Für eine halbe Hand voll Dollar

Heather Greene überzeugt New York und letztendlich sich selbst


(nmz) -

Heather Greene weilt gerade in Schottland und dreht zunächst den Spieß um. Wie geht es dir? Warst du schon in Schottland? Findest du es besser als in England? Für wen und was schreibst du? Wo bist du gerade? Viele Antworten, die vor den ersten Fragen geklärt werden. Aber Heather Greene hat eben Interesse. An allem und vielen. Sie ist eine wissbegierige und spannende Gesprächspartnerin. Schweift ab. Kennt die Realität und weiß aber auch noch Träume zu haben. Besser: Haben zu dürfen.

Ein Artikel von Sven Ferchow

Dieser Schwellenwert scheint ihr das Debutalbum „Five Dollar Dress“ ermöglicht zu haben. Songwritermusik. Aus New York. Dort hat sie sich durchgesetzt. Nicht aber mit der bloßen Klampfe und Stimme. Ihre Songs schwelgen. Sind in Streicher getaucht. Setzen auch mal untypisch an, verfolgen Melodien, ohne sie zu erreichen. Es sind Songs, die oft unbegründet bleiben. Moderner Pop, ohne Jazz zu sein. Eben immer geerdet, doch gewillt zu fliegen. Dafür hat Heather Greene einiges durchgemacht. 2004 steckte sie in den Aufnahmen zum Album. Plötzlich begann alles wegzubrechen. Erst verlor Heather Greene ihre Stimme, dann ging das Geld aus. Die Hoffnung, ein Album fertigzumachen verschwand rapide. Einbahnstraße also. Unglaublich, dass zwischen diesem Moment und dem gefeierten Debutalbum kaum zwei Jahre liegen. „Als ich damals in Seattle die Stimme verlor, habe ich zum ersten Mal festgestellt, wie zerbrechlich Musik sein kann“ sinniert Heather Greene rückblickend. „Emotional war ich am Boden zerstört. Ich musste eine Entscheidung treffen und ging zurück nach New York. Dort wollte ich meine Stimme verbessern und versuchte, mit Hilfe verschiedener Musiker mein Album zu beenden.“

Der Rückzug nach New York erwies sich als Meilenstein. Heather Greene fühlt sich eben wohl dort. Ihre Wegbegleiter halfen ihr auf dem Weg zum Album. Letztendlich kann Heather Greene in New York ihre Stimmaufnahmen beenden und ihre Zweifel am Album, an den Songs, eventuell an sich selbst beseitigen. Sie hatte doch Zweifel? „Absolut“, bestätigt sie. „Zunächst einmal dauert ein Album immer länger als geplant. Da kommen schon erste Bedenken auf. Dann möchte man dauernd die Songs verbessern. Da was hinzufügen, dort was wegnehmen oder eine bessere Idee als den ursprünglichen Song umsetzen. Es ist eine unendliche Geschichte, die Unruhe auslöst. Aber normal ist für einen Musiker.“ Und obwohl sich nun alles so komprimiert und geordnet zeigt, sorgte letzten Endes die Begegnung mit Produzent Tucker Martine für den letzten Schub. „Ich spielte in einem Club in Seattle, als ich Tucker Martine traf. Alles, was ich hatte, war eine EP. Tucker Martine gefiel das, was er hörte und meinte, lass uns doch ein komplettes Album aufnehmen. Er brachte den ganzen Stein ins Rollen und weckte in mir das letzte Quäntchen Motivation.“ Wahrscheinlich müssen diese Geschichten so laufen. „Five Dollar Dress“ klingt förmlich nach all den Umständen, die das Album ermöglichten. Eine Platte, die das Prädikat „bittersüß“ verdient, weil es zum ersten Mal hörbar ist. Und dabei mit Kommerz nichts zu tun hat. Heather Greene ging den kompletten Weg. Packte Streicher neben Orgeln. Ließ ihre Stimme im Hintergrund, um dem Song Platz zu geben. „Five Dollar Dress“ hat den New-York-Stempel. Darauf ist Heather Greene ein wenig stolz. „Natürlich freue ich mich über die positiven Kritiken über die Platte. Denn in New York erwähnt zu werden oder Beachtung zu finden ist ein wichtiger Schritt.“ Dazu muss man verstehen, welche Magie von New York ausgeht. Welcher Zauber immer noch für jeden Musiker hinter der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten steckt. Heather Greene erklärt: „New York hat für einen Künstler große Bedeutung. Die musikalische Qualität, die diese Stadt bietet, ist unübertroffen. Du kannst an jedem Tag der Woche in irgendeinen Club oder in eine beliebige Kneipe gehen und wirst perfekte musikalische Unterhaltung finden. Musiker, die am obersten Limit spielen. Die wirklich etwas drauf haben. Die aber keine Eigenbrötler oder Egoisten sind und sich mit ihrem Können zurückziehen. Ganz im Gegenteil. Die Musiker in New York bilden eine große Gemeinschaft. Helfen sich gegenseitig, ziehen an einem Strang. Eben weil die Qualität so hoch ist und jeder mit den gleichen Voraussetzungen zu kämpfen hat. Kein Geld, viele Zweifel und dem Wunsch, ein Album zu vollenden.“ Heather Greene hat es geschafft. Sie arbeitet bereits am zweiten Album, wird dieses Jahr noch nach Deutschland kommen und scheint der Beweis zu sein, dass unkonventionelle Wege immer noch Gehör finden. Selbst wenn die Bühnenklamotten gerade noch fünf Dollar wert sind. Aber eben schön.

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