Große Gefühle in Heavy Rotation

Die Junge Oper Schloss Weikersheim inszeniert Giacomo Puccinis „La Bohème“ im modernen Clubambiente


(nmz) -
Così fan tutte, Die lustigen Weiber von Windsor, Carmen, Hänsel und Gretel oder der Freischütz: Bestimmte Opernklassiker tauchen seit fünf Jahrzehnten regelmäßig im Spielplan der Jungen Oper Schloss Weikersheim auf. So auch diesen Sommer Giacomo Puccinis „La Bohéme“.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Immer wieder waren in den Jahren zuvor Stimmen laut geworden, die bedauerten, dass sich der Weikersheimer Opernkurs der Jeunesses Musicales immer wieder aus dem Fundus der meistgespielten Opern bedient und nur selten Neues wagt. So schmerzlich man das vermissen mag, so einleuchtend sind die Gründe für die Programmwahl: Die jungen Sänger kommen aus ihren jeweiligen Hochschulen und Opernstudios mit dem gängigen und für die Karriere zunächst anscheinend wichtigen Repertoire. Die Anforderungen an die bis zu 200 Bewerber für die Weikersheimer Opernakademie orientieren sich jedenfalls an der Realität des Opernbetriebs.

Neues einzustudieren – mit Sängern womöglich, die im Metier nicht zuhause sind – würde die Möglichkeiten eines zweitägigen Workshops inklusive Vorsingen plus einer mehrwöchigen Probenphase sprengen. Auch darf man nicht vergessen: Natürlich goutieren die Festivalgänger aus dem lieblichen Taubertal eher die populären Werke als das Experiment.

Dass das bewährte Konzept weiterhin trägt, konnte man diesen Sommer bei einer Neuinszenierung von Giacomo Puccinis „La Bohème“ miterleben, einem Ensemblestück wie gemacht für die Zwecke der Oper in Weikersheim. Die Pariser Bohème verwandelte sich in ein jugendliches Feiervolk, wie man es aus dem Großstadtnachtleben kennt. Regisseur Patrick Bial­dyga thematisierte „unser“ tägliches Leben im Rausch und zeigte die Geschichte des jungen Liebespaares im Dunstkreis eines Clubs. Rodolfo und Mimi sind Repräsentanten der Generation Y, einer Generation, die auf der Suche nach sich selbst ist, aber sich kaum findet. Eine Generation, die sich ständig selbst feiert, nur weiß sie nicht, wofür. Plakativ stellte Bialdyga Mimi und Rodolfo und ihre Counterparts Marcello und Musetta in eine Welt, die von der Furcht geprägt ist, dass man jederzeit etwas Besseres verpassen könnte: einen besseren Club, ein besseres iPhone,­ einen besseren Partner: „Akku drei Prozent, Aufmerksamkeitsspanne null Sekunden“. Die einzig stabile Beziehung scheint die von Colline und Schonard zu sein. Kommt es hier mal zum Streit, dann wird der gleich geklärt und es kommt nicht zum Drama.

Ein stilisiertes Atelier mit großformatiger, bühnenfüllender Malerei, Liebesspiele als Happenings, Dichterlesungen und Autogrammstunden illustrieren Puccinis Oper vom Suchen und Finden, aber auch vom Zerstören und Verlieren plakativ, ohne das musikalische Geschehen zu erdrücken. Puccinis Musikpsychologie zu diesem Bühnenbild der Oberflächlichkeit liefert einen Subtext sogenannter wahrer Gefühle. Wenn dann auch noch Sänger und Musiker auf höchstem Niveau agieren, heißt es einfach Verismo 2019 à la Weikersheim.

Das Traumpaar Mimi (Andrea Cueva Molnar) und Rodolfo (Antonio Fernandez Brixis) ist auch musikalisch eines. Marcello (Richard Eunwon Park) und Musetta (Mengqi Zhang) stehen ihnen in nichts nach. Die Stimmpaarungen harmonieren nicht nur miteinander, sondern auch im Ensemble und in der Mischung mit dem Orchesterklang. Selten konnte man in Weikersheim derart makellose und ausbalancierte Stimmen hören. Wäre man Agent, müsste man alle vier jungen Hauptdarsteller, Dionysos Idis als Colline, Florian Marignol als Schaunard sowie den komödiantisch als auch stimmlich mitreißenden Benoît (Friedo Henken) immer als komplettes Ensemble vermitteln.

Puccinis Musik profitierte nicht nur von der Spiellaune und der Raffinesse der einzelnen Akteure, sondern auch vom wachen, genussvollen Zusammenspiel aller Beteiligten. Das aufgeweckte katalanische Jugendorchester „Jove Orquestra Nacional de Catalunya“, das sonst wenig Gelegenheit hat, Oper zu spielen, war unter der Leitung von Fausto Nardi ein weiterer Hauptakteur: Da gingen Kantilenen nahtlos in instrumentale Linien über, da sangen die Chorsänger das ariose Thema in einem Atem wie ein einzelner Solist. Vergnügen machte es vor allem, zu sehen mit welchem Engagement und welcher Emphase die jungen Musiker dabei waren. Egal ob sie zur zugespielten Clubmusik groovten, bis der eigene Einsatz kam, oder ob sie das Geschehen auf der Bühne aus dem Graben heraus mitverfolgten, vieles auch leise mitsangen und so aus dem Orchestergraben ein Konzertpodium machten. Der musikalische Leiter, Fausto Nardi, hatte seine Musiker so gut präpariert, dass gefühlt keiner mehr in die Noten oder auf den Dirigenten schauen musste, um große Musik zu machen. Bühnenbild (Norman Heinrich) und Kostüme (Doreen Winkler) wurden bestens in Szene gesetzt durch den gut einstudierten Projektchor, der nicht nur sängerisch auf der Höhe war, sondern auch tanzen und schauspielern konnte. Szenenapplaus gab es wie jedes Jahr für den Kinderchor des Weikersheimer Gymnasiums. Der Ausflug ins Pariser Szenelokal Momu, hier als Club mit DJ, Light Show, dem Ballettchor und dem Auftritt einer Influencerin als Tänzerin an der Stange, wurde zum ersten Höhepunkt der Weikersheimer Inszenierung, dem erst eine dramatisch sich steigernde Anzahl von Blitzen und Donner ein jähes Ende bereitete. Die Streicher voran nahmen zunächst Musiker, dann auch das Publikum Reißaus vor einem nahenden Starkregen samt Sommergewitter.

Dieses Fiasko hätte in früheren Jahren vielleicht ein bescheidenes Ende der Oper im nahen Gewehrhaus bedeutet, diesen Sommer hatte es auch eine positive Seite. Zumindest die Inhaber der besseren Plätze Kategorie 1 und 2 fanden in der naheliegenden, neu eröffneten Tauberphilharmonie alle Protagonisten wieder vor und sich selber auf einem nummerierten Platz. Und wer keinen Platz mehr fand, der durfte auf eine Ersatzvorstellung bei besserem Wetter hoffen. Drei Viertel des Publikums kamen so nicht nur in den Genuss der nächsten beiden Akte, sondern auch des brandneuen Konzerthauses und seiner hochgelobten Akustik. Als die Aufführung dann genau an der Stelle weiterging, an der höhere Mächte sie unterbrochen hatten, war es tatsächlich so, als hätte jemand den Lautstärkeregler voll aufgedreht. Aus Puccinis Eleganz wurde Verdi-hafter Schmiss – der Saal neigt zur Über­akustik. Obwohl das Orchester nun hinter den Sängern und dem Chor saß und nicht länger davor, klang es mächtiger als draußen. Auch die Sänger, die ja noch die Klangbalance des Schlosshofes im Ohr hatten, klangen wie aufgedreht. Trotzdem war ein erster Blick in die neue Philharmonie absolut hörenswert und Puccinis Oper nahm ihr Publikum auch halbszenisch und trotz harschem Unterbruch erneut gefangen.

Auch wenn die Inszenierung im Geiste moderner Feierkultur nahelegte, dass Mimi heute als Inhaberin einer AOK-Karte durchaus hätte weiterfeiern können, drang die Tragik in den Stimmen Brixis und Molnars in Herz und Gemüt. Die Show an der Rampe überließen sie jedoch Mengqui Zhang und Richard Eunwon Park als Musetta und Marcello. In diesem Gegensatz von Todesqual und Lebenslust fand die Inszenierung doch noch zum Gehalt von Giacomo Puccinis vierter Oper, die erste zu der er nicht nur die Musik schrieb, sondern auch das Libretto nach seinen Wünschen verfassen ließ – und der Erfolg gab ihm Recht.

Ein Zitat Giacomo Puccinis mag als Programm für die Weikersheimer Inszenierung durch Patrick Bialdyga dienen: „Die Geburtsstunde (der Bohème) war an einem Regentag, als ich nichts zu tun hatte und mich daran machte, ein Buch zu lesen, das ich nicht kannte. Der Titel lautete ‚Scènes de la Vie de Bohème‘. In dem Buch war alles, was ich suchte und liebe: die Frische, die Jugend, die Leidenschaft, die Fröhlichkeit, die schweigend vergossenen Tränen, die Liebe mit ihren Freuden und Leiden. Das ist Menschlichkeit, das ist Empfindung, das ist Herz.“

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