Fritz Kreisler – ein Kosmopolit im Exil

mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien


(nmz) -
Yehudi Menuhin sagte über Fritz Kreisler: „Der typische Kreisler-Klang war subtil und eindringlich, unter der Oberfläche erfüllt von Regungen und Impulsen, von Hinweisen, die aufzufangen die damalige primitive Aufnahmetechnik und ich uns nach Kräften bemühten.“ Und er ergänzte: „Ich sehne mich glühend danach, Schön Rosmarin und Caprice viennois mit einer so raffinierten Eleganz zu spielen“ (Yehudi Menuhin, Unvollendete Reise. Lebenserinnerungen, München 1979, S. 68).
Ein Artikel von Gerold Gruber

Star-Violinist und Komponist Fritz Kreisler wurde 1875 in Wien geboren. Er wurde zuerst von seinem Vater Samuel Kreisler unterrichtet, einem jüdischen Arzt, zu dessen Patient*innen auch Sigmund Freud zählte. 1882 begann er am Conservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (heute mdw) sein Studium bei Joseph Hellmesberger jun. und Anton Bruckner. Im Alter von sieben Jahren war Fritz Kreisler das jüngste Wunderkind an dieser Ausbildungsstätte und erhielt nach drei Jahren bereits die Goldmedaille des Conservatoriums. Nach dem Studium am Pariser Konservatorium errang er 1887 den „Premier Grand Prix“ an dieser angesehenen Institution. 1888 ging er zusammen mit dem Pianisten Moriz Rosenthal auf eine erfolgreiche Amerikatournee.

Brillante Karriere

Nach seiner Rückkehr aus den USA beendete Fritz Kreisler seine Schulzeit mit der Matura, begann Medizin zu studieren und war kurze Zeit in der Armee. Ein Probespiel bei den Wiener Philharmonikern ver­lief erfolglos, trotzdem wurde er als Solist eingeladen, mit dem Orchester zu musizieren. Weitere Erfolge verzeichnete er unter anderen mit den Berliner Philharmonikern unter Arthur (Artúr) Nikisch. Damit begann eine der brillantesten und lukrativsten Solis­tenkarrieren der damaligen Zeit. 1910 hob Kreisler das ihm gewidmete Violinkonzert von Edward Elgar aus der Taufe. Die Teilnahme als Soldat im Ersten Weltkrieg bewirkte einen kurzfristigen Boykott seiner Auftritte in den USA. Seine Frau, die Amerikanerin Harriet Lies, die durchaus ein gutes Verhältnis zum NS-Regime pflegte, managte ihn – sie besaßen von 1924 bis 1934 ein Haus in Berlin. Diese Aufgabe war wohl eine zeitintensive Herausforderung, die sie mit großem Eifer und Erfolg erfüllte. Sein Konzertkalender war voll ausgelastet, und auch der Vertrag mit der Schallplattenfirma Victor Company verpflichtete ihn zu vielen Aufnahmen. In dieser Zeit erntete er mit seinen sogenannten Klassischen Manuskripten viel Bewunderung, aber nach Bekanntwerden der Tatsache, dass es sich vielmehr um Eigenkompositionen handelte, auch viel Kritik.

Emigration und Tod

Ab 1933 lehnte es Fritz Kreisler aus Solidarität mit Dirigenten wie Fritz Busch und Bruno Walter ab, im „Deutschen Reich“ aufzutreten. 1935 wurde Kreisler anlässlich seines 60. Geburtstages mit dem Ehrenring der Stadt Wien ausgezeichnet, weltweit wurden ihm gewidmete Sendungen ausgestrahlt. Nur in Deutschland wurde er totgeschwiegen. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft verboten die Nazis 1938 alle seine Aufnahmen und Auftritte. Er erhielt die französische Staatsbürgerschaft, die anfangs von Deutschland nicht anerkannt wurde, emigrierte aber gemeinsam mit seiner Frau 1939 nach Amerika. 1943 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Aufgrund eines Autounfalls 1941 musste Kreisler seine Auftritte drastisch reduzieren. Kreislers letzter öffentlicher Auftritt fand 1947 statt. Der großartige Solist erblindete zusehends und starb 1962 in New York.

Die Ausstellung

Eine Ausstellung des Exilarte-Zentrums für verfolgte Musik an der mdw mit zahlreichen Bildern, Notenmaterialien und Lebensdokumenten sowie der parallel erscheinende Katalog werden sich im Fritz-Kreisler-Gedenkjahr unter anderem mit Kreislers Familiengeschichte, seiner Wiener Zeit sowie seiner besonderen Fähigkeit, mit den Medien zu kommunizieren (Plattenfirmen, Zeitungen, Rundfunk), beschäftigen. Auch sein Geigenstil (in Zusammenhang mit den großen Konzerten und den Beethoven-Sonaten) wird thematisiert, wie auch seine Bearbeitungen und seine Kompositionsweise. Interessant sind auch seine über ein Dutzend Stradivaris, Guarneris und andere Spitzeninstrumente, die er sein Eigen nannte (auch die heutigen Besitzer_innen werden genannt). Ebenso wird die historische Komponente der auf „rassischen“ Gründen beruhenden Ausweisung durch den NS-Staat aufgezeigt und – wie dies bei Exilarte-Ausstellungen schon Tradition ist – die Einbeziehung von weiteren vertriebenen und verfemten Geigenvirtuos_innen und Streichquartetten jener Zeit (Alma und Arnold Rosé, Carl Flesch, Bronisław Huberman, Ferdinand Adler, Busch-Quartett, Rostal-Quartett etc.) betrachtet.

Über das Exilarte Zentrum

Österreich war Heimat vieler bedeutender Opfer der Hitlerjahre, welche im Bereich der Musik tätig waren. Die Bekanntesten unter ihnen sind bereits zu einem Teil der Kulturgeschichte geworden. Andere warten noch auf ihre Entdeckung oder besser Wieder-Entdeckung. Große Lücken gibt es verständlicherweise dort, wo die Einbeziehung der fehlenden Glieder dieser kulturellen Entwicklung in die etablierte österreichische Kultur- und Musikforschung, aber auch in die aktuelle Aufführungspraxis, noch nie angegangen wurde. Das Exilarte Zentrum fungiert hier als Anlauf- bzw. Schnittstelle für Rezeption, Erforschung, Bewahrung und Präsentation der Werke von Komponistinnen und Komponisten, Interpretinnen und Interpreten, Musikforscherinnen und Musikforscher sowie Theaterkünstlerinnen und Theaterkünstler, die im Dritten Reich als ‚entartet‘ galten.

Gerold Gruber, Gründer und Leiter des Exilarte Zentrums für verfolgte Musik

https://exilarte.org/

Fritz Kreisler – Ein Kosmopolit im Exil
Eröffnung 16. September 2022, bis Mai 2023
Exilarte – Zentrum für verfolgte Musik
Lothringerstraße 18, 1030 Wien

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