Gemeinsam einsam

Uraufführungen 2020/05


(nmz) -
Die Choreographie des menschlichen Miteinanders im öffentlichen Raum hat sich verändert. In Gassen und Supermärkten wenden sich die Leute plötzlich voneinander ab und machen weite Bögen umeinander. Es scheint, als hätten die staatlich verordneten Kontaktbeschränkungen die Gesellschaft plötzlich mit Autismus geschlagen. Das Sozialverhalten ist gestört, und bleibt es für längere Zeit. Zwar dürfen Einzelhandel und Schulen unter strengen Auflagen wieder öffnen. Doch an Konzerte und Musikfestivals ist noch nicht zu denken. Stattdessen gibt es weiterhin Absagen oder Verschiebungen auf das nächste Jahr.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Immer mehr Konzert- und Opernhäuser, Orchester, Ensembles, freie Spielstätten sowie einzelne Musikerinnen und Musiker gehen daher dazu über, bisherige und aktuelle Aufzeichnungen ihrer Arbeit im Internet zu präsentieren. Jeden Tag wird für ein neues Streamingportal geworben. Dabei wurden nach Statistiken der letzten Jahre schon bisher in jeder Minute rund vierhundert Stunden an Musik und Videos im Internet hochgeladen. Das macht summa summarum täglich rund 576.000 Stunden! Da der Tag aber wie bislang vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht mehr als 24 Stunden haben wird, wächst der Anteil all dieses „Online-Contents“ ständig um den Faktor 24.000 schneller als wir tatsächlich Lebenszeit haben, nonstop all das zu rezipieren. Die Corona-Pandemie schippt nun Tag für Tag nochmals einige tausend Stunden Musik zusätzlich oben drauf. Doch kommt es jetzt darauf wirklich an? Wer soll das alles wahrnehmen? Sind das nicht bloß verzweifelte Schreie nach Aufmerksamkeit, Echo, Resonanz? Tendiert das Internet nicht letztlich zum schalltoten Raum, der alles Getöse und Geflimmer einfach spurlos verschluckt und in der Masse inflationär entwertet, weil aus kostenlos schnell wertlos wird?

Die bisherigen und kommenden Wochen ohne jede öffentliche Musikveranstaltung bringen stattdessen vielleicht etwas Uraltes. Kultisches, Archaisches wieder neu ins Bewusstsein, was im täglichen Musikbetrieb zuweilen vielleicht verloren zu gehen droht, aber Musik ganz essentiell ausmacht. In Oper und Konzert bleibt keiner ein Einzelner, wie vor seinem Bildschirm und Lautsprecher zu Hause. Stattdessen begeben sich viele Menschen an eigens für Musik vorgesehene Orte, wo sie alle zusammen etwas Einzigartiges und Unwiederholbares miteinander teilen. Denn jede Live-Aufführung ist ein nur hier und jetzt einmalig erlebbares Gesamtkunstwerk für alle Sinne: Wir sehen die physische Präsenz, Gestik, Eleganz und Anstrengung der Musikerinnen und Musiker, hören die von ihnen hervorgebrachten Klänge, ertasten das Polster unseres Sitzes, fühlen die Temperatur im Saal, riechen das Parfüm der Nachbarin und schmecken vielleicht gerade ein erfrischendes Eukalyptus-Bonbon. So unterschiedlich wir alle im Publikum auf unseren jeweiligen Plätzen sind, transformiert das gemeinschaftliche Teilnehmen und Teilhaben an einer solchen Aufführung unser individualisiertes Ich zumindest moment- und ansatzweise zu einem temporären Wir. Wir werden Teil einer mimetischen Zeremonie, die uns – wie flüchtig oder intensiv auch immer – verwandelt und augenblicksweise über unseren Alltag mit all seinen Einsamkeiten vor den telekommunikativen Medien und Endgeräten heraushebt.

Noch heute wohnt jeder Live-Musikaufführung ein Rest der einstigen Kulte und Riten inne, bei denen Musik eine zentrale Rolle spielte, seien es die ekstatischen Bacchanale der griechischen Antike, die Saturnalien im alten Rom, die Sonnwendfeiern der Germanen, die Messen und Passionsspiele der katholischen Kirche oder sonstige, in allen Regionen, Religionen und Kulturen der Welt jeweils anders ausgebildete Zeremonien zu Geburt, Initiation, Vermählung, Ernte, Freude, Trauer, Tod und Auferstehung. Vielleicht führt die augenblickliche Abstinenz von Konzert- und Festivalbesuchen mittelfristig zu einer neuen Besinnung auf die sozialen Qualitäten dieser Veranstaltungen, die immer auch Treffpunkte mit Freunden, Bekannten, Kollegen und bis dato unbekannten Personen sind, mit denen man ins Gespräch kommt und sich über das Erlebte austauscht.

Kein Politologe, Soziologe, Musikologe oder Virologe kann gegenwärtig absehen, welche deformierenden Auswirkungen das komplette Fehlen solcher Gemeinschaftserlebnisse langfristig für eine Gesellschaft haben kann. Fraglich ist auch, ob der gegenwärtige Verlust an Uraufführungen und Verdienstmöglichkeiten für die Szene der neuen Musik kompensiert werden kann. Die hierfür bereits zugesagten Finanzhilfen reichen jedenfalls längst schon nicht mehr aus. Viele Konzerte und Festivals werden sich auch nicht ohne weiteres einfach auf das nächste Jahr verschieben lassen, da für 2021 ja schon längst weitere Konzert- und Festivalprogramme fest eingeplant und vertraglich vereinbart sind. Und je länger der „Shutdown“ geht, umso fraglicher wird schließlich auch, wieviel Musikförderung sich die in Deutschland hierfür primär zuständigen Kommunen angesichts massiv einbrechender Gewerbesteuereinnahmen 2021 überhaupt noch werden leis­ten können? Vorerst jedenfalls bleiben wir vor allem eines: gemeinsam einsam.

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