikalischen Codes bleiben erhalten, verständlich, bekannt und angenehm nur denen, die sie kennen. Unser Musikverständnis dagegen beruht auf der Kadenz und allen ihren möglichen Umwegen: Selbst „Alle meine Entchen“ kann keiner auf dem Klavier begleiten, der nicht die Kadenz kennt.

Erst Arnold Schoenberg wagte es, das Diktat der Kadenz zu durchbrechen, indem er allen zwölf Tönen der Tonleiter Gleichberechtigung gab. Lange haben wir das nicht durchgehalten. Dankbar nahm das Publikum neueste Kompositionen auf, die auch wieder altbekannte Harmonik wagten, trotz der „Emanzipation der Dissonanz“, der schrägen Töne jenseits der Bindung bekannter Harmonik.

Wir hören, denken und fühlen in diesem abendländischen musikalischen Bausatz der Musik, und nur eine Avantgarde leistete es sich, davon Abstand zu nehmen. Der Musikwissenschaftler Jan Reichow, lange Jahre am WDR tätig, unterscheidet mehr als vierzehn verschiedene „Methoden des Hörens“, um diese unterschiedliche Musiken in dieser Welt überhaupt wahrzunehmen. Eine Methode des Hörens, die nur einen einzigen Basston kennt, ist zum Beispiel die indische Kunstmusik. Diese Musik kennt keine Kadenz! Sie baut langsam die Intervalle über einen Grundton auf, entwickelt die streng aufgebauten Ragas. Für unsere Ohren ist das gewöhnungsbedürftig.

Der Siegeszug unserer abendländischen Kadenzmusik rund um den Globus lässt sich schwer überhören, wie man an der aktuellen Klavierbegeisterung in China sieht oder an den Bemühungen der Bagdader Lautenschule. Trotz der einzigartig hohen Kunst arabischer Musik wird hier seit den zwanziger Jahren selbstverständlich auch europäischer Tonsatz unterrichtet. Oder Tonsatz für Koreaner, die 2005 an der Musikhochschule in Rostock ein Gesangsstudium beginnen durften. Abendländische Musik als die über allem stehende große Kunstmusik in der Welt, ist ein hervorragender, weltweit gefragter Exportartikel, doch sie ist überschätzt. Wenn wir aber die Unterschiedlichkeit zu anderen Musikwelten akzeptieren, lernen wir Arten des Fühlens und des Kommunizierens anderer Kulturen kennen.

Und wir bemerken, dass unsere klassische Kunstmusik genauso wie etwa die indische Kunstmusik in ihrer Art einzigartig, großartig und dennoch auch kulturhistorisch beschränkt ist. Schließlich fehlt uns seit der Renaissance die elementare Kraft des Rhythmischen in unserer klassischen Kunstmusik. Die Christianisierung sorgte für die Unterdrückung des Rhythmischen und tat dies an anderen Orten der Welt noch bis vor kurzem etwa mit Trommelverboten. Bei den Inuit Grönlands zum Beispiel, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Menschen, die keine Hilfsgüter von den Missionsstationen bekamen, wenn sie ihre Schamanentrommeln nicht beseitigten und dafür im Kirchenchor sangen. Im Pazifik das gleiche. Schichten, Überlagerungen, Querbezüge entstanden durch die Christianisierung des Musiklebens.

Heute gibt es viele junge iranische Musiker, die ihre Wurzeln vor der Zeit des Islam suchen. Überall auf der Welt entdecken Menschen tiefere musikalische Schichten, Zusammenhänge, die oft auch ihre Identität mitdefinieren. Die indianische Spurensuche in der Musik Mexikos ebenso. – Bausätze aus den Bodenschätzen des heimischen Musiklebens. Und so auch bei uns: Die alte „Kunst des Improvisierens“ muss in Instituten für „Alte Musik“ mühsam neu erlernt werden. Wir haben sie in unserer eigenen Musikkultur verloren, ebenso wie große Teile der regionalen Folklore und damit auch Teile unserer Identität.

Um Identität geht es jedoch im globalen Dorf. Um Differenziertheit - und gegenseitige Wahrnehmung. Zwölf wilde polynesische Männer tanzen in Germering um einen geschlitzten hohlen Baumstamm und trommeln darauf ohne Kräfteverzehr die halbe Nacht. Das Publikum staunt. Ein halbnackter Mann steht an einer langen Röhre und entlockt ihr dunkle dröhnende Töne, ein australischer Aboriginee spielt ein Konzert in Hamburg. Eine Frau in Trance produziert in ihrem Mund Klänge, die uns an Urzustände des Daseins erinnern. Eine schamanische Sängerin in Sibirien. Was tun mit diesen Tönen? Wie nehmen wir Weltmusik wahr? Als erlebbar und: vermarktbar.

„Jede Musikkultur ist ein Kosmos“, sagt Jan Reichow. In den sechziger Jahren begann er, seine Wahrnehmung von Musik der arabischen Melodik zu widmen, Jahrzehnte später beschäftigte er sich eingehend mit indischer Musik und füllte damit die Archive des Westdeutschen Rundfunks. Schätze ruhen dort, die künftig auch in Indien selbst kostbar sein werden, denn diese aufgenommene Musik existiert bald nur noch im Archiv des WDR. Ein lobenswerter Teil des deutschen Musiklebens ist: Wertschätzung.

Aber wie steht‘s um die breite Masse? Ein bisschen Ethno hier und Exotik da und schon haben wir ihn, den begehrten Geschmack ferner Welten. Kolonialisierung des Fremden im Gehirn. Finnische Frauenbands, die mit Kantele Rockmusik machen, das ist ihre gute Sache. Aber russisch-orthodoxe Choräle mit Techno und den Beatles gemixt, darf man das? Den kreativen Mixturen ist kein Ende gesetzt. Früher nannte man es „Crossover“, dann kamen Bands in „Fusionen“ und heute spricht man von einer „Weltsprache Musik“. Kann das so falsch sein? Was sollte uns hindern am Glück des gemeinsamen Tuns, am Glück des Kreuzens, Probierens, Streitens, und doch Musizierens? Das Motiv bestimmt die Tat. Der bloße Sound-Effekt bedient einen Markt: Hauptsache, es wird nicht anstrengend. Exotik ja, Auseinandersetzung nein? Bekannte Bausteine der Wahrnehmung bitte!

Die Kolonialisierung musikalischer Erscheinung hat eben erst begonnen, so scheint es. Für Geld lässt sich eben alles haben und einebnen, auf Linie mischen. Die bekannten Bausätze aber werden zum Wahrnehmungsfilter aller anderen musikalischen Welten. Damit stülpen wir unser Denken den anderen über. Weil wir uns für die Bausätze anderer Kulturen nicht interessieren. Dabei wäre es in unserem ureigensten Interesse, die emotionalen und kommunikativen Gesetze anderswo auf der Welt besser zu erkennen.

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