Forschung soll hörbar sein

Das Forschungszentrum Hof I Musik I Stadt als neues Kooperationsprojekt


(nmz) -
Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst steht in der Tradition der von Georg Joseph Vogler gegründeten „Mannheimer Tonschule“. Diese „Schule“, die am 4. November 1776 ihre Arbeit aufnahm, erhielt eine finanzielle Zuwendung vom musikliebenden und musizierenden Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz und widmete sich der Ausbildung professioneller Musiker. Darüber hinaus nahm die „Tonschule“ – ganz im Sinne der Aufklärung – auch die breite musikalische Bildung in den Blick. Voglers Unterrichtskonzept war umfassend und modern: Einzel- und Gruppenunterricht, Gesangsunterricht, Klavierspiel, Theorie, Komposition und öffentliche Vorträge gehörten dazu. Die Angebote waren kostenlos und konnten von Männern wie Frauen wahrgenommen werden. Dass der Musiktheoretiker und Komponist Vogler ein begnadeter Lehrer gewesen sein muss, zeigt sich am Erfolg seiner Kompositionsschüler Carl Maria von Weber und Giacomo Meyerbeer.
Ein Artikel von Panja Mücke

Für die Hochschule ebenso wichtig ist die Tradition der „Mannheimer Schule“. Mit diesem Begriff wird die Orchesterkultur der berühmten Mannheimer Hofkapelle zwischen 1743 und 1778 ebenso gefasst wie der damit verbundene Komponistenkreis – beides Ereignisse von europäischem Rang. Mit der Erschließung und Interpretation des kompositorischen Repertoires der „Mannheimer Schule“ haben sich in den vergangenen Dekaden zwei Projekte befasst, die von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gefördert wurden – die Forschungsstelle „Geschichte der Mannheimer Hofkapelle im 18. Jahrhundert“ (1990–2006, Leitung: Prof. Dr. Ludwig Finscher, Heidelberg) und die Forschungsstelle „Südwestdeutsche Hofmusik“ (2006–2020, Leitung: Prof. Dr. Silke Leopold, Heidelberg).

Gründung des Forschungszentrums in Schwetzingen

Als Nachfolger dieser renommierten Projekte hat zum 1. Januar 2021 das Forschungszentrum Hof |
Musik | Stadt seine Arbeit aufgenommen. Das in Schwetzingen angesiedelte Forschungszentrum ist nunmehr ein Kooperationsprojekt zwischen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim sowie dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg mit Unterstützung der Stadt Schwetzingen. Geleitet wird es von Prof. Dr. Panja Mücke (Mannheim) und Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt (Heidelberg). Hauptamtlicher Mitarbeiter des Forschungszentrums ist Dr. Rüdiger Thomsen-Fürst.

Das Forschungszentrum widmet sich der Musikgeschichte im südwestdeutschen Raum. In den kommenden Jahren stehen insbesondere die Brüche, Kontinuitäten und Wechselbeziehungen zwischen höfischer und städtischer Musikkultur in den Jahrzehnten um 1800 im Mittelpunkt der Arbeit. Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaft und Aufführung, zwischen Forschung und Studium ist hierbei besonders wichtig. Die Beratung von Musikerinnen und Musikern spielt ebenso eine Rolle wie der Verleih von Aufführungsmaterial. Die Forschung des Zentrums Hof | Musik | Stadt soll hörbar sein und dem Publikum nahegebracht werden.

Georg Joseph Vogler im Fokus

Ein Beispiel für die zwischen Forschung, Lehre und Musikpraxis angestrebte Vernetzung bildet das Herbstsemester 2022/23. Dieses Semester steht an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim ganz im Zeichen Georg Joseph Voglers, der in seiner Bedeutung für die europäische Musikgeschichte noch längst nicht ausreichend gewürdigt wurde. Das Forschungszentrum Hof | Musik | Stadt initiierte eine Reihe von Veranstaltungen, die sich dem in Mannheim tätig gewesenen Musiker widmen und insbesondere nach seiner Verortung in der Musikgeschichte fragen.

Den Auftakt machte eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Georg Joseph Vogler an der Schwelle zur Romantik“. Moderiert von Prof. Dr. Panja Mücke erörterten am 10. Oktober 2022 Prof. Dr. Ursula Kramer (Universität Mainz), Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt (Universität Heidelberg), Prof. Stefan Blunier (HfMDK Mannheim) und Dr. Rüdiger Thomsen-Fürst (Forschungszentrum Hof | Musik | Stadt) Voglers Bedeutung als Komponist, Pädagoge, Interpret, Instrumentenbauer und Musiktheoretiker vor dem Hintergrund der Frühromantik. In der City of Music GALA® im Mannheimer Rosengarten, die ebenfalls am 10. Oktober 2022 stattfand, stand mit der Ouvertüre zu dem Schauspiel „Hamlet“ ein wichtiges und von den Zeitgenossen viel beachtetes Werk des Komponisten Vogler auf dem Programm. Es spielte das Orchester der Hochschule unter der Leitung von Stefan Blunier.

Begleitend findet in diesem Semester für die Studierenden der Mannheimer Hochschule und des Musikwissenschaftlichen Seminars in Heidelberg ein musikwissenschaftliches Blockseminar statt. Im Palais Hirsch, dem Sitz des Forschungszentrums in Schwetzingen, haben die Studierenden Gelegenheit, sich intensiv mit den Kompositionen und Schriften Voglers zu befassen. Auf diese Weise können die Studierenden in der Probenphase und beim Konzert Erfahrungen in der Interpretation von Musik um 1800 sammeln. Und sie können sich im Rahmen des Seminars mit dem Repertoire intensiv musikhistorisch auseinandersetzen.

Forschungsperspektiven des Zentrums

Vom ausgehenden Mittelalter bis 1918 war der Hof ein wichtiger Träger des Musiklebens im südwestdeutschen Raum. In den Grenzen des Landes Baden-Württemberg finden sich zahlreiche Residenzen unterschiedlicher Größe. Hier entstand nicht nur das moderne Orchester als Klangkörper, sondern vollzog sich auch die Entwicklung der Hofmusik vom Mittel der fürstlichen Repräsentation und höfischen Unterhaltung hin zum Stadt- und Staatsorchester mit Bildungsauftrag. Obgleich in den vergangenen Jahrzehnten verdienstvolle Forschungsarbeit zur südwestdeutschen Hofmusik geleistet wurde, verbleiben Desiderata, insbesondere an der Schnittstelle von Hof und Stadt. Bislang geht die Forschung mehr oder weniger von separaten Ereignisfeldern von Musik am Hofe oder Musik in einer bürgerlichen Stadt aus, die – gebunden an ein durch die Aufklärungsforschung initiiertes Fortschrittsnarrativ – zwingend aufeinander folgten.

Dass dem keineswegs so ist, sondern höfische und bürgerlich/städtische Musikkultur schon immer miteinander in Beziehung standen und Aspekte der Hofmusikkultur auch nach dem Bedeutungsverlust des Hofes oder nach einem Residenzverlust ebenso fortlebten, wie die bürgerliche Musikkultur der Hofmusik zahlreiche Strukturen (Konzert, Oper) oder auch die Entwicklung zentraler Gattungen (Streichquartett, Sinfonie, Kammermusik) verdankt, gehört in seinen Dynamiken zu den bisher weitgehend unerforschten Gebieten um 1800.

Das Forschungszentrum hat auch zum Ziel, einen Langfrist-Projektantrag im Akademienprogramm zum Thema „Hof – Musik – Stadt: Brüche und Kontinuitäten“ zu erarbeiten, der einen Beitrag zum Verständnis der südwestdeutschen Musikkultur und ihren identitätsstiftenden Merkmalen leisten kann.

Lehre, Edition und Öffentlichkeitsarbeit

Die fachliche Expertise des Forschungszentrums schlägt sich im Lehrbetrieb an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim und der Universität Heidelberg nieder. Im Fokus der Lehre steht auch die digitale Edition und damit eines der wichtigsten Zukunftsfelder des Faches Musikwissenschaft. Ferner wird regelmäßig eine Spring School für internationale Studierende und Doktoranden angeboten, die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit gibt, das südwestdeutsche Repertoire und seine Ereignis­orte kennenzulernen. Die erste Spring School, die vom 28. bis 31. März 2023 stattfinden wird, befasst sich mit Fragen der Quellenforschung in der Musikgeschichte Südwestdeutschlands um 1800. Neben Vorträgen namhafter Experten stehen Exkursionen auf dem Programm, die Einblicke in Archive und Sammlungen gewähren, mit der Arbeit an Quellen vertraut machen sollen und zu Orten in der Region führen, an denen Musikgeschichte erlebbar wird.

Neben der Forschung ist der Konnex zur musikalischen Praxis und Öffentlichkeit essentiell. So war das Forschungszentrum bei den diesjährigen Schwetzinger SWR Festspielen Kooperationspartner für vier Veranstaltungen: Den Anfang machte ein Konzert des Neuen Mannheimer Orchesters unter der Leitung von Anders Muskens am 30. April 2022 im Mozartsaal des Schwetzinger Schlosses. Zum Konzert mit dem Titel „Genius loci“ hielt Rüdiger Thomsen-Fürst im Jagdsaal einen Einführungsvortrag. Am 1. Mai 2022 fand ein Nachmittag im Paradies der Tonkünstler statt. Einem musikhistorischen Rundgang durch Schwetzingen schloss sich ein Kurzkonzert mit Studierenden der Mannheimer Hochschule im Palais Hirsch an, das dem vor 250 Jahren in Schwetzingen geborenen und in London wirkenden Geiger und Orchesterleiter Franz Cramer gewidmet war.

Am 12. Mai 2022 hatte die Oper „L’isola d’Alcina“ von Giuseppe Gazzaniga mit dem Orchester L‘arte del mondo unter der Leitung von Werner Erhardt im Schlosstheater Premiere, weitere Aufführungen folgten am 14. und 15. Mai. Bei der Stückauswahl war das Forschungszentrum Hof | Musik | Stadt bzw. die Forschungsstelle Südwestdeutsche Hofmusik beratend tätig gewesen, die Mitarbeiter haben eine Edition der Partitur erarbeitet sowie das komplette Aufführungsmaterial erstellt. Ein Konzert im Schlosstheater mit der Sopranistin Julia Lezhneva und dem Orchester Concerto Köln, das einem Hofkonzert, einer musikalischen Akademie, nachempfunden war, fand am 25. Mai 2022 statt.

Prof. Dr. Panja Mücke, Vizepräsidentin der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim

Weitere Informationen unter: https://www.hofmusikstadt.de

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