Forschend lernen und lehren

„Musikvermittlung interdisziplinär und inklusiv!“: ein Symposium an der Universität Bremen


(nmz) -
Wie wird Musik inklusiv erfahrbar? Was können schulische und außerschulische Projekte zur Musikvermittlung beitragen? Welche Zielsetzungen stehen im Fokus? Diesen und weiteren Fragen widmete sich ein Symposium an der Universität Bremen.
Ein Artikel von Katharina Schleinschock, Lena Hahn

Ende Mai 2016 fand am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Universität Bremen ein Symposium mit dem Titel „Musikvermittlung interdisziplinär und inklusiv!: Musikpädagogik im Dialog“ statt. Das Symposium, das dem innovativen Konzept des Forschenden Lehrens verpflichtet war, richtete sich demzufolge an Forschende, Ausübende und Studierende. Vier Impulsreferate mit unterschiedlichen Schwerpunkten verfolgten das Ziel, eine interdisziplinäre Diskussion anzustoßen. Außerdem bereicherte ein Praxisworkshop zur Musikvermittlung durch Gebärdensprache das Symposium.

Einbindung der Studierenden

Im Kontext des Formats „Forschendes Lehren und Lernen“ wurde die Thematik des Symposiums in verschiedenen Seminaren des Studiengangs Musikpädagogik unter der Leitung von Prof. Dr. Eva Verena Schmid (Universität Bremen) vor- und nachbereitet. Auf diese Art und Weise wurde einerseits den Studierenden Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs ermöglicht sowie andererseits Forschung und Lehre eng verflochten. Im Sinne der drei Aspekte des Forschenden Lernens nach Ludwig Huber 2009 erhielten die Studierenden die Gelegenheit, das Sujet Musikvermittlung mitzugestalten, zu erfahren und zu reflektieren: Die Studierenden beschäftigten sich im Vorfeld zunächst theoretisch mit Musikvermittlung und entwickelten anschließend eigenständig weiterführende Fragestellungen. Diese konnten sie während des Symposiums im Rahmen der Diskussion einbringen und so in den Austausch mit den Vortragenden und übrigen Teilnehmenden eintreten. Nicht zuletzt der Workshop ermöglichte es, praktische Erfahrungen mit Musikvermittlung zu sammeln. Im Anschluss an das Symposium wurden die Inhalte und Erkenntnisse des Symposiums in den Seminaren reflektiert.

Vier Perspektiven

Nach begrüßenden Worten durch die Gastgeberin Prof. Dr. Eva Verena Schmid eröffnete Prof. Dr. Hendrikje Mautner-Obst (Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart) die Phase der Impulsreferate mit Eindrücken zur Musikvermittlung aus der musikwissenschaftlichen Perspektive. Im Zentrum ihres Vortrags standen Ausführungen zur Planung und Durchführung von Konzertplänen, da das Format „Konzert“ hinsichtlich der vier Aspekte Vorbereitung, Interpretation, Begleitung und Nachbesprechung auf Vermittlung angewiesen sei. Im Kontext des Konzertbesuchs und der damit verbundenen Vermittlung könne schulisches Werkhören durch außerschulische Erfahrungen ergänzt werden. Mautner-Obst sprach abschließend über die gesellschaftliche Relevanz des Wissens über Musik, da musikalische Bildung einen kommunikativen Gebrauchswert besitze.

Prof. Dr. Barbara Stiller (Hochschule für Künste Bremen) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit Musikvermittlung als Feld außerschulischer Musikpädagogik. Im Fokus standen dabei das audience development sowie die Qualitätsentwicklung zielgruppenspezifischer Musikvermittlungsangebote. Im Sinne des Ziels, allen Gesellschaftsgruppen Zugang zu live präsentierter Musik zu ermöglichen, müssten Konzertformate entwickelt werden, die sich an unterschiedliche Persönlichkeits- und Erlebnistypen richten. Abschließend problematisierte Stiller die fehlende Qualitätsentwicklung, die vor allem auf häufig ausverkaufte konventionelle Formate zurückzuführen sei. Dies widerspreche jedoch dem Ansatz, einer heterogenen Gesellschaft gerecht zu werden.

Aus der Perspektive schulischer Musikpädagogik zeigte anschließend Prof. Dr. Eva Verena Schmid die durchaus große Schnittmenge von Musikvermittlung und Werkhören im Musikunterricht der Schule auf. Dabei ging sie in ihrem Impulsreferat zum einen auf die geschichtlichen Entwicklungslinien der Behandlung von Musikwerken im Unterricht ein und darin speziell auf das Verhältnis von Subjekt und Objekt sowie auf verschiedene, in diesem Rahmen viel diskutierte Hörverhaltensweisen, zum anderen  verwies sie auf aktuellste empirische Studien im Hinblick auf die Erreichung der anvisierten Ziele sowie auf die Struktur und Bedeutung groß dimensionierter Musikvermittlungsevents, etwa der Reihe „Ein ARD-Konzert macht Schule“. 

Als Abschluss der Impulsreferate stellte Lydia Grün das „netzwerk junge ohren“ vor. Dieses habe es sich zum Ziel gesetzt, Innovation für und Teilhabe an Musikkultur zu ermöglichen sowie sich für gesellschaftliche Bedeutung von Musik einzusetzen. Grün ging unter anderem auf die beiden Faktoren Finanzierung und Zeit ein. Obwohl die Wiederholung bestehender Projekte als qualitätssicherndes Element betrachtet werden könne, erfordere die Realität der finanziellen Förderung Neuerung ohne Wiederholung und Selbstreflexion.

Ziele und Inhalte

An die informativen Impulsreferate schloss sich eine durch Prof. Dr. Eva Verena Schmid moderierte Plenumsdiskussion mit den Vortragenden und Teilnehmenden an. Das dafür eingeplante, groß bemessene Zeitfenster reichte bei weitem nicht für die Diskussion der vielfältigen und interessanten Wortbeiträge seitens Studierender, Forschender und Ausübender aus. Diese beschäftigten sich weitestgehend mit der Zielsetzung von Musikvermittlung. So wurde beispielsweise die Ermöglichung von Musikerleben als emotionales Erlebnis dem eher ökonomischen Aspekt des audience development gegenübergestellt. Die Zielsetzung von Projekten der Musikvermittlung, Zugang zu live vermittelter Musik zu verschaffen, führte auch zur Thematisierung des Faktors Finanzierung. Kann und soll professionell ausgeübte Musik, wie vielfach gefordert, kostenlos sein? Auch die meist vorhandene Einschränkung der Musikvermittlung auf den Bereich der klassischen Musik wurde kontrovers diskutiert. Ein weiterer Schwerpunkt der Plenumsdiskussion betraf die Zielgruppe: Während häufig Kinder, unter anderem aufgrund ihrer Offenohrigkeit, im Fokus stehen, wurde auch der Ruf nach dem Einbezug der Erziehungsberechtigten laut. Uneinigkeit bestand hierbei über deren Funktion als Begleitpersonen oder Zielgruppe von Musikvermittlungsprojekten. Insgesamt zeigte sich in der Diskussion, dass eine einheitliche Definition des Terminus Musikvermittlung fehlte, was auch den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt und die Kommunikation leider erschwerte.

Ein Workshop von Laura M. Schweng­ber zur Deutschen Gebärdensprache (DGS) im Kontext der Musikvermittlung bildete den Abschluss des Symposiums. Nonverbal lernten die Teilnehmenden den Aufbau der DGS kennen und wurden in die Lage versetzt, das Lied „Hakuna Matata“ zur Musik mit dem ganzen Körper zu interpretieren. Diese Handlung stellte nicht nur eine Übersetzung des Liedes für Gehörlose dar, sondern wurde auch als (visuelle) Bereicherung für Hörende wahrgenommen.

Musikvermittlung ist ein schillern­der und viel diskutierter Begriff, dessen Vielseitigkeit in den Impulsreferaten verdeutlicht und von den Teilnehmenden handelnd erfahrbar wurde. Das Symposium bot eine wichtige Momentaufnahme der verschiedenen Auffassungen von Inhalten und Zielen der Musikvermittlung. Vor allem in der Diskussion zeigte sich jedoch auch, dass das Themenfeld noch immer ein Forschungsdesiderat darstellt, dem sich in Zukunft ausführlich gewidmet werden muss.
  

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