Von der Laien: Ferchows Fenstersturz 2012/07


(nmz) -
Schlecker ist pleite. Der Laden. Nicht die Inhaber. Muss man schon differenzieren. Der Familienbetrieb nagt nun am Porsche-Fuhrpark und flennt im karibischen Domizil.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Da trifft es die 20.000 Schlecker-Mitarbeiterinnen nicht ganz so behaglich. Die müssen zurück auf die Couch. Zu ihrem Alten. Der dort darbend. Besoffen, zahnlos und rauchend. Ein berechtigtes Motiv, die um 70 Prozent rabattierte Wäscheleine bei Schlecker mitgehen zu lassen (weil –Achtung Superreißer! – kein Kündigungsgrund mehr) und daheim übers Heizungsrohr zu werfen. Geht nicht. Denn Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat eine Spitzenidee: Boot-Camp und Umschulen! Zu Erzieherinnen.

Was die staatlich geprüften „nannies“ in Schnappatmung versetzt. Nicht zu Unrecht, wenn ich an die Schlachtrösser in meinem Schlecker denke. Möchte nicht wissen, wie die Martins-Laternen dann aussehen. Kippe statt Kerze. Und das Kita-Klima: Überwachung, Bespitzelung, Arbeitsdruck. Na ja. Damit könnte man irgendwie leben. Sieht man doch an den asiatischen Kids. Da beschwert sich keiner. Weder Eltern noch Kinder. Jetzt wird es freilich schwierig, die Ausfahrt zur populären Kolumne zu erwischen. Da hilft jedoch der ex-Schlecker Konkurrent und dm-Gründer Götz W. Werner. Schon von seiner Werbekampagne, äh Initiative Zukunftsmusiker gehört? Macht nichts. Denn ein Projekt dieser „embedded marketing“- Aktion nennt sich „Singende Kindergärten“.

Der Begriff als solcher ist schon eine Frechheit. Bin gespannt, wann endlich mal jemand kapiert, dass das schräge bis unmenschliche Gekrächze von Amelie, Jordan-Larissa und Jonathan-Faust keiner hören will. Und kann. Der putzige Projekt-Plan dahinter: „Erzieherinnen sollen ermutigt werden, ihre Stimme neu zu entdecken, sie sicher einzusetzen und Freude am Singen mit Kindern zu erleben.“ Wie rührend. Wahrscheinlich möchte er viele Erzieherinnen desgleichen bestärken, Kinder und Eltern im Kindergarten mal zu grüßen. Stimmeinsatz und so. Und weil Papa Werner nicht nur ein kulturelles Herz hat, sondern extrem cool ist, gibt es auf der firmeneigenen Internetseite gleich noch eine Anleitung, wie man sich eine Wellpappgitarre zimmert. 

Dass die Kids inzwischen mit echten Gibson-Gitarren die Plasmascheiben der TV-Geräte zertrümmern und mit der Xbox Geiseln in Beirut nehmen, verschweigt die Bastelanleitung. Doch Herr W. hat einen Plan. Ursel schult ihm auf Staatskosten die Schlecker-Damen um. Die Kohle zweigt sie vom nicht vorhandenen Kulturetat ab. Sprich Bildungsetat. Und schon hat Herr W. brunhildische Deoverkäuferin, die singen und grüßen können. Oder mit der Wellpappgitarrenband den Ostergottesdienst gestalten. Und dem Nachwuchs die „Taft“-Flasche überziehen, wenn der nicht spurt. Oder eben falsch singt. Da bietet sich natürlich ein „dm“-eigener TV-Sender an, der die Umschulung dokumentiert: „Vom Schlecker in die Met“, „Erst Puder, dann Popstar“, Gestern Klopapier, morgen Wagner“. Beängstigend, was Frau von der Leyen da lostritt. Was, wenn Rossmann pleite macht? Müssen dann die Lehrer zittern?

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