Federleichte Pointen, verschollene Lieder – der Komponist und Pianist Rudi Spring


(nmz) -
In meinem alten Stadtplan ist die Adresse nicht verzeichnet. Aber der Torbogen, vor dem ich stehe, ist real, ebenso wie der dahinter liegende Platz mit Bäumen, der gepflasterte Weg und die offene Tür des Komponier-Ateliers. Ebenso real wie die freundlich mir entgegen gestreckte Hand. Erinnerungen an gehörte Stücke, an Briefe und Telefonate gehen mir durch den Kopf. Ein paar Schritte weiter stehen das Klavier und der Schreibtisch, auf den helles Tageslicht fällt.
Ein Artikel von Michael Herrschel

Hier experimentiert Rudi Spring mit pulsierenden Sprachrhythmen, federleichten Pointen, hintergründigen Timbres. Spielen und Erfinden sind für ihn eins; er liebt die improvisatorische Freiheit, aber auch das Konstruktive, Spekulative. Seine Virtuosität schafft verzweigte, verästelte Gebilde, in denen strenge Prinzipien walten. Gern arbeitet er mit Zahlenrätseln. Er kann über klingende Proportionen so sprechen, dass einem schwindlig wird – und einen dann wieder mit der emotionalen Unmittelbarkeit seiner Musik verblüffen.

Was er schreibt, ist verletzlich, temperamentvoll, charmant, bissig, melancholisch. Von der Kammermusik, vom entfesselten Musizieren und Komponieren in unterschiedlichsten Besetzungen herkommend, entdeckte er die Poesie Christian Morgensterns für sich und schuf einen ersten Zyklus von „Galgenliedern“ – zwischen schwarzem Chansonton und fragilem Belcanto, mit lakonischem Witz in der Begleitung. Die Lust, in Gedichten die noch nicht geschriebenen Lieder aufzuspüren, brachte Rudi Spring auch mit Autoren der Gegenwart ins Gespräch; zum Beispiel mit Wolfgang Bächler. In seiner Hommage an diesen Unbekannten der Gruppe 47 traf er präzise das Hungrige, das kindlich Träumende und die Angst dahinter: „Schräg im Nichts“ hängt der Gesang, und ein halb tänzerischer, halb zitternder Klang von Flöte, Bratsche und Cello umgibt ihn.

Mit Arnold Stadler, dem er in der Villa Massimo begegnete, gestaltete Rudi Spring ein Psalm-Rezital. Notwendigkeit – und manchmal Unmöglichkeit – des Übersetzens von einer Gedankenwelt in die andere beschäftigen ihn. Zärtliche Sprachskepsis prägt seine eigene („nur zum Singen gedachte“) Wort-für-Wort-Übertragung des Gedichts „Namenlos“ von Jens Peter Jacobsen und seine „Zweisprachige Canzone“ nach Petrarca, wo er zwischen dem Originaltext (für die Stimme der Frau) und einer wortschöpferischen Interlinearversion (für die Stimme des Mannes) hin und her wechselt.

Blicke, Gesten, stumme Fragezeichen komponiert er mit ein. Er ist ein kommunikativer Mensch, ein lebhaft Suchender – auch in seinen Gesprächskonzerten, deren Programme er sorgsam ausfeilt wie Kompositionen und in denen er sich für verschollene und verkannte Werke anderer Zeiten einsetzt.

Als Interpret bedenkt er, wie etwas in wechselndem Kontext aufgespürt, mitgeteilt, verstanden werden kann. Als Komponist knüpft er an die-se Forschung an, wagt sich weiter ins Fremde vor, auch in unbekannte oder verschüttete Wort- und Bildlandschaften.

So etwa in eine Episode aus dem Buch der Verwandlungen von Ovid: „Narcissus und Echo“ vertonte er im lateinischen Original, als facettenreiche Gesangs-Szene, die sehr leichte, bewegliche Chorstimmen fordert. Für den metrischen Schliff bürgte ein Freund, der früh verstorbene Philologe und Musiker Andreas Heider. Als Epitaph zu seinem Gedächtnis entstanden drei „Nachtstücke“ – kongenial gespielt von Maria Reiter auf ihrem spitzzüngigen Klavier, ihrer Taschenorgel, Straßenorgel, die auch in kammermusikalischen und orchestralen Mixturen Verwirrung stiftet: dem Akkordeon.

Ähnlich bezaubernd und verstörend ist der Distelklang eines Spring’schen Hackbretts in Kombination mit der Kontraoktave des Konzertflügels. Oder – ganz anders – eine Folge aufschwebender Gesangslinien, die sich chromatisch überlagern: So beginnt eine kontemplative Miniatur für Frauenchor, „Das Mädchen aus der Fremde“ nach Friedrich Schiller.

Die Verse sind hier nähere und fernere Schichten eines Raums, die in vielfältigem Nacheinander und Ineinander aufleuchten. Man bewegt sich hörend im Text hin und her, betrachtet einzelne Worte, die sanft hervorgehoben und wieder ins Ganze zurückgeführt werden.

Den komplementären Kontrast dazu bildet die aktive Textdeklamation der gleichzeitig entworfenen Hölderlin-Kammersinfonie „Heimkunft“: Das Dreiländereck, in dem der Komponist aufwuchs und zu dem die Verbindung nie abriss, wird zur poetischen Chiffre einer winddurchbrausten, rastlos-schöpferischen Naturwelt. Mit einem Ruck beginnt das Spiel der Imaginationen: ein Figurentheater, in dem Sonne, Wolke und Gewittervogel an Fäden bewegt werden. Sechzehntel perlen durch die Luft, „und die unermessliche Werkstatt / reget, bei Tag und Nacht, Gaben versendend den Arm …“. Auch in Rudi Springs realer Werkstatt – aus der als jüngste Post „Neumondgesichte“ für Salome Kammer, Neues für Singer Pur und für die Camerata Bern hinausgehen – ist etwas zu spüren von dieser Unruhe, diesem Reichtum, dieser veränderlichen und verändernden Kraft.

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