Gegenentwurf zur Hochkultur

Ein Symposium an der Ludwig-Maximilians-Universität-München widmete sich dem Konzept der „Community Music“


(nmz) -
Viele Menschen denken mit Schaudern an ihren Musikunterricht zurück. Sei es der schulische Frontalunterricht, der einen im zarten Alter von zehn, elf Jahren mit der vollen Härte der abstrakten Funktionsharmonielehre gepeinigt hat oder auch der Einzelinstrumentalunterricht, bei dem der vom steten Desinteresse ausgelaugte Pädagoge Woche für Woche feststellte, dass man ohne Notenkenntnisse eben keine Musik spielen könne. Mag sein, dass es bei Ihnen anders gelaufen ist, aber diese Erfahrungen teilen viele, mitunter bis heute.
Ein Artikel von Jörg Lichtinger

JeKi, Bläser-, Streicher- und Zupferklassen sowie Schulworkshops mit externen Kräften aus Musik- und Kulturwelt. All das ist Ausdruck einer neuen Suche nach Alternativen, die die moderne Musikpädagogik wegführen soll vom wenig flexiblen Bildungsmodell der Vergangenheit. Aber reicht das schon? Die Schule verändert sich weiter massiv. Die Ganztagsschule oder aktuelle Inklusionsbestrebungen stellen neue Anforderungen an das Bildungskonzept, auf die man weiter Antworten finden muss.

„Die Musikpädagogik muss auf die neuen Probleme reagieren“, meint Alexandra Kertz-Welzel, Professorin für Musikpädagogik an der LMU München. „Das heißt, wir müssen jetzt das, was wir früher immer ausgeschlossen haben, nämlich Musiktherapie und soziale Arbeit, in unsere musikpädagogischen Überlegungen aufnehmen. Dass sich dahingehend schon etwas entwickelt, zeigen die Themen einiger unserer Konferenzen: ‚Soziale Inklusion als künstlerische und musikpädagogische Herausforderung‘ oder ‚Teilhabe und Gerechtigkeit‘. Mit solchen Themen hätte sich die deutsche Musikpädagogik früher nie beschäftigt. Aber wir sehen jetzt immer mehr auch unsere soziale Verantwortung.“

Ein Konzept, das nach Ansicht von Alexandra Kertz-Welzel in dieser Richtung noch einige Lücken im musikpädagogischen Angebot schließen und wichtige Synergien schaffen könnte, ist das Modell der Community Music (CM), eine stark auf soziale Aspekte ausgerichtete Form von musikalischer Bildung. Inklusion, soziale Gleichheit (jeder hat Zugang), Gleichwertigkeit der Kulturen (Cultural Democracy), Anerkennung und Wertschätzung sind Kernpunkte dieser Herangehensweise, die im anglo-amerikanischen Raum seit Jahren anerkannt ist, jedoch die Öffentlichkeit in Deutschland bisher noch kaum erreicht hat. Auf Initiative von Kertz-Welzel, die sich seit einem Studienaufenthalt in Seattle stark mit diesem Konzept beschäftigt, hat nun der Lehrstuhl Musikpädagogik der LMU im Februar 2013 ein Symposium zum Thema Community Music ausgerichtet.

Neben Beiträgen aus England, USA, Südafrika oder Brasilien zeigten dort auch einige deutsche Projektvorstellungen, dass es in punkto CM in Deutschland durchaus bereits Einiges zu berichten gibt. Wie beispielsweise ein Kooperationsprogramm der Uni Big Band Augsburg mit Jugendlichen der Augsburger Hip-Hop-Szene oder ein Musiktheaterprojekt der Bremer Philharmoniker mit Schulkindern, das auch Eltern und die Anwohner eines ganzen Bremer Stadtviertels einbezog. In einem „Marketplace“ mit Aufstellern, Flyern und anschließender Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen, stellten sich dann auch der Dachauer 3Klang e.V., das Klassen-Tanzprojekt Tanz und Schule, das Freie Musikzentrum München, das Neue-Musik-Projekt opus21plus, das Eurode Jugendorchester Herzogenrath und die Musiktheater- und Kunstprojekte TheaterSpielhaus und International Munich Art Lab vor.

Kaffeepause. Am Kuchenbüffet steht Wolfi Schlick. Problemlos unterhält er sich in drei Sprachen mit Symposiumsteilnehmern und bietet Übersetzungshilfe an, wenn irgendwo die Worte fehlen. Wolfi ist Kopf des Münchner Musikerkollektivs Express Brass Band, einer sich seit 14 Jahren stetig wandelnden Formation aus gut 25 Musikern, die dem Community Music Ideal recht nahe kommt, auch wenn er selbst das anders sieht. Nur wenige Musiker in der Express Brass Band haben Musik studiert, geprobt wird aber regelmäßig, immer sonntags. Beliebig offen stehen die Bandraumtüren dann aber doch nicht, denn nicht alle Bandmitglieder wollen, dass jeden Sonntag neue Mitspieler vorbeikommen, die man wieder mühsam in das Repertoire einarbeiten muss. Auch manche Veranstalter haben wenig Verständnis, wenn Wolfi ihnen nicht genau sagen kann, wie viele Musiker am Abend auf der Bühne stehen werden…

Patterns und informelles Lernen

Musikalisch liegt das Geheimnis der Express Brass Band ebenso wie bei vielen anderen Community Music Projekten in der Verwendung von wiederkehrenden Bausteinen, also Patterns, die eine berechenbare harmonische Grundlage für Improvisation bilden. Im Jazz und in folkloristischer Ethnomusik wird das gewissermaßen schon in der Anlage mitgeliefert, weswegen man hier auch die Kernbereiche der Community Music vorfindet. Die klassische Musikkultur hat in punkto Patternaufbau und Improvisation bekanntlich ihre Schwierigkeiten und ohnehin ist die sogenannte Hochkultur das Konstrukt, zu dem die Community Music ein Gegenentwurf sein will. Auch deshalb verwenden viele Modelle der CM, wie zum Beispiel die von Lucy Green an der University of London entwickelte Initiative „Musical Futures“ als Grundlage die Lernmethoden und das musikalische Material der Popularmusik. Der methodische Schlüssel heißt hier informelles Lernen (non-formal learning), also musikalisches Arbeiten ohne den klassischen Pädagogen als Autorität im Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Schüler werden motiviert, sich selbst die Musik zu wählen, die sie erarbeiten wollen. Sie lernen in Gruppen und helfen einander, das Hören und Nachahmen von Aufnahmen wird zur zentralen Methode. Auch das Schreiben eigener Musik wird angeregt. Die Lehrer halten sich im Hintergrund und greifen erst unterstützend ein, wenn es nötig ist oder die Schüler darum bitten. Ausgangspunkt für Green war die Erkenntnis, dass gerade in der Pop- und Rockmusik viele Musiker ohne Noten auskommen und sich die Musik auf andere Art erschließen. Ein Ansatz, dem in der deutschsprachigen Pädagogik auch Peter Röbke und Natalia Ardila-Mantilla in ihrem Buch „Vom Wilden Lernen“ (Schott, 2009) nachgespürt haben. Die englischen „Musical Futures“ zielen nicht nur darauf ab, eine Alternative zum schulischen Musikunterricht zu stellen, sondern integrieren in ihr Bildungskonzept gezielt auch Lehrerfortbildungen, um informelles Lernen auch an Schulen zu etablieren.

In der Musikpädagogik deutscher Tradition, die stark auf ästhetische Bildung fokussiert ist, wird der Ansatz der Community Music mitunter kritisch gesehen, mit dem Hinweis auf einen naiven Glauben an die heilende Wirkung von Musik und eine Überbewertung der Amateurimprovisation sowie der Bedeutung des informellen Lernens als Methode. Alexandra Kertz-Welzel ist sich dessen bewusst, denn seit 2007 hält sie Vorträge zum Thema. 2008 hat sie einen Aufsatz zur Situation der CM in Deutschland veröffentlicht (International Journal of Community Music, Vol. 1, Nr. 3), seitdem hat sich im Bildungsbereich viel getan. Man darf in ihr eine Vermittlerin sehen, die an das Modell CM glaubt, aber durchaus Ansätze für Kritik sieht im internationalen Verständnis von CM.

„International wird der Begriff CM sehr weit gefasst“, so Kertz-Welzel. „Wir haben beim Symposium einen Vortrag über Trommeln als Gewaltprävention gehört. Wir würden das als Musiktherapie bezeichnen, von internationaler Warte aus betrachtet, ist das schon CM. Wir sind in der Musikpädagogik gerade dabei, den Anspruch zu überwinden, dass man zwischen der Musik als Selbstzweck und der Instrumentalisierung von Musik zu sozialen und Therapiezwecken eine Barriere aufbaut. Die Möglichkeit eines inklusiven Konzeptes wie CM liegt darin, dass es solche Barrieren gar nicht erst aufbaut und man nicht mehr sagt: ‚Du bist Sozialarbeiter! Du bist Musiktherapeut!‘, sondern: ‚Wir sind alle Community Musicians!‘“

Munich Community Music Center

Um das Thema voranzutreiben, hat Kertz-Welzel zusammen mit Lee Higgins von der Boston University, der als DAAD-Austausch-Professor drei Monate in München verbracht hat, nicht nur das Symposium organisiert, sondern auch das Munich Community Music Center am Lehrstuhl installiert. Aufgabe des Centers soll einerseits die Suche nach Möglichkeiten sein, das Konzept CM an deutsche Bedürfnisse anzupassen und auch in der wissenschaftlichen Forschung in Deutschland zu etablieren. Außerdem sollen Workshops angeboten und Performancemöglichkeiten für CM-Bands geschaffen werden. Auch die Pädagogik-Studenten an der Fakultät kommen im Kursangebot nun mit CM in Berührung. Ort für den Austausch will das Center auch weiterhin sein, das nächste Symposium zur Community Music ist für 2015 angesetzt. Durch das Engagement von Lee Higgins hat der Lehrstuhl nun auch seine eigene Community Music Band, eine offene Samba Band. Ganz im Sinne der CM-Ideale ist nach Abreise des Gast-Professors die Leitung offiziell – mit feierlicher Pfeifenübergabe – an einen Mitmusiker übergeben worden.

In der CM liegen große Chancen für die Musikpädagogik, auch wenn viele ihrer Grundsätze nicht wirklich neu sind – in der Kombination liegt ihr Wert. Im Übrigen gilt für Alexandra Kertz-Welzel: „Die Musikpädagogik will international sein, da gehört Community Music als eines der erfolgreichsten Konzepte einfach mit dazu.“
  

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