Gefragt ist ein mutiger, unverklärter Blick

Die Hochschulgruppe des „Art but fair e. V.“ formuliert ihre Anliegen


(nmz) -
Zur Erinnerung: „Art but fair e. V.“ fand seine Anfänge im Februar 2013 auf der Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse“, die ans Licht brachte, für wie viele Künstler ein finanzielles Auskommen allein aus künstlerischer Tätigkeit trotz jahrelanger Ausbildung und hoher Qualifikation nahezu unmöglich ist. Mit Unterstützung der Mezzosopranistin Elisabeth Kulman kam eine großflächige Diskussion in Gang, die den enormen Handlungsbedarf offensichtlich machte und die Gründung von art but fair e.V. zur Folge hatte. Ziele sind unter anderem, die Künstler untereinander zu solidarisieren, die Öffentlichkeit auf die Missstände hinzuweisen und die essentielle Bedeutung und den einzigartigen Wert der Kunst ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken und alle am Kulturbetrieb Beteiligten an einen Tisch zu bringen und gemeinsam, im konstruktiven Dialog, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zu finden.
Ein Artikel von Elke Siebert, Franziska Kreutzer

„Art but fair e.V.” wächst. Zum einen personell, zum anderen auch an Aufgaben. So haben sich vor einem halben Jahr einige Mitglieder (Musiker und Künstler, Lehrer, Kulturschaffende, Berater und Kulturmanager) zu einer „AG Hochschulen“ zusammengeschlossen. Denn wo kann man mit den Zielen von „Art but fair e.V.” besser ansetzen, als bei der Ausbildung der kommenden Generation Künstler, Musiker und darstellender Künstler? Deshalb ist es das erklärte Ziel der Hochschulgruppe, Musik- und Theaterhochschulen zu bewegen, da, wo es noch nicht geschehen ist, berufsvorbereitende Angebote für ihre Studierenden zu schaffen, die die sich verändernde Arbeitsmarktsituation von Musikern und darstellenden Künstlern berücksichtigen. Denn die meisten Hochschulen reagieren noch nicht im notwendigen Maße auf die gegenwärtigen Herausforderungen an junge Künstler, Musiker und darstellende Künstler, die die Arbeitsmarktsituation an sie stellt. Aber eine ausschließliche Fokussierung auf musikalische bzw. künstlerische Exzellenz unter Vernachlässigung der vorhersehbaren wirtschaftlichen Situation der angehenden Künstler stellt eine Verantwortungslosigkeit seitens der Hochschulen gegenüber ihren Studenten dar.

Aber auch auf Seiten der Studierenden wagen viele keinen mutigen und unverklärten Blick in ihre berufliche Existenz. Deshalb hat sich die Hochschulgruppe von „Art but fair e.V.” als vornehmliches Ziel die Etablierung von Berufsvorbereitungsangeboten gesetzt. Die Studierenden sollen ermutigt werden Berufsvorbereitungsangebote wahrzunehmen, wenn ihre Hochschulen solche Angebote vorhalten; da, wo Berufsvorbereitungsangebote noch nicht vorhanden sind, diese einzufordern und Berufsvorbereitungsangebote eigenverantwortlich weiterzuentwickeln und als festen Bestandteil in Studiengänge und Curricula aufzunehmen.

Wie soll das erreicht werden?

Die Studenten sollen lernen, für ihre Belange einzutreten. Dies bedeutet auch, dass sie zusammen mit ihrer Studentenvertretung (AStA) in den Dialog mit ihren Hochschulen treten und sich dafür einsetzen, dass Studiengänge, Curricula und Leitbilder dem gewandelten Berufsbild der Musiker und der darstellenden Künstler angepasst werden und angemessen Berücksichtigung findet, dass eine Mehrheit der Studierenden als Freiberufler und als Lehrende tätig sein wird. Dadurch soll ermöglicht werden, dass Absolventen beizeiten und realistisch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden, aktiv ihren Berufsstart gestalten können und wirtschaftlich sichere Arbeitsverhältnisse beschließen.

Ein weiteres Anliegen von „Art but fair e.V“  ist es, Studenten aus ihrer Einzelkämpferposition zu holen und unter den Studenten einen solidarischen Grundgedanken zu etablieren, um so eine größere Wirkkraft für ihre Interessen zu erzielen. Darüber hinaus hat die Hochschulgruppe folgende Anliegen identifiziert:

1. Einbeziehung der Politik. Studierende müssen an Politiker herantreten, auf die Situation der Hochschulen aufmerksam machen und Unterstützung einfordern, genauso aber auch über den Beruf des Musikers und des darstellenden Künstlers und deren gesellschaftliche Aufgabe und existentielle Herausforderungen aufklären. Kunst ist ein gesellschaftlicher Auftrag und kein Selbstzweck.
2. Einen Kulturwandel unter der Hochschullehrerschaft herbeiführen: Lehrende verstehen sich nicht mehr nur als Vermittler von künstlerischer Exzellenz, sondern fühlen sich mitverantwortlich für die berufliche Existenz ihrer Studenten. Das bedeutet unter anderem, dass sich Lehrende mit dem sich ändernden Arbeitsmarkt auseinandersetzen und ihre Studierenden entsprechend darauf vorbereiten.

Was ist bisher geschehen?

Die bisherigen Erfahrungen der Hochschulgruppe sind unterschiedlich: Eine Mailing-Aktion an alle staatlichen Musik- und Theaterhochschulen im Frühjahr 2014, die zum Ziel hatte, in den Austausch mit Rektoren, den Vertretern von AStA und den Verantwortlichen der Fächer Berufskunde zu treten und zu erfahren, was die tatsächlichen Bedarfe im Bereich der berufsvorbereitenden Angebote sind,  fand kaum Resonanz. Trotz offensichtlich mangelnder berufsvorbereitender Angebote behaupteten Einzelne sogar, dass es keinen weiteren Bedarf an ihrer Hochschuleinrichtung gebe.

Sehr gut angenommen hingegen wurde eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Studium! Und dann?“ im Juni an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, zu der Vertreter von „Art but fair e.V.“ geladen hatten und mit dem Präsidenten der HfMT Hamburg, Prof. Elmar Lampson, der Leiterin des Career Center der HfMT, Martina Kurth und weiteren Gästen vorbildlich besetzt. Offen wurde über Fragen, wie „Was ist der Wert meiner Kunst?“, „Wie sehen erste Schritte ins Berufsleben aus?“ oder „Wie gestaltet sich der Arbeitsmarkt heute?“ gesprochen. Die überaus positive Resonanz von allen Seiten zeigt, dass „Art but fair e.V.“ damit wichtige Handlungsfelder offengelegt hat. Diese Podiumsdiskussion soll auch an anderen Hochschulen geführt werden.

Was ist unsere Vision in der Arbeitsgruppe Hochschule?

Seit Sommer gibt es die „Selbstverpflichtung“, mit der sich alle am Kunstbetrieb Beteiligten einem fairen und reflektierten Umgang mit Kunst verpflichten können. Wir freuen uns auf die Zeit, da diese Selbstverpflichtung nicht nur den Studierenden und dem verantwortlichen Hochschulpersonal bekannt ist, sondern gelebt wird. Mehr dazu unter: http://selbstverpflichtung.artbutfair.org/

Bis dahin gibt es noch eine Menge zu tun. Das ist nur mit der tatkräftigen Unterstützung der Betroffenen selbst zu leisten: Hochschulprofessoren, Dozenten und Studenten. Wer in der Hochschulgruppe von „Art but fair e.V.“ mit diskutieren und gestalten will, wende sich bitte an: mandy.mahrenholz@artbutfair.org

 

Franziska Kreutzer (Musikerin und Musikschullehrerin, Berlin), Elke Siebert (Coach und Organisationsentwicklerin im Kulturbereich, Radebeul)
www.facebook.com/artbutfair

 

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