Globale Kontexte, kulturelle Begegnungen

Elf Jahre „Transcultural Music Studies“ am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena


(nmz) -
Wie klingt die Welt jenseits unseres Lebensraumes? Diese Frage stellte schon Robert Schumann in den 1830er Jahren, als er versuchte, sich „Die Musik der Tropenländer“ auszumalen: „Bis jetzt kennen wir nur deutsche, französische und italienische Musik als Gattungen. Wie aber, wenn die anderen Völker dazu kommen, bis nach Patagonien hin?“, äußerte er sich interessiert. Als 2009 der Lehrstuhl für Transcultural Music Studies am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena eingerichtet wurde, war das Wissen um die Vielfalt der Musik in der Welt natürlich sehr viel größer als es sich Schumann je hätte vorstellen können – und ist nunmehr Thema bei sämtlichen Musikausbildungen. Lehrstuhl-Inhaber Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto blickt auf elf intensive Jahre in transkultureller Forschung und Lehre zurück.
Ein Artikel von Tiago de Oliveira Pinto

Initiatoren des neuen Lehrstuhlprojekts waren 2009 der ehemalige Rektor der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Prof. Rolf-Dieter Arens, und der damalige Leiter des Instituts für Musikwissenschaft, Prof. Dr. Detlef Altenburg. Die Einrichtung des Lehrstuhls für Transcultural Music Studies als neuer Lehr- und Forschungsschwerpunkt in Weimar wurde dann durch eine erste finanzielle Förderung der Marga und Kurt Möllgaard Stiftung ermöglicht.

Welchen Fragen widmet sich nun dieser englisch bezeichnete Lehrstuhl unserer Hochschule? Anders als bei den anderen musikwissenschaftlichen Professuren und Lehrstühlen am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena war die Richtung, in die die künftige Forschung und Lehre der Transcultural Music Studies hätten führen sollen, noch relativ offen. In Weimar sollte jedenfalls keine herkömmliche Musikethnologie etabliert werden wie an anderen Universitäten und Hochschulen. Wichtig schien es zu erkunden, wie Musik in einem internationalen und globalen Kontext adäquat erforscht und verstanden werden kann.

Die Prämisse dafür ist keine „ethnische“ Perspektive, sondern die Tatsache, dass jede Form der musikalischen Entwicklung immer schon transkulturellen Prozessen unterworfen war. Ob nun in Europa, Asien, Afrika oder in Lateinamerika, Musik ist geradezu das lebendige Symptom für kulturelle Begegnungen. Dafür könnte kaum größere Sensibilität herrschen als an einer Hochschule, deren Namensgeber Franz Liszt stets in kulturübergreifenden Zusammenhängen dachte, sie in seinen ausgedehnten Reisen erlebte, in seinen Begegnungen umsetzte und vor allem in seinem musikalischen Œuvre zum Ausdruck brachte.

Jenseits von Patagonien

Anders als sie noch Schumann wahrnehmen konnte, reicht die musikalische Kenntnis unserer Welt weit über Italien und Frankreich, oder auch über Patagonien hinaus. Sie ist weltumspannend, der musikalische Horizont eines jeden Musikers, einer jeden Musikerin ist riesig geworden. Die musikalische Vielfalt der Welt im 21. Jahrhundert gehört also in ein Musikstudium; nicht nur mit wissenschaftlichem oder pädagogischem Fokus, sondern auch in die künstlerischen Fächer, unterstützt durch aktuelle musikwissenschaftliche Forschung und anwendungsbezogene bzw. entsprechende künstlerische Projekte.

In den Transcultural Music Studies ist die Musik, die studiert und besprochen wird, nur spärlich in einer Bibliothek zu erkunden. Sie muss zum Erklingen gebracht, ihre Quellen müssen für das Studium vielfach selbst generiert werden. Eines der Formate für die Vermittlung unterschiedlicher musikalischer Traditionen ist das vom Lehrstuhl angebotene „künstlerisch-wissenschaftliche Projektseminar“. Hier lehren Meister ihrer Instrumente die arabische Laute, die japanische Flöte Shakuhachi oder die Laute Shamizen, das Ensemblespiel auf südafrikanischen Marimbas oder das Spiel auf der chinesischen Guqin. Parallel dazu wird das Wissen um die Geschichte, um den jeweiligen Kontext des Instruments oder seine symbolischen Bezüge erläutert.

Praktische Anleitung

Die chinesische Wölbbrettzither Guqin hat sich als ein fester Kurs im Semester etabliert. Die in Weimar lebende prominente chinesische Meisterin Peng Peng Li ist seit vier Jahren die Guqin-Lehrbeauftragte am Lehrstuhl. Dabei geht es nicht darum, das Instrument bis zur Meisterschaft zu erlernen. Das lässt sich in wenigen Semestern nicht bewältigen. Eine praktische Anleitung jedoch, der wirkliche Umgang mit einem bisher unbekannten Musikinstrument, können wesentlich mehr vermitteln als es über einen Text oder einen Forschungsbericht alleine möglich wäre.

Das Lehrangebot des Lehrstuhls für Transcultural Music Studies (TMS) richtet sich also an alle Studierenden der Weimarer Musikhochschule, was neben den künstlerischen auch die pädagogischen Studiengänge und das Kulturmanagement miteinschließt. Die Kooperation des Instituts für Musikwissenschaft mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie die gemeinsamen Angebote mit der Bauhaus-Universität Weimar erweitern noch die Gruppe dieser Interessenten.

Ein typisches „TMS-Forschungsprojekt“, das auf bilaterale künstlerische Partnerschaft ausgelegt ist, kam über mehrere Jahre in zahlreichen Konzerten, Tourneen, Workshops und Filmen zur traditionellen Musik in Afghanistan zum Ausdruck. Als „Safar“, auf deutsch „Reise“, war der künstlerische Austausch mit dem Afghan National Institute of Music in Kabul betitelt, der von 2012 bis 2020 andauerte. Meister der traditionellen Musik Afghanistans besuchten die Hochschule, konzertierten hier und gingen auf Tournee durch Deutschland. Darüber hinaus gab es einen akademischen Austausch mit dem Music Department der Universität Kabul. Gemeinsame Seminare zur Einführung in die wissenschaftliche Dokumentation von traditioneller Musik fanden wöchentlich über Skype statt und brachten so Studierende beider Institute zusammen.

Internationalität der Ausrichtung und auch des musikalischen Austausches sind maßgeblich, und wenn sie in die Forschung und Lehre an der Hochschule eingebunden werden, dann berühren sie immer gleich verschiedene Bereiche. Die Musik und das historische musikalische Erbe eines bestimmten Landes oder einer Kultur, wie etwa der Wagogo-Frauen aus Tansania, wurde regelmäßig in künstlerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Einzelprojekten gewürdigt.

Musik als immaterielles Kulturerbe

Bald kam ein interessanter neuer Aspekt hinzu: die Vorstellung von Musik als einem immateriellen Kulturerbe, das ebenso wie denkmalgeschützte his­torische Bauwerke als Kulturerbe zu verstehen ist, allerdings nicht von fester Natur, sondern flüchtig in der Zeit, getragen durch die entsprechende Aktion des Musizierens. Immaterielles Kulturerbe, in das auch Tanz oder szenische Darstellung gehören – im Bereich der mündlichen Überlieferungen auch Feste, Umzüge und Riten –, ist eng mit dem Selbstverständnis einer Gemeinschaft verknüpft und so für das nationale Erbe einer Gesellschaft oder eines Landes mitverantwortlich.

Aufgrund seiner neuartigen Forschung auf diesem Gebiet wurde der Lehrstuhl für Transcultural Music Studies 2017 zu einem UNESCO Chair erhoben. Die UNESCO, die mit zwei Kulturerbe-Konventionen das historische Erbe von Bauwerken und das immaterielle Erbe der Menschheit regelt und unter Schutz stellt, hat hiermit erstmals einen musikwissenschaftlichen Lehrstuhl in die Reihe ihrer weltweit aktiven Lehrstühle mit aufgenommen. Projekte in Deutschland, die in diesen Bereich gehören, sind die deutsche Orgellandschaften mit Orgelbau und Orgelmusik sowie die vielfältige historische Orches­terkultur.

Das könnte Sie auch interessieren: