Gesangspädagogik als Lebensentwurf

Ein Düsseldorfer Hochschulsymposium zum 50. Todestag von Franziska Martienßen-Lohmann


(nmz) -
Am Hochschul-Vorläufer Robert-Schumann-Konservatorium Düsseldorf leitete Franziska Martienßen-Lohmann von 1949 bis 1969 eine Meisterklasse für Gesang. Nach Ruhestandsgrenzen hatte niemand gefragt. Schon gar nicht im Fall dieser Franziska Martienßen-Lohmann, galt sie doch als Institution, bestens beleumundet in der Sängerwelt. Nach einem Leben in drei politischen Systemen fing sie im 62. Lebensjahr noch einmal ganz neu an, stürzte sich nach kurzem Ost-Intermezzo, aus Weimar kommend, im westdeutschen Nachfolgestaat in ein letztes Lehr-Abenteuer.
Ein Artikel von Georg Beck

Überhaupt: Pädagogik war ihr Leben. Zwei Kinder aus erster Ehe hatte sie ins Internat gegeben. Was die Frage des Echos am neuen Standort Düsseldorf betraf, brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Resonanz, Nachfrage waren da, auch international. Meisterkurs-Einladungen nach Salzburg, Luzern, Skandinavien belegen es. Ihr Schülerkreis: rekordverdächtig groß. Wenig­s­tens 700 sind nachweisbar, rund 1.000 anzunehmen, wie Lore Sladek in ihrem Vortrag zu ML-Vorfahren, ML-Nachkommen auf Grundlage einer Auswertung der ML-Stimmprüfungsbücher darlegen konnte. Mit langjährigem Unterricht bei der ML-Assistentin Ruth Grünhagen brachte Sladek im Referatteil des Symposiums sicherlich die größte Nähe mit zur „Grande Dame der Gesangspädagogik“, deren 50. Todestag der Anlass war für diese zweitägige Fachtagung an der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule. „Gleichstellungskommission und Studienrichtung Musikpädagogik“ zeichneten als Veranstalter, der „Bundesverband deutscher Gesangspädagogen“ erteilte Zertifikate.

Im Publikum (man registrierte es als kleine Sensation) befand sich in Gestalt des betagten Reinhard Becker ein ehemaliger ML-Schüler. Wer immer vorne stand am Pult, am Klavier vortrug, entbot respektvolle Grüße an den „Zeitzeugen“, einen vormaligen Gesangsprofessor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal, woraus wiederum abzulesen war, inwiefern die Gesangspädagogik auf Gesagtem fußt, auf Unmittelbarkeit, wie sie der Weitergabe von Mund zu Mund bedarf. So sehr an Fachliteratur zum Thema moderne Gesangspädagogik kein Mangel herrscht, so sehr gerade ML-Titel in den letzten Jahren immer wieder neu aufgelegt worden sind, so sehr wächst andererseits das Informationsbedürfnis im Detail, auch und gerade in der Unterrichtssituation: Wie hat ML diese und jene Übung eigentlich angelegt? Warum so und nicht anders? Und: Wie dürfen, müssen wir diese heute verstehen? Wie wären sie weiterzuentwickeln? – Solche Fragen spielten auf dem Symposium, das sich in Bild, Text, Ton als eigentümlich bruchlose ML-Lobrede verstand, die entscheidende Rolle. Und in dieser Hinsicht ging die Strategie auch auf.

Wo immer am sogenannt „Konkreten“ gearbeitet wurde, bot sich dem fachfremden, zugleich interessierten Besucher die reelle Chance, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden, inwiefern das vom Symposium ausgelobte „Ziel“ nun eingelöst war oder nicht. Die Höhe des Anspruchs zu definieren, fiel dabei ganz in den Aufgabenbereich der Universität der Künste-Dozentin Barbara Hoos de Jokisch, dem konzeptionellen Kopf dieser Düsseldorfer ML-Convention: „Ziel des Symposiums ist es, ausgehend von Franziska Martienßen-Lohmann als historischer Impulsgeberin, die Weiterentwicklung der modernen Gesangspädagogik im 21. Jahrhundert anzuregen.“

Immer dann, wenn sich das Symposium auf dieses Feld verlegte, wurde es substantiell, war anregend, geerdet. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang das Teamteaching-Referat des Freiburger Duos Luisa Traser/Sabine Seidel. Stand Letztere für den sängerisch-atemtechnischen Teil, so war es an der HNO-Oberärztin vom Freiburger Institut für Musikermedizin, die komplexen Körpervorgänge zu veranschaulichen, Videos einzuspielen, die Werte der Probanden aus medizinischer Sicht zu kommentieren, zu interpretieren, um den Referatsball gleich wieder ins Feld der „Atempädagogin“ zurückzuspielen. Auf Basis eines körperorientierten Stimmbildungskonzepts („Atem-Tonus-Ton“) verlegte sich Sabine Seidel darauf, bestimmte ML-Übungen, beispielsweise zur zentralen Zwerchfellatmung, rekonstruierend zu demonstrieren, nachvollziehbar zu machen.

Das Publikum dankte es ihr. Überaus bereitwillig ging man mit, erspürte in und an sich selbst den „erfahrbaren Atem“, wozu das absichtslose Heben eines Arms vollauf genügte. Kurz: In der Nische zwischen dem starren „Ich will“ einerseits, dem ziellosen „Ich weiß nicht wie“ andererseits, zwischen „willentlichem“ und „unbewusstem“ Atem, vollzieht sich, soviel wurde mitatmend klar, die Fokussierung des Sängers. Niemand, der auf eine Bühne geht, ein Podium betritt, so die Botschaft, kann auf solcherart gelöste Grundspannung verzichten. Angewandte ML-Pädagogik.

Genau an dieser Stelle, eben dort, wo man zur allseits ersehnten „Praxis“ fand, war das Symposium tatsächlich bei sich selbst angekommen. Glücklicherweise hatte der Besucher da schon so reichlich Futter aufgenommen, dass auch schwächere Symposiumsteile kompensierbar waren, selbst wenn sich diese prominent als „Lehrdemonstration“ gaben, um dann doch, zusehend/zuhörend, abzusinken ins Gesangsunterricht-Basement verzwungener Lustigkeit. „Immer schön locker lassen!“ Der beschworene Geist zu Symposiumsbeginn: „Kunst und Pädagogik gehören zusammen!“ (Grußwort Wolfgang Rüdiger) hatte sich verflüchtigt, womit die Nachbetrachtung an einer Stelle angekommen ist, an der die offenen Flanken dieses ehrgeizigen ML-Symposiums nun wenigs­tens anzutippen wären. 

Auffällig war sie schon, die Unlust oder die Unfähigkeit, die Biografie FML aus und vor dem Hintergrund von Politik und Gesellschaft der Zeit, der Umstände, der Haltungen zu entwickeln. Wobei das zu beackernde Feld ausgesprochen reichhaltig war und ist, hatte die Gesangspädagogin doch nicht weniger als vier politische Systeme erlebt. Wie hat FML in diesen wechselnden Milieus ihr Fach definiert? Was waren die Prägungen? Was die Verletzungen? Gab es Vorlieben? Wie stand FML zum knarrenden Kaiserzeitton? Wie zu den Kunstexperimenten der Weimarer Republik, namentlich zur Fortentwicklung des Liedes in den Song? Und, Kardinalfrage, wie hat sie die Stimme im und vor dem Geschrei nationalsozialistischer Hetze geschützt? Gab es eigentlich Juden im ML-Schülerkreis? Und wenn ja, wie hat sich ML in dieser Frage verhalten?

Überhaupt hätte man gerne erfahren, wie das Ehepaar Martienßen-Lohmann durch die Ungeheuerlichkeit eines Dritten Reiches gekommen ist. Dass Paul Lohmann im Machtübertragungsjahr Parteimitglied geworden war, dass NS-Chefideologe Rosenberg ihn zum Professor an der Berliner Musikhochschule ernannte, als Nachfolger von Edwin Fischer – es blieb unerwähnt. Ebenso war es dem Symposium keine Frage wert, wie es möglich sein konnte, dass beim arisierten Schott-Verlag, mitten im Krieg, ML-Fachtitel publiziert werden konnten. Und schließlich, jenseits von Politik im engeren Sinn, die Ausrichtung des Gesangsfachs als Kunst betreffend: Hochinteressant wäre es gewesen, die Haltung der Nachkriegs-ML zur neueren Vokalkomposition zu erfahren, jenseits des sich spätestens mit dem Abgang von Richard Strauss ans Ende gekommenen Kunstlieds. Sofern diese Franziska Martienßen-Lohmann tatsächlich eine „Impulsgeberin“ gewesen ist, sollten sich ihr bestimmte Fragen doch in den Weg gestellt haben. Was kommt nach den letzten Liedern? Kommt da überhaupt was? Und: Ist das ein Gebiet für mich? – Stoff für ein ML-Anschluss-Symposium scheint vorhanden. Ganz ohne rundes Jubiläum.

Das könnte Sie auch interessieren: