Gegenentwurf mit viel Beethoven

Vor 100 Jahren erscheint „Geist der Utopie“ von Ernst Bloch


(nmz) -
Es gibt Sätze in diesem Buch, für die man ihren Autor noch im Himmel umarmen möchte. Überhaupt bleibt es ein Rätsel, wie ein 30-Jähriger ein solches Thema angehen, finden, es sich zutrauen konnte. Und zwar buchstäblich (hier kann, in diesem Fall muss man es sagen) – allein gegen eine „Welt von Feinden“.
Ein Artikel von Georg Beck

April 1915. Überall Kriegshetze, Kriegshetzer, die nichts lieber tun als ihrem obersten Schlachtenlenker Wilhelm II nachzueifern. Eine ganze Generation, die akademische eingeschlossen, bereit, die geis­tigen Schützengräben zu beziehen, also bereit zum Abdanken. Der Autor der „Buddenbrooks“ zum Beispiel. Im November 1914 meldet er sich mit „Gedanken zum Kriege“, veröffentlicht sie noch einmal 1915. Dasselbe Jahr, in dem Blochs letzter universitärer Lehrer, Oswald Külpe, in wohlgesetzten Worten die Ethik an den Krieg ausliefert. Bloch straft ihn durch Verweigerung des Nachrufs, stürzt sich seinerseits im beschaulichen Garmisch in eine Arbeit wie in einen Rausch, findet seine Hauptdrogen in der Kunst, woran der junge Wilde, der promovierte Ludwigshafener Philosoph zweierlei hat: Eine höhere Wirklichkeit, in der er sich wie der heilige Hieronymus im Gehäus einigeln, die Luken zu einer dem Irrationalismus verfallenen Welt schließen kann, und worin er zugleich Rohstoff vorfindet für einen Gegenentwurf. Mit „viel Beethoven“ vor allem, wie er später bekennt. „Kein Zufall” sei es deshalb gewesen, dass er ins Zentrum seines Utopiebuchs eine „Philosophie der Musik“ platziert habe.

Eine Ahnung

Eine Ahnung muss da wohl schon immer gewesen sein. Mit Fünfzehn will Bloch nach einem Hauff-Märchen eine kleine Oper schreiben. „Und die sollte ‚Carmilhan‘ heißen. Das ist ein Wort, das einem Fischer jeden Abend ins Ohr geflüstert wird, er kann es nie verstehen. Also kurz: Ein Annähern von Worten, die unverständlich sind. Und so erschien mir Musik als ein heißes Lallen von einem Kind, das gerade anfängt zu sprechen.“

Zum „heißen Lallen“ der Musik auf dem Weg zur Menschwerdung des Menschen kommt die „Berührung mit dem Expressionismus des Blauen Reiter“. Beides geht ein in ein Buch, das genauso gut „Geist der Revolte“ hätte überschrieben werden können. Dessen Tempo, das Sturzbachartige, das Sich-Bewegen wie mit der Handkamera ist es, das die Bloch-Leser von Anfang an fasziniert, auch weil da auf einmal ein Weg aufgezeigt ist, wie der Formalismus des Denkens beendet werden kann. Dass Letzteres immer schön Schritt für Schritt vonstatten zu gehen hat, dass es brav auf dem Bürgersteig bleibt, dass es Subjekt, Prädikat, Objekt sagt und seinen Simmel, seinen Dilthey kennt – diese Verabredung stellt sich unter der Erschütterung des Krieges nur mehr als Einladung zur Sonntagsprosa heraus, wogegen Bloch eine spezielle Mixtur mobilisiert: Expressionismus plus pfingstliches Zungenreden plus Neugeburtshoffnung. Was in der Kunst aufscheint, sagt er, ist wesentlich, philosophisch gesprochen selber ein Wesen, Substanz also, etwas, das aus sich heraus besteht.

Etwas hat sich verändert

Etwas hat sich verändert, spürt Bloch. Nicht nur der Krieg hat die Grundfes­ten der europäischen Verfassung, für ihn: die jüngsten Wiedergänger „assyrischer Zarenherrlichkeit“ zum Erzittern gebracht. „Aber nun ist die russische Revolution losgebrochen.“ Bloch mag sie einfach, diese expressionistischen Sturmvokabeln. Geschichte als Erdrutsch und ein „Geist der Utopie“ wie die Sprechblasen zum Bauernkrieg-Zyklus der Kollwitz.

Andererseits: Was war es denn nun genau, das Bloch wahrgenommen hat von der Vorgeschichte dieser Umwälzung in den revolutionären europäischen Kunstwelten vor 1918? – Es sind Ausschnitte, die er bildet. Seine Münchner Vorkriegsjahre bescheren ihm die Farben, die Fabulierlust, das Phantasmagorische von Kandinsky, von Marc. Daran hält er sich, wie er sich dann vor allem hält an „Leidenschaft, Schmerz, Heiterkeit und Gelöstheit“ der Beethoven-Sonate. „Wie erhebt sich das Herz, wenn es dich, Unendlicher denkt!“ Beet­hoven als die wahre Welt, mit der die falsche, die überholte ihrer Falschheit überführt wird. Ein Bündnis, das Bloch zur Strategie ausbaut. Aufladen, aufwerten, was am Rand steht. Ein Versuch von Selbstrettung und, so geht der „Geist der Utopie“ ja los, von „Selbstbegegnung“. Unter der Hand wird aus der Strategie eine Philosophie, ein Denkgebäude. Dessen Fundament ein Gedanke – der des messianischen Endes der Geschichte. Bloch entdeckt ihn für sich, für sein Leben dank eines langen Tauchgangs durch deutsche Mystik, jüdische Eschatologie. Überhaupt: Theologie und Atheismus – in Bloch verschmelzen sie zu paradoxer Einheit. „Expressiv, barock, fromm“ umreißt er später sein „Jugendwerk“, in dem en passant philosophische Urrätsel gelöst werden. Kants ominöses „Ding an sich“ gilt Bloch als die objektive Fantasie, als das, sagt er, was „treibt und träumt, was noch nicht ist, das Verlorene, das Geahnte, unsere durch Güte, Musik, Metaphysik sich zurufende, jedoch irdisch nicht realisierbare Utopie“.

Was Bloch ist, was er hat, was ihn ausmacht, sein „Noch-Nicht“, sein „Vorschein“, das Offene der Möglichkeiten, seine später als „Prinzip“ regelrecht folkloristisch gewordene „Hoffnung“, alles liegt für den Autor begründet in einem Schmelztiegel, der am Ende mit Marx – neben der Revolution, neben der Musik – noch eine dritte Feuerquelle bekommt. Dass nicht nur das soziale Handeln, dass auch das soziale Denken, der „sozialistische Gedanke“ selbstverständlich Teil einer realistischen Philosophie sein muss, auch dafür hat Bloch als Pionier gewirkt. Interessant, dass es ausgerechnet sein Marx-Kapitel ist, das 1923 in zweiter Auflage des Utopiebuchs noch einmal das radikalpazifistische Vorwort von 1918 geschärft aufgreift, mit der ganzen Verachtung des sozialistischen Humanisten gegen den Krieg und seine Hetzer: „Lichtloser war nie ein Kriegsziel als das des kaiserlichen Deutschland; Raub und Rohheit, Versklavung aller und Arsenal der Reaktion, ein stickiger Zwang, von Mittelmäßigen verhängt, von Mittelmäßigen ertragen; der Triumph der Dummheit, beschützt vom Gendarm, bejubelt von den Intellektuellen, die nicht Gehirn genug auftreiben konnten, um Phrasen zu liefern.“

Belohnungen, Enttäuschungen

„Ungeheure Mängel liegen zu Tage. Dennoch verdanke ich dem Buch Wesentliches.“ Walter Benjamin im September 1919 an einen Freund über seine Lektüre von Blochs „Geist der Utopie“. Ein Wort, das gültig geblieben ist – nach seinen beiden Seiten. Tatsächlich kann man Blochs Erstling aufschlagen, wo man will, man wird immer belohnt – und enttäuscht. So sehr das Buch, das nun ganz gewiss der Versuch ist, das Größte zu sagen, so sehr verabsäumt es auf der anderen Seite, das Große seiner Zeit in seiner ganzen Breite, Tiefe anzuschauen, um es dem Utopie-Geist materialiter, werkanalytisch zuzuschlagen, seinen Horizont an ihm noch einmal zu weiten. Welche „Mängel“ Benjamin meinte, wissen wir nicht. Andererseits liegt es auf der Hand, dass Blochs Musikphilosophie Leerstellen umschifft, eine utopische Landkarte entwirft und doch allzu viele weiße Flecken hinterlässt. Seltsam etwa mutet es an, dass Arnold Schönberg einzig als Autor der „Harmonielehre“ vorkommt, nicht aber als Autor eines „Pierrot lunaire“. Bloch geht darüber ebenso schweigend hinweg wie über die gesamte atonale Phase des Komponisten. Dabei hätte der Geist-der-Utopie-Autor daran, wie es scheint, problemlos anknüpfen können. Ohne weiteres kann Bloch mitgehen, wenn der Harmonielehre-Schönberg die Beziehung auf den Grundton in Frage stellt: „Das Lied schließt dann mit Neu, Unendlich oder Unerfüllt; es geht ohne anzukommen, der Sinn liegt im Weg“, was nun wahrlich schön gesagt ist. Doch aufs kompositorische Werk desselben Arnold Schönberg und damit auf die jüngste Ausfaltung der Musik – darauf kommt er eben nicht zu sprechen. Ähnlich schweigsam ist der Autor gegenüber anderen Größen der Zeit. Kein Wort zu Strawinsky, kein Wort vor allem zu den Futuristen, den Skrjabinisten, die das vorrevolutionäre Russland so zum Leuchten bringen. Und was die Lichtgestalt Skrjabin selber betrifft, so muss diese ja ausgerechnet in dem Moment abtreten, da Bloch sein Utopieunternehmen startet – eine Koinzidenz, die nachdenklich stimmt.

Wie lang die Liste der Versäumnisse ist, wäre zu klären. Hier nur noch dies, dass es leider auch kein Bloch-Wort gibt – im Prinzip unverzeihlich – zu Debussy. Mit ihm, an ihm, an seiner Faszination fürs balinesische Gamelan-Orchester wie für die kompositorischen Folgerungen, die der Künstler daraus zieht – daran hätte der im Werden befindliche „Geist der Utopie“ erhebliche Weite gewonnen, hätte mit Sicherheit sein deutsch-eurozentrisches Korsett aufgesprengt. Und: Bei Gelegenheit solcher Exkurse wäre dem Autor dann sicher auch aufgefallen, dass die Reaktion, von der er, bezogen auf Politik, so deutlich spricht, gegen die er so unmissverständlich wettert, ja auch in der Kunst ihr Unwesen treibt. Immerhin ist es der von Bloch ein paar Mal erwähnte Pfitzner, der im vorletzten Kriegsjahr seine „Futurismusgefahr. Bei Gelegenheit von Busonis Ästhetik“ herausbringt – eine frösteln machende Polemik, die Pfitzner 1921 in zweiter Auflage wiedererscheinen lässt, 1926 in die Gesammelten Schriften aufnimmt. Bloch wäre gefragt gewesen! Zum „Geist der Utopie“ gehört ja doch auch – blochisch gesagt – das Strafgericht über die Sünden wider den Geist.

Und die Trompete?

So sehr man all dies bedauern kann; was fehlt, lässt sich immer ergänzen – im Namen des Autors wie im Namen eines Textes, eines Programms, dessen Gehalt, so Bloch-Leser Adorno, sich „erst in der Erinnerung ganz entfaltet“ habe. Ähnlich ging es übrigens auch jenem Gymnasiasten, den ein aufmerksamer Philosophielehrer eines schönen Kölner Tages zu einem Bloch-Vortrag entführte. Eine Begegnung, die ihre Spuren hinterlassen hat. Erinnerlich noch das bräsig-arrogante Auftreten eines RCDS-Studenten in Anzug und Krawatte, im ganzen „Glück der Bügelfalte“ wie dies Bloch einmal sehr schön auf die Korporierten gemünzt hat. Dieser Typ brachte es tatsächlich fertig, den „Herrn Professor“ mit dem Bemerken anzugehen, dass Revolution „nicht geht“. Bloch zurückzischend: „Bleib’ Lämmchen!“ – Dafür haben wir ihn bewundert. Und angefangen, ihn zu lesen. Und tun es noch heute. Irgendwann wird die Trompete schon wieder gebraucht.

Das könnte Sie auch interessieren: