Fein zerstäubt oder geschichtet

Das Festival next_generation am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe


(nmz) -

Ist der Computer das Instrument der Zukunft? Wenn ja – wie kann ein Komponist sein Werk damit so inszenieren, dass es nicht von der Inszenierung erschlagen wird? Und wie nutzt man visuelle Medien, ohne dass die Musik dahinter zurücktreten muss? Derartige Fragen stellten sich am ZKM Studierende und Leiter der Elektronischen Studios in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz: Das Festival „next_ generation“ wurde zur Bestandsaufnahme dessen, was das Berufsbild des Komponisten eigentlich bedeutet. Dass gerade in der zeitgenössischen elektronischen Musik die Urheber oft ihr alleiniges Publikum sind, hat man inzwischen selbstkritisch erkannt.

Ein Artikel von Christine Gehringer

Längst ist man sich einig, dass sich ein Komponist heutzutage nicht mehr in einer Monokultur ansiedeln kann. Gerade deshalb ist der Austausch der Hochschulen untereinander wichtig – ebenso wie die Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen. Die Folkwang-Hochschule Essen bietet etwa den Studiengang „Integrative Komposition“: Hier befassen sich die Studierenden mit allen zeitgenössischen Musikformen (auch Pop und Jazz), und setzen sich damit zunehmend mit Musikstilen auseinander, die weltweit immerhin den größten Teil des Marktes ausmachen.
Mit der Beschallung von Bühnenproduktionen oder dem Einsatz von Bildmedien sucht man daneben den Austausch mit anderen Künsten – bis hin zum Gesamtkunstwerk, das von der Musik beeinflusst wird, indem man die Prinzipien der Komposition auf das bewegte Bild überträgt. Auch die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg schärft mit dem Masterstudiengang „Multimediale Komposition“ den Blick für andere Bereiche: Aufgaben, die es in Videoschnitt, Performance oder Hörspiel zu lösen gilt, sollen die eigene künstlerische Arbeit bereichern. Dabei gibt es jedoch eine Schwierigkeit: Der interdisziplinäre Unterricht muss den Studierenden etwas vermitteln, das über das übliche Handwerk hinausgeht; eine einheitliche Ausbildung scheint deshalb an den Hochschulen kaum möglich, zumal nicht alle Studios gleichermaßen ausgerüstet sind. Deshalb hängt der Erfolg der künstlerischen Arbeit nicht nur vom Lernwillen einzelner Studierender ab – sondern vor allem von der Bereitschaft der Dozenten, sich auf Neues einzulassen.

Doch hinter der Vernetzung verschiedener Sparten steht auch ein ganz pragmatischer Wunsch: Man möchte den Studierenden eine Ausbildung ermöglichen, die mehrere berufliche Perspektiven aufzeigt. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb an der Karlsruher Musikhochschule der Studiengang „Musikinformatik“ (kombiniert mit dem Fach Musikwissenschaft) eingerichtet wurde: Die Auswirkungen der computergestützten Arbeit in Forschung und Kunst sollen hier untersucht, der Markt für Musikwissenschaftler dadurch erweitert werden. Denn bislang beschäftigt man sich dort eher mit historischen Fragen; den neuen Studiengang sieht Thomas A. Troge, Leiter des Computerstudios an der Musikhochschule, somit „als Chance für die Musikwissenschaft, zu einer zeitgenössischen Betrachtung zu gelangen“.

Mancherlei Verlockungen bringt die Elektronik mit sich. Immer geschliffener sind die Klänge, die im Studio (oder inzwischen auch am heimischen Laptop) produziert werden: Fein zerstäubt oder geschichtet werden sie per Lautsprecherbeschallung zum eindrucksvollen Hörerlebnis – aber in der Summe sind die Stücke dann meist nivelliert, alles wirkt gleichförmig; die feinen Unterschiede, um die man sich mittels ausgefeilter Technik bemüht, sind vom Hörer irgendwann kaum noch wahrzunehmen. Konrad Boehmer (Den Haag) warnt deshalb davor, die Technik zum Selbstzweck verkommen zu lassen: „Man muss ein Kunstwerk danach beurteilen können, was es ist, und nicht danach, wie es gemacht wurde.“ Dies setze jedoch beim Künstler ein großes Bewusstsein für Ästhetik voraus; ein Komponist sei heutzutage jedoch so sehr mit Programmen und Software beschäftigt, dass für musikalische Fragen kaum noch Raum bliebe. Zudem bemängeln die Hochschuldozenten, dass es den Studierenden oft an grundlegenden Kenntnissen in der Notation fehle. Demgegenüber stehe jedoch gerade bei Jugendlichen ein großes Interesse an elektronischen Medien und daneben auch ein musikalisches Bedürfnis; es gehe nun vor allem darum, dieses Potenzial – gerade auch außerhalb der Hochschule – so früh wie möglich zu nutzen.

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