Für ein Musizieren jenseits des Tellerrandes

Zur Schieflage der professionellen Musikausbildung in Deutschland: ein Appell


(nmz) -
„Denkansätze in Form einer direkten Ansprache der betroffenen Personengruppen“: Diese Textform wählte der Musiker und Musikforscher Wendelin Bitzan für seine kritische Bestandsaufnahme zum Zustand der Ausbildung an deutschen Musikhochschulen, erschienen im Hochschulmagazin 6-2015 der neuen musikzeitung. Ein Appell zum Umdenken auf allen Ebenen.
Ein Artikel von Wendelin Bitzan

Zustandsbeschreibung

In Deutschland kann man an vierundzwanzig Musikhochschulen, sechs Kirchenmusikhochschulen, elf Akademien, Konservatorien und Berufsfachschulen für Musik sowie an etlichen Universitäten künstlerische musikalische Hauptfächer studieren. Die Lebenswege der angehenden Musiker/-innen scheinen in vielen Fällen vorgezeichnet zu sein: Instrumental- beziehungsweise Gesangsunterricht seit dem frühen Kindesalter, oftmals Jungstudierendenzeit an einem darauf spezialisierten Institut, dann ein vier- bis fünfjähriges Vollstudium, anschließend vielleicht noch Aufbau- und Masterstudiengänge – und schließlich, nach einer etwa zwanzigjährigen Ausbildungszeit, der Sprung in ein in höchstem Maße ungewisses Berufsleben.

Der von Sparzwängen gebeutelte Musikbetrieb wird alljährlich mit einer Vielzahl bestens ausgebildeter Musizierender aus dem In- und Ausland überflutet, die hierzulande ihr Auskommen finden möchten. Unser Land produziert Musiker/-innen der Spitzenklasse, aber nur die wenigsten von ihnen können ihren Lebensunterhalt durch das aktive Musizieren bestreiten. Angebot und Nachfrage klaffen weit auseinander: Orchesterstellen und Engagements an Theatern oder Opernhäusern können den Bedarf an Arbeitsplätzen nicht annähernd decken – während die Absolventenzahlen in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen sind, werden immer mehr Planstellen in Orchestern und an Bühnen gestrichen. Die weitaus meisten Berufsmusiker/-innen geben Unterricht, häufig ohne dafür gezielt ausgebildet worden zu sein; Lehrpositionen an Musikschulen, Hochschulen und Universitäten sind begehrt, trotz oft inakzeptabel schlechter Vergütung, aber in vielen Fällen nicht erreichbar. Was die Absolventen/-innen im Regelfall erwartet, zumindest für die ersten Jahre ihrer Berufstätigkeit, ist ein freiberufliches Musikertum mit knappen Einkünften und mangelhafter sozialer Absicherung. Patchwork-Existenzen mit mehreren parallel ausgeübten Tätigkeiten sind zum Normalfall geworden.1 Unterdessen können sich öffentliche Musikschulen vor Schüleranfragen kaum retten, sind jedoch aus Mittelknappheit gezwungen, Haushaltssperren und Aufnahmestopps zu verhängen. Was läuft da schief? Offenbar herrscht dringender Handlungsbedarf, aber was kann überhaupt verändert werden, und an welchen Punkten muss das Umdenken beginnen? Wie können die Professionalisierung und Institutionalisierung der Musikausbildung zeitgemäß gestaltet werden? Dieser Artikel formuliert einige Denkansätze in Form einer direkten Ansprache der betroffenen Personengruppen.2

I. Liebe Studierende und Studienbewerber/-innen,
studiert nicht an einer Musikhochschule,3 weil ihr talentiert seid oder weil andere Menschen euch das geraten oder ermöglicht haben. Tut das, weil ihr zu Botschafterinnen und Botschaftern eurer Kunst werden möchtet. Verbringt eure Freizeit nicht allein damit, zu üben und euch in eurem Hauptfach zu perfektionieren. Eure Qualifikation hängt nicht nur von euren Musizierleistungen ab; die Studienzeit dient dazu, dass ihr ein differenziertes künstlerisches Selbstbild entwickelt. Legt eure Scheuklappen ab und nehmt die Welt mit allen Sinnen wahr, damit man euch nicht als weltfremd wahrnimmt. Öffnet eure Augen und Ohren, besucht die Konzerthallen, Theater, Museen und Lichtspielhäuser; integriert euch in die Kulturszene und tretet in einen Dialog mit Künstler/-innen anderer Richtungen und Disziplinen.

Würdigt die Nebenfächer im Studium, die euch vermeintlich die Übezeit stehlen, und legt sie nach der Abschlussprüfung nicht ab wie ein ungeliebtes Kleidungsstück. Bringt den Bereichen der Musikforschung, Musiktheorie und Musikästhetik Interesse entgegen; sie helfen euch, euren Gegenstand von anderen Seiten zu betrachten und tiefer zu durchdringen. Beschäftigt euch mit Improvisation, Partiturkunde, historischen Instrumentarien, mit der Musik verschiedener Epochen und Stilrichtungen. Studiert möglichst viel Kammermusik ein, erprobt gemischte Besetzungen für Streich- und Blasinstrumente, Sänger und Tasteninstrumente. Lernt junge und alte Komponierende kennen, führt ihre Musik auf und bittet sie, für euch neue Stücke zu schreiben.

Habt etwas zu sagen: Betreibt die mündliche und schriftliche Ansprache eurer Zielgruppe, wann immer es geht, moderiert eure Auftritte selbst, verfasst Texte für Programmhefte und Booklets. Veranstaltet selbständig Konzerte und Konzertreihen, auch außerhalb der Hochschule. Knüpft Kontakte zu Veranstaltern und Agenturen, findet Sponsoren und Unterstützer, informiert euch über Rechtliches und Urheberrechtliches. Organisiert euch, kooperiert miteinander, gründet Initiativen, führt gemeinschaftliche und interdisziplinäre Projekte durch. Seid den digitalen Medien und dem Internet gegenüber aufgeschlossen, präsentiert euch in den Plattformen der Social Media und teilt der Außenwelt mit, warum man in eure Konzerte kommen sollte. Verzichtet in euren schriftlichen Lebensläufen auf Klischees und Stereotype; schreibt nicht eure prominenten Lehrkräfte und Musizierpartner/-innen hinein, sondern entwerft ein individuelles und unverwechselbares Portfolio.

Unterrichtet Schüler/-innen aller Altersstufen und gebt eure Kunstfertigkeit weiter, selbst wenn ihr dies nicht als zukünftigen Tätigkeitsschwerpunkt betrachtet – die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass die wenigsten Berufsmusiker/-innen auf das Unterrichten verzichten können und wollen. Gebt die Vorstellung auf, die Orchesterstelle beziehungsweise der Solo- oder Ensemblevertrag sei das allein seligmachende Berufsziel, und erliegt nicht der Fehleinschätzung, dass das Musikertum einen klar abgegrenzten Tätigkeitsbereich bedeutet, in dem man in erster Linie nachschaffend agiert. Euch erwartet ein komplexes und hoch differenziertes Arbeitsumfeld, in dem ihr zugleich als rezipierende, interpretierende und produzierende Musiker/-innen gefordert seid.4

Lasst euch nicht steuern; pflegt und bewahrt eure künstlerische Autonomie – sie ist es, die euch als Musikerpersönlichkeiten erst interessant macht. Werdet zu vielseitigen und mündigen Musizierenden, die den Gegenstand ihres Wirkens nach außen tragen, ihre Profession in möglichst vielen Bereichen des Lebens repräsentieren sowie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten nach besten Kräften weiterzugeben trachten.

II. Liebe Lehrende an Musikhochschulen, Konservatorien und Akademien,
nehmt eure Studierenden als vollwertige künstlerische Individuen wahr, die nicht geformt, sondern geführt werden möchten. Sucht euch nicht nur die Begabtesten und Vielversprechendsten aus, sondern setzt eure Klassen möglichst vielfältig und heterogen zusammen. Seid euch bewusst, dass ihr als Pädagogen/-innen mindestens ebenso gefragt und gefordert seid wie als Künstler/-innen, und gelangt zu der Einsicht, dass auch das Lehren eine künstlerisch erfüllende Herausforderung darstellt. Steht euren Studierenden durchgängig und regelmäßig zur Verfügung und lasst euch nicht durch Assistenten/-innen vertreten. Erfüllt eure Pflichten in Prüfungskommissionen und in der akademischen Selbstverwaltung gewissenhaft und konzentriert.

Wirkt der fatalen Verengung des Repertoires nach besten Kräften entgegen, indem ihr euren Studierenden stets auch Unbekannteres ans Herz legt. Ermöglicht ihnen, auch Musik einzustudieren, die ihr selbst nicht kennt oder beherrscht, und weitet dadurch euren eigenen Horizont; durchbrecht die monotone Einheitlichkeit der Klassenabende und Prüfungsprogramme. Lasst die Studierenden von Anfang an künstlerische Eigenständigkeit entwickeln, was die Wahl des Repertoires, der Auftritte und Engagements sowie richtungsweisende Entscheidungen des Werdegangs betrifft. Schickt sie nicht zu kostspieligen Sommerkursen, sondern empfehlt sie an eure Kollegenschaft; fördert sie vielseitig, indem ihr euch für Einflüsse anderer Schulen und Lehrmethoden öffnet.

Die Meisterlehre ist ein autoritäres und überkommenes Konzept – haltet keine Meisterklassen, sondern Klassenunterricht ab.5 Akzeptiert die Notwendigkeit und Bedeutung von Nebenfächern und besteht nicht auf einer vorrangigen Stellung des Hauptfachs. Fördert nicht ausschließlich das Solistentum; züchtet keine musikalischen Einzelkämpfer/-innen heran, sondern ermutigt die Studierenden zu kammermusikalischen Projekten und stellt gemischte Ensembles aus Instrumenten und Singstimmen zusammen. Bleibt informiert über aktuelle Entwicklungen im Musikleben und auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn ihr daran selbst nicht mehr teilhabt. Bereitet eure Studierenden adäquat auf die Berufslaufbahn vor, indem ihr sie über Perspektiven, Chancen und Schwierigkeiten nach bestem Wissen informiert. Schickt sie für Hospitationen und Praktika zu potenziellen zukünftigen Arbeitgebern, fördert aber auch freiberufliche Tätigkeit und künstlerisches Entre­preneurship. Ermuntert die Studierenden, selbst zu unterrichten und die erworbenen Fertigkeiten weiterzugeben. Empfehlt ihnen Zweit- und Drittqualifikationen in den Bereichen der Musikpädagogik, Schul- und Kirchenmusik, in der Musikvermittlung und elementaren Musikerziehung. Seid den euch anvertrauten Studierenden Vorbilder, in fachlicher Hinsicht und mit Blick auf eine Kultur des lebenslangen Lernens, und seid ihnen darüber hinaus Mentoren/-innen und unterstützende künstlerische Partner/-innen jenseits aller Hierarchien und sozialen Gefüge.

III. Liebe Hochschulleitungen, Instituts- und Fakultätsräte,
gestaltet in eurer Musikhochschule keine in sich abgeschlossenen Soziotope, sondern offene Orte des akademischen Lehrens und Lernens. Legt eure Studien- und Prüfungsordnungen, trotz sperriger Modularisierungsvorgaben, flexibel an und gebt der individuellen Entfaltung Raum. Verlangt von Studienbewerber/-innen, dass sie aktiv am künstlerischen Leben teilnehmen und sich dauerhaft in dieses integrieren, gerade dann, wenn sie aus dem Ausland stammen. Führt regelmäßige Beratungsgespräche mit ihnen, seid schon vor Studienantritt im Bilde über ihre Absichten und beruflichen Pläne, und kontrolliert gegebenenfalls den effektiven Spracherwerb. Gestaltet die Zugangsprüfungen als repräsentative und möglichst objektive Abfrage von Fähigkeiten, nicht als selbstreferentielles Schaulaufen; verhindert vorherige Absprachen und die Auswahl von Bewerbern nach den Vorlieben der Hauptfachlehrer/-innen.

Schmückt euch nicht mit den Erfolgen eurer Studierenden, sondern gewährleistet kontinuierliche und nachhaltige Nachwuchsförderung. Bekämpft die inflationäre Vergabe von guten und sehr guten Noten – ihr besitzt eine Verantwortung gegenüber den zukünftigen Absolventen/-innen. Lasst sie nicht um jeden Preis ein Studium beenden; nehmt sie lieber gar nicht erst auf, anstatt sie mit zweifelhaften Perspektiven ins Berufsleben zu entlassen. Bildet nur so viele Studierende aus, wie es der Musikbetrieb und der Arbeitsmarkt erfordern. Vereinigt künstlerische, didaktische und wissenschaftliche Studieninhalte zu einem einzigen Curriculum.6 Falls dies nicht realisierbar sein sollte, so bietet mindestens ebenso viele Studienplätze für künftige Musikpädagogen/-innen an, wie für Studierende der künstlerischen Hauptfächer, und ermöglicht den Letzteren bei entsprechender Nachfrage ein pädagogisches Zweitstudium, auch wenn sie bei dessen Antritt nicht mehr im Abiturientenalter sind. Richtet die Lehrinhalte an dem Umstand aus, dass eure Absolventen/-innen in zunehmendem Maße als Freiberufler tätig sein werden.

Bekämpft das in Musikerkreisen nicht selten anzutreffende Fachidiotentum; bildet keine ignoranten Spezialisten aus, die weder nach links und rechts noch über ihren Tellerrand blicken, sondern ermutigt die Studierenden zur Vielseitigkeit und zum Dialog mit anderen Kunstrichtungen. Gestaltet aktive ‚universitas‘ und schreibt Inter- und Transdisziplinarität in die Studien­ordnungen; schickt die Studierenden nicht in ein kulturwissenschaftlich verallgemeinerndes, ihnen inhaltlich fernes Studium Generale, sondern konfrontiert sie in Lehrveranstaltungen und fakultativen Angeboten mit der Wirklichkeit ihres zukünftigen Berufsmusikertums.7

Wirkt der Errichtung von Elfenbeintürmen entgegen, indem spezialisierte Abteilungen und Institute zur ständigen Kooperation mit der hochschulischen Umgebung angeregt werden, und verhindert deren kontraproduktive Isolierung – die oftmals als ‚Alte‘ und ‚Neue‘ Musik etikettierten Ausbildungsbereiche bedürfen keiner räumlichen Trennung und keiner separaten Organisationsstrukturen innerhalb der Hochschule, sondern müssen Bestandteil des regulären Curriculums sein, um nicht zu hermetischen Nischen zu werden.

Stellt Etabliertes immer wieder in Frage und verweist nicht aus Bequemlichkeit auf historisch gewachsene Strukturen. Fördert das soziale und hochschulpolitische Engagement seitens der Lehrenden und Studierenden, seid aber selbst standhaft und unnachgiebig gegenüber der Politik.

IV. Liebe Landesregierungen und Kulturpolitiker/-innen,
erkennt an, dass der Musikbetrieb (wie der gesamte Kultur- und Wissenschaftssektor) ein Subventionsgeschäft ist, das permanenter Förderung bedarf, und dessen Pflege und Lebenserhaltung in eurem Aufgabenbereich liegt. Wirkt zunächst der chronischen Unterfinanzierung des musikpädagogischen Elementarbereichs entgegen: Die Musikschulen sind das Kernstück der musikalischen Breitenförderung. Die Begünstigung von Spitzenleistungen hat ihre Berechtigung, wirkt aber kontraproduktiv, wenn dabei die Basis vernachlässigt wird. Alle Musikvermittlungs-Studiengänge, alle Education-Programme und Jedem-Kind-ein-Wasauchimmer-Initiativen greifen ins Leere, wenn der erfolgreich für die Musik begeisterte Nachwuchs bei der Musikschule auf der Warteliste landet, weil nicht genügend Lehrkräfte bezahlt werden können.

Instrumental- und Gesangslehrer/-innen müssen von der Ausübung ihres Berufs leben können, ohne ins Prekariat abzugleiten.8  Der Idealismus, den die Berufseinsteiger/-innen mitbringen, ist eine wertvolle Ressource: professionelle Ambitionen sind untrennbar mit persönlicher Leidenschaft verknüpft – dies ermöglicht künstlerische Höchstleistungen. Tragt diesem Umstand Rechnung, indem ihr die unwürdige Tagelöhnertätigkeit der Honorarkräfte an Musikschulen sowie die ausufernde Ausbeutung der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen beendet und durch sozial abgesicherte Arbeitsverträge ersetzt. Mit dieser Maßnahme beeinflusst ihr entscheidend das Wohlergehen des Musiklebens der kommenden Jahrzehnte. Sorgt dafür, dass auch das freiberufliche Künstlertum wieder zu einer attraktiven Perspektive werden kann, so dass Eltern sich nicht länger veranlasst sehen, ihren Kindern von einem Musikstudium abzuraten.

Seht nicht die künstlerischen Eliten als Aushängeschild der Musikhochschulen, sondern die oftmals im Hintergrund geleistete musikpädagogische Arbeit – es muss politischer Wille werden, die Überproduktion von hochrangigen Solisten durch die intensivierte Heranbildung qualifizierter künstlerisch-pädagogischer Nachwuchskräfte abzulösen. Dies sollte sich in einer inhaltlichen Neuausrichtung zugunsten musikpädagogischer und persönlichkeitsbildender Studienschwerpunkte äußern; letztlich werden die Studienplatzzahlen reduziert und die zu erwerbenden Abschlüsse neu bewertet werden müssen.
Musikhochschulen sind Orte, an denen Kunst, Wissenschaft und Lehre in Theorie und Praxis ineinandergreifen – es ist an euch, diese Interdisziplinarität gezielt zu fördern: durch Einrichtung von Masterstudiengängen für Musikvermittlung, Elementarpädagogik und Klassenmusizieren, durch Doktoratsprogramme für Persönlichkeiten, die sich zugleich als Musiker, Pädagogen und Wissenschaftler begreifen, sowie durch ein konkretes Award- und Stipendiensystem für besonders herausragende Projekte. Fügt die Säulen der musikalischen Ausbildung (von den Kindertagesstätten bis zu den Musikhochschulen) wieder zu einem kontinuierlichen, allen Bürger/-innen unabhängig von Bildungsstand oder Finanzkraft gleichermaßen zugänglichen Förderungssystem zusammen, dessen Institutionen miteinander kooperieren und nicht konkurrieren.

V. Liebe Protagonisten/-innen der Musikwirtschaft,
ob ihr in Musikverbänden, Musikverlagen, in der Tonträgerindustrie, in Konzert- und Opernhäusern, Künstleragenturen oder Kulturstiftungen arbeitet, oder ob ihr für den Rundfunk, das Fernsehen oder im Musikjournalismus tätig seid – vermittelt in euren Umfeldern die Einsicht und Überzeugung, dass es bei der Vermarktung von Musik auf Inhalte und nicht auf die äußere Form ankommt. Die kommerzielle Inszenierung von Musizierenden und Komponierenden produziert blutleere Reklamefiguren, fremdgesteuerte Marionetten ohne künstlerische Autonomie, die nur das spielen und singen, was ihnen angetragen wird. Bevor es um die Bedürfnisse des Marktes geht, muss höchste künstlerische Qualität gewährleistet werden. Gestaltet Karrieren nachhaltig und langlebig anstatt mit Hochglanz-Covern, Plakaten und Werbetrailern; werft die antiquierte Sichtweise über Bord, eine Musikerlaufbahn müsse mit dem Gewinn wichtiger Wettbewerbe beginnen.

Fördert Ideenreichtum und profilierte Werkauswahl – es braucht nicht das hundertste Solo-Debüt und die tausendste Darbietung der immer gleichen „Meisterwerke“, sondern einen markanten, das Gesamtrepertoire bereichernden Produktionskatalog; dies gilt insbesondere für neue Aufnahmen. Die ‚klassische‘ Musik ist weder auf dem absteigenden Ast noch in ihrer Existenz gefährdet;9 benötigt werden allerdings zukunftsfähige Modelle zu ihrer Förderung und Verbreitung. Jammert nicht über den Niedergang der physischen Tonträgermedien und des Notendrucks; fragt Komponierende und Kreative, wie sie sich selbst eine zukunftsfähige Verbreitung ihrer Kunst vorstellen. Vermeintliche demographische Probleme wie die Überalterung des Publikums oder die Kulturferne der jüngeren Generation sind lediglich eine Frage der Betrachtungsperspektive; solche Diagnosen entstehen aus dem Verharren in überkommenen Denkmustern und Marketingstrategien.

Euer Einfallsreichtum und eure Begeisterungsfähigkeit sind gefragt – habt keine Angst vor der scheinbar blasphemischen Vermischung von Hoch- und Subkultur, sondern experimentiert mit Crossover-Formaten, Veranstaltungen bei Nacht, in Clubatmosphäre oder unter freiem Himmel. Nutzt Digitalisierung und Social Media als Instanzen der unbegrenzten Verfügbarkeit von Inhalten; setzt euch für flexible Vergütungs- und Lizenzmodelle für Online-Nutzungen von Musik ein und entwickelt neue Formate und Vertriebswege, mittels derer Musik die Menschen erreichen kann, ohne ein reines Produkt zu sein. Seid euch eurer Verantwortung als Kulturschaffende und Kulturbotschafter/-innen, nicht allein als Kulturverwerter/-innen, bewusst. Und: Schließt gelegentlich einmal die Augen beim Musikhören.

Schlusswort

Als aktiv oder passiv am professionellen Musikbetrieb Teilhabende sollten wir uns davon verab-schieden, immer Hochkultur sein zu wollen, unsere Rolle darin zu sehen, das ehrwürdige Erbe der Vergangenheit zu pflegen, bloße Verwalter eines Schatzes zu sein, der uns vermeintlich nichts abverlangt als seine immer neue Wiederaufbereitung. Musikkultur muss – soll sie Kultur bleiben – sich jederzeit lebendig, neugierig und wandelbar präsentieren. Um diesen Anspruch zu erfüllen, braucht es flexible und enthusiastische Lehrkräfte und Vermittler/-innen, die sich zu gleichen Teilen als Künstler, Pädagogen und Forscher an ihrem eigenen Gegenstand begreifen.

Das derzeit praktizierte Modell „Musik studieren in Deutschland“ weist gravierende strukturelle Mängel auf und ist dringend überarbeitungsbedürftig. An den Hochschulen, die seit vielen Jahren an den Erfordernissen des Arbeitsmarkts vorbei ausbilden, ist ein Umdenken erforderlich – und um die notwendigen Reformen zu ermöglichen, müssen seitens der Kulturpolitik die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wenn Musik in der Mitte der Gesellschaft entstehen und stattfinden soll, so muss ihre professionelle Ausübung und die Ausbildung von Musiker/-innen dauerhaft von der öffentlichen Hand verantwortet und finanziert werden – und zwar nicht als sogenannte „freiwillige Leistungen“, wie Kulturausgaben noch immer gesetzlich definiert sind, sondern als Pflichtaufgaben.

Die gesellschaftlichen Funktionen des Musikertums und des Musikpublikums sind abhängig von einer zuverlässigen Trägerschaft durch Bund, Länder und Kommunen – ohne Legitimations- oder Rechtfertigungsdruck. Tendenzen zur Privatisierung der institutionalisierten Musikausbildung sind auf allen Ebenen abzuwenden, da sie die verfassungsmäßige Verpflichtung der öffentlichen Kassen zur Förderung von Kultur, Kunst und Wissenschaft aufweichen. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Einsicht auch in den Reihen der kulturpolitischen Entscheidungsträger durchsetzt.

Wendelin Bitzan, Musiker und Musikforscher, unterrichtet Musiktheorie und Neue Medien an der Universität der Künste und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für Anregungen zu diesem Text dankt der Autor Eva Genari, Esther Adrian und Laura Krämer.

Anmerkungen
1 Vgl. Ortwin Nimczik / Hans Bäßler / Detlef Altenburg: Ausbildung für Musikberufe, in: MIZ (Deutsches Musikinformationszentrum) 2011, S. 16 [http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/01_Bildung
Ausbildung/nimczik_baessler_altenburg.pdf]. Siehe auch die Ergebnisse der folgenden empirischen Studien: Heiner Gembris / Daina Langner: Von der Musikhochschule auf den Arbeitsmarkt, Augsburg 2005; Magdalena Bork: Traumberuf Musiker? Herausforderungen an ein Leben für die Kunst, Mainz 2010.

2 Gegenstand der Ausführungen ist in erster Linie das künstlerische Hauptfachstudium eines Instruments oder der Singstimme. Die Aussagen beziehen sich allgemein auf den Ausbildungsbetrieb an deutschen Musikhochschulen, gelten aber insbesondere für die Situation in Berlin. In anderen Bundesländern mögen sich die geschilderten Sachverhalte im Detail abweichend darstellen.

3 Hier und im Folgenden sind mit dem Terminus „Musikhochschule“ alle Institutionen des tertiären Bildungssektors gemeint, in denen künstlerische Musikstudiengänge angeboten werden, also auch Konservatorien, Akademien etc.

4 Vgl. Andrea Kerner: Neue Arbeitsplatzformate, in: Das Orchester Nr. 1 / 2013, S. 28ff.

5 Durch die Beibehaltung des Meisterschülersys-tems und der damit in Zusammenhang stehenden etablierten Hierarchien „wird eine Musikhochschule zur schlichten Reproduktionsanstalt, welche das Wesen und das Werden von Kunst verkennt.“ Zit. nach: Friedrich Uecker; Hochschulinfarkt, in: Musikforum Nr. 1 / 2014, S. 13.

6 Siehe die Ideen zu einer Reform der Musikhochschulausbildung in Gestalt eines Vier-Säulen-Modells (mit vier parallel zu absolvierenden Curricula: künstlerische Ausbildung, Unterrichten und Musikvermittlung, Freiberuflichkeit und Arbeitsmarkt, Persönlichkeitsentwicklung) in: Heiner Gembris: Berufsaussichten und Anforderungen an die Ausbildung, Vortrag im Symposium „Das Musikstudium im Kontext der beruflichen Perspektiven“, Zukunftskonferenz Musikhochschulen Baden-Württemberg, Mannheim 2014, S. 23ff.
 [http://www.zukunftskonferenz-musikhochschulen-bw.de/fileadmin/_musikHS/pdf/Gembris_Vortrag_Mannheim.pdf].

7 Hierzu ist es notwendig, externe Gastdozenten aus anderen Ausbildungsstätten und aus der Musikwirtschaft einzuladen. Eine derartige Flexibilisierung der Lehre findet im Rahmen des Kursangebots von Career Centern und Weiterbildungsinstituten bereits statt, sollte aber auch in die regulären Curricula der Musikhochschulen integriert werden.

8 Der Vorsitzende der Rektorenkonferenz der deutschen Musikschulen, Martin Ullrich, stellt für das professionelle Musikertum eine politische Tendenz zur Relativierung des im Grundgesetz verankerten Rechts auf freie Berufswahl fest: „Dass ein Staat begabte Studierwillige vor Berufen warnt, die er – trotz hoher Nachfrage für ihre Expertise – selbst prekär bezahlt, […] ist aber das eigentlich Widersinnige an dieser Situation.“ Zit. nach: Martin Ullrich: Wie viel Musikhochschule braucht unser Land?, in: Musikforum Nr. 1 / 2014, S. 10.

9 Vgl. Volker Hagedorn: Hört doch endlich auf zu jammern, in Zeit Online
 [www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/klassik-branche-publikum-zukunft].

 

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