Gewaltige Kontraste, vulkanische Energie

Das George Enescu Festival in Bukarest mit einem internationalen Komponisten-Workshop


(nmz) -
Vier Wochen lang fand in diesem September in Bukarest und in verschiedenen Städten Rumäniens das XXI. George Enescu Festival statt, ausgezeichnet durch eine enorme Vielfalt des Programms und den höchsten künstlerischen Anspruch. Die diesjährige Edition zeigte sich als die umfangreichste der langen Reihe, die seit 1958 dem großen rumänischen Komponisten, Violinisten, Dirigenten und Musikpädagogen huldigt.
Ein Artikel von Ana Popescu

George Enescu, der Gründer der rumänischen nationalen Kompositionsschule, hatte selbst 1913 den Wettbewerb für Komposition ins Leben gerufen, der bis heute seinen Namen trägt. In diesem Jahr wurde allerdings der traditionell mit dem Festival verbundene Internationale Enescu Wettbewerb (Violine, Klavier, Gesang, Violoncello, Komposition) abgekoppelt und für 2014 vorgesehen. Die künstlerische Gesamtleitung liegt in den Händen des ehemaligen langjährigen Wiener Operndirektors Ioan Holender, der seit 2003 das Festival, eines der bedeutendsten europäischen Musikfeste, als Biennale plant und zu neuer Blüte verhalf.

Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim mit dem Pianisten Radu Lupu als Solist spielte das Eröffnungskonzert. Täglich folgte eine atemberaubende Fülle an Auftritten von Stardirigenten, großen Solisten und Spitzenensembles aus aller Welt, von Ensembles für Kammermusik, für Alte und Neue Musik. Mehr als 150 Veranstaltungen fanden insgesamt statt, und das Publikum stürmte oft buchstäblich die Konzertsäle.

Werke von George Enescu erklangen auf verschiedenen Ebenen des Programms – von der farbenreichen Rumänischen Rhapsodie Nr. 2 in D-Dur op. 11 zu Beginn (Barenboim, Berliner Staatskapelle), über die Erste Sinfonie in Es-Dur op. 13 (Paavo Järvi, Orchestre de Paris) und der Konzertanten Sinfonie für Cello und Orchester in h-Moll op. 8 (Gautier Capuçon, Münchner Philharmoniker mit Semyon Bychkov) bis hin zum zweiten Klavierquartett in d-Moll op. 30 (Tammuz Piano Quartet) und zu der Oper „Oedipe“ als Produktion der Rumänischen Nationaloper.
Mehrfach trat im Festivalverlauf der schier seraphisch klingende Chor der Filarmonica George Enescu auf, der von dem Dirigenten Iosif Ion Prunner seit 1997 geleitet wird: Gleich am zweiten Festivalabend als Sternstunde unter Daniel Barenboims Leitung mit der Staatskapelle Berlin in Giuseppe Verdis „Quattro pezzi sacri“ und am 7. September 2013 führten Chor und Orches-ter der Filarmonica George Enescu Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“ zum ersten Mal in Rumänien auf. Diese rumänische Erstaufführung fand also 100 Jahre nach der Wiener Uraufführung des Werks am 23. Februar 1913 statt! Dirigent war der Brite Leo Hussain, der die komplexe Aufgabe souverän meis-terte und nicht ahnen ließ, dass er nur zwei Tage zuvor eingesprungen war. Die Gesangssolisten des Abends Violeta Urmana, Nikolai Schukoff, John Daszak, Janina Baechle und Thomas Johannes Mayer beeindruckten genauso wie der ausdrucksstarke rumänische Schauspieler Victor Rebengiuc als Sprecher. Zum ersten Mal in Rumänien wurde in diesem September auch Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als Zyklus aufgeführt, in der konzertanten Fassung des Rundfunksinfonieorchesters Berlin unter der Leitung von Marek Janowski mit einigen rumänischen Solisten.

Die „Musik des 21. Jahrhunderts“ kreiste im Rahmen des Festivals um einen mehrtägigen Komponisten-Workshop und eine Fülle von programmatisch damit verbundenen Konzerten. In Kooperation mit der Bukarester Musik-universität wurden international anerkannte Komponisten eingeladen, um stilistische, ästhetische und kompositionstechnische Aspekte ihrer Arbeit zu präsentieren – nicht zuletzt mit dem Zweck der internationalen Vernetzung und des Dialogs zwischen den Generationen. In einem nichtöffentlichen Seminar hatten sogar einige Studierende die Gelegenheit, ihre Werke vorzuzeigen und mit den „Meistern“ zu besprechen.

Der Komponist Cornel Taranu, der bei Sigismund Toduta in Cluj (Klausenburg) sowie bei Nadia Boulanger, Olivier Messiaen, György Ligeti und Bruno Maderna in Paris und Darmstadt studiert hat, zeigte am Beispiel seiner „Sinfonie für Kammerensemble oder Orchester Guirlandes“ (Koussewitzky Preis 1982), wie er seriell gearbeitet hat und dennoch zu modal klingenden Gebilden mit Klageliedcharakter gelangte. Ferner, wie er Heterophonie und Aleatorik einsetzte oder Cluster mit archaischen Techniken verband. Im Konzert des Orches-ters „Moldova“ aus Iasi erklang unter der Leitung von Leo Hussain die „Memorial“-Sinfonie von Cornel Taranu neben Werken von Sir Peter Maxwell Davies und Harrison Birtwistle.

Aus Cluj stammt auch der in Berlin lebende Komponist Gabriel Iranyi, der besonders von Kurtág, Ligeti und Morton Feldman künstlerisch beeinflusst wurde. Er sucht die Expressivität der Musik im Kontrast von fragilen Klangräumen mit starken dramatischen Gesten. Gabriel Iranyis viertes Streichquartett „… Innenräume, Verwebungen …“ (2012) wurde vom Minguet-Quartett sensibel interpretiert, zusammen mit Peter Ruzickas „Erinnerung und Vergessen“ für Streichquartett mit Sopranstimme aus dem Jahr 2008 (kristallklar: Sarah Maria Sun) und mit Wolfgang Rihms „Vier Studien zu einem Klarinettenquintett“ in der Besetzung der Uraufführung von 2003 mit Jörg Widmann.

Bewundernswerte künstlerische Fähigkeiten stellte Jörg Widmann in Bukarest nicht nur als Klarinettist unter Beweis, sondern wirkte gleichermaßen als Dirigent eigener Werke und als Dozent: Spannend und erfrischend beleuchtete er verschiedene Vorgänge des Komponierens und zeigte die Modernität in großen Werken der Tradition, geradezu sprudelnd vor Ideen. Von Schönberg und Brahms kam er zu Schubert und Mozart, um frei assoziierend wieder bei Alban Berg oder Robert Schumann anzulangen, während er alles am Klavier spielend illustrierte. Schließlich besprach er seine jüngste Oper „Babylon“ und dann die „Messe“, die er am Pult der Filarmonica de Stat Transilvania (Cluj) dirigiert hatte, nach seinem verblüffenden Konzertstück für Trompete und Orchester „ad absurdum“ mit dem virtuosen Widmungsträger Sergei Nakariakov als Solist.

Zu den prominentesten Gästen des Festivals gehörte Peter Ruzicka, der über seine künstlerische Entwicklung als Komponist am Beispiel einiger Kammermusik- und Orchesterwerke („Fünf Bruchstücke“, 1984/87) sowie über seine Bühnenwerke „Celan“ und „Hölderlin“ sprach. Auf Nachfrage beschrieb er auch kurz seine persönliche Begegnung mit dem Dichter Paul Celan nur vier Wochen vor dessen Freitod 1970 in Paris, bei der er von dessen Krise nichts ahnte.

Der amerikanische Komponist und Pianist Michael Hersch, Träger unter anderem des American Composers Award (1996) und des Prix de Rome (2000), präsentierte in Bukarest seinen massiven Klavierzyklus „The Vanishing Pavilions“ nach Gedichten des britischen Dichters Christopher Middle-
ton. Gewaltige Kontraste definieren seinen sehr persönlichen Stil, in dem er manchmal die vulkanische Energie aufblitzender Fortissimopassagen in ihre eigene Resonanz versinken lässt oder diesen lyrischen Klanginseln gegenüberstellt. Sein aberwitzig schweres, zehnteiliges Klavierkonzert von 2010 gab dem in New York lebenden rumänischen Pianisten Matei Varga eine erneute Gelegenheit, hoch emotional und virtuos zu brillieren und das Publikum vierzig Minuten lang in seinen Bann zu ziehen. Diese europäische Erstaufführung spielte er als Solist der Filarmonica Banatul Timisoara unter der Leitung von Radu Popa. Gleich danach war im historischen Saal des Bukarester „Ateneul Român“ (Athenäum) das Orchesterwerk „Ombres“ des französischen Komponisten und Pianisten Thierry Huillet zu hören, eine tief empfundene Hommage an Debussy. Im Rahmen des Workshops hatte Huillet dieses auf Dekodierung von Debussys Kompositionstechniken basierende Werk analysiert sowie einige seiner Haiku-Vertonungen präsentiert. Nicht zuletzt sei die Festivalmitwirkung von Dan Dediu erwähnt, eines der international erfolgreichsten und vielseitig aktivsten rumänischen Komponisten seiner Generation, seit 2008 Rektor der Nationalen Musikuniversität in Bukarest.

Für die Teilnehmer des Workshops analysierte er sein „Trio“ für Flöte, Bratsche und Harfe (2001, Xenia Schindler gewidmet) sowie sein Orchesterwerk „Verva“ (2003), in dem er serielle und tonale Prinzipien sowie Elemente der Spektralmusik in einer Form verbindet, die Jazz, Rap und Byzantinische Einflüsse bündelt, um zu ihrem lebendigen Ausdruck zu gelangen. „Verva“ ist Teil eines Zyklus, zu dem auch „Frenesia“ für Orchester (2000) gehört. Dieses originelle und im hohen Maße dem Erbe der nationalen Kompositionsschule verpflichtete Werk wurde im großen Orchesterprogramm vom Rumänischen Jugendorchester unter der Leitung von Lawrence Foster aufgeführt und vom Publikum begeistert aufgenommen.
  

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