Graubunt?

Theo Geißler zur Kulturpolitik einer Ampel


(nmz) -
Zu Beginn ein wenig koloriertes Grund-Halbwissen: In der so genannten „autotypischen Farbmischung“ – sie ist gewissermaßen eine Kombination des additiven und subtraktiven Zusammenquirlens von Rot, Grün, Blau sowie Cyan, Magenta und Gelb (keine Ahnung, wie das funktionieren soll, aber sie tut es, sonst könnten wir keine Farben drucken) – ergäben die zusammengepanschten Ampelfarben ein leicht schmutzig wirkendes Grau.
Ein Artikel von Theo Geißler

So schlicht wollen wir uns in die wahrscheinlich viel zu frühzeitige allgemeine Color-Bewertung der Effizienz unserer prospektiven Bundesregierung gar nicht vorwagen. Sie hat ein gut 170 Seiten starkes Aufgabenpaket voll koalitionärer, hart erstrittener programmatischer und reichlich randunscharfer Absichtserklärungen geschultert, mit dem jedenfalls „mehr Fortschritt“ gewagt werden soll.

Zugegeben, die Ausgangssituation für unsere (wahrscheinlich) neue Bundesspitze – unser Blatt erscheint zu früh – ist virenbedingt denkbar ungünstig. Allerdings scheint die für eine Ampel­aktivität gegen diese Seuche notwendige Wind- oder Solarenergie entweder flauten- oder wolkenbedingt versiegt oder verbraucht für den Siegestanz im Plenarsaal des Bundestages. Das hat natürlich auch bedrohliche Folgen für unser Musikleben. Droht der nächste Lockdown? Kontaktverbote, krasse Beschneidung von Kulturveranstaltungen, von Etats, von Aufführungsmöglichkeiten vor Publikum. Schließlich auch Schul- und Kitaschließungen samt Bildungsdemontage, von den Unis ganz zu schweigen? Tja, die Blümchen-Rente ist so sicher wie die wissingerlichen Versprechungen wirtschaftshöriger Partei­söldner im Ministerrang.

Gerade was die Künste betrifft, sind diese Ängste und Bedenken auch deshalb sehr realistisch, weil ihre gesellschaftliche Bedeutung in dem weitgehend digital dominierten Fortschrittsmut-Gedröhn des Koalitionsvertrages sehr wenig Platz findet. Bei aller Wertschätzung für ihre Person ist die Berufung von Claudia Roth sozusagen als Kulturstaatsministerin auf Assistenzniveau im Bundeskanzleramt eine herbe Herabwürdigung aller kultureller Phänomene im Verhältnis beispielsweise zur Landwirtschaft, zum Straßenbau, zur Verteidigung oder zur inneren Sicherheit.

Angesichts der bröckelnden Wertstrukturen unserer Zivilgesellschaft, dem faulen Streaming-, Profitmaximierungs- und Körperoptimierungs-Fetischismus statt umfassender Seelenpflege und Hirnschulung wäre eine dem Umweltschutz auch politisch gleichgestellte Menschenpflege quer durch alle Ressorts, koordiniert durch ein Bundes-Kulturministerium, substanzieller Mut zum Fortschritt (noch spare ich mir das „gewesen“…). Es war einst der grünrote Innenminister Otto Schily, der den feinen Satz formulierte: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit“. Diese These ist heutzutage guten Gewissens auf alle kulturellen Heimstätten zu übertragen und zu erweitern: Wer Künstlerinnen und Künstlern auch und gerade in Krisenzeiten keine existenzwürdige Lebensgrundlage liefert, ruiniert unser aller Lebensgrundlage, die Demokratie und den Grundsatz, für alle Menschen seien humane Lebensumstände zu schaffen. Tja, Schily war längere Zeit grün-rot. Noch wirkt Scholz auf mich grau.

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