Fischer*, wir wissen wo dein Auto steht

Ferchows Fenstersturz 2017/07


(nmz) -
Dieses gottlose Bauernvolk aus Dortmund und Frankfurt. Pfeifen diese zahnlosen Hartzer glatt Helene Fischer aus dem Stadion. Während ihrer gänzlich natürlich und gar nicht aufgesetzt wirkenden GEZ-Halbzeitshow beim Pokalfinale in Berlin. Und zwar so laut, dass ältere Berliner empört bei allerlei Reichs-, äh Amtsbehörden anriefen und ins Telefon brüllten, „warum die Amis schon wieder eine Luftbrücke einrichten müssten“ (die eigene Brücke natürlich vor lauter Schreien aus dem Mund fallend) und dass „die niemand brauche“. Also, die Amis und die Luftbrücke. Nur gut, dass der ARD-Tontechniker die Außenmikros fürs TV-Volk leiser drehte. Sonst große BILD-Hysterie: „Massentinnitus durch Helene Fischer – BILD und Peter Zwegat kämpfen für sie.“ Gerüchten zufolge übrigens der gleiche Tontechniker, der damals, als Gerd Schröder mit Suppenkelle in einer Wasserpfütze stand, das Rauschen der Niagarafälle hochregelte. Guter Mann. Alte Schule eben. Reichsrundfunk. Irgendwie aber ziemlich nordkoreamäßig, die ARD. Apropos. Seien wir ehrlich. Das waren sicher die gleichen Pfeifenköpfe, die 1990 Genscher & Kohl von der Mauer fegten. Nicht tot zu kriegen, die Stasi.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Aber, egal. Kümmern wir uns um Helene. Wobei, was soll man sagen? Frau im Stadion. Selber schuld. Dabei ist der Fußballfan einer der tolerantesten. Zwischen Böllern, Bengalos und Blendgranaten kann sich jeder wohl fühlen: Untätowierte, Homosexuelle und Familien­väter. Und, liebe Helene: das war ja alles harmlos. Man stelle sich nur vor, der TSV 1860 München hätte im Finale gestanden. Da wäre vom einfach verdübelten Plastikstuhl bis hin zum etwas komplexeren Flutlichtmasten die gesamte Stadioneinrichtung auf die Bühne gesegelt. Und zwar im Tiefflug. Und was die Stadioninsassen mit einem David Garrett und seiner Fidel gemacht hätten, wäre selbst im Mittelalter nicht mehr als Pfählung durchgegangen. Uiuiuiuiui. Liebe Veranstalter, da muss man doch die alten Hasen ran lassen. Die dem Volk aus der Leber singen. Die Toten Hosen (Zehn kleine Jägermeister), Marius Müller-Westernhagen (Johnny Walker, du bist mein bester Freund) oder die örtliche Polizeiblaskapelle. Aber wo sind die schon, wenn man sie braucht? Campino spielt irgendwo Schülersprecher, Westernhagen nölt Schröder hinterher und die Polizei-Combo muss Bürgerfeste bewachen. Panzerfaust statt Posaune.

Gewagt wäre dagegen eine radikal andere Pausengestaltung: Halbzeitlesung mit Richard David Precht („Wer seid ihr – und wie kommt ihr alle nach Hause?“), ein gemeinsames Gebet mit Margot Käßmann („1,5 Promille sind eine Ansage, kein Versprechen“) oder Beauty-Tipps von Spielerfrau Cathy Hummels („Smokey Eyes“ für Ultras nach der Schlägerei). Eventuell ist das aber alles Grütze und die 80.000 im Stadion sind die einzigen Deutschen mit Musikgeschmack. Schön wär’s.

*     Im Original zu ersetzen durch „Schiri“ und zum Mitschunkeln auf Wolfgang Fiereks „Resi, I hol di mit mei’m Traktor ab“ gedacht.

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