Hängende Gärten im Berliner Gärtnerhaus

Das neue berlied-Festival spürt dem Zusammenspiel von Wort und Ton nach


(nmz) -
Der junge Stefan George bewunderte eine schöne Frau, die ebenfalls in Bingen lebte. In seiner dichterischen Phantasie machte er sie zur orientalischen Herrscherin Semiramis. Ihr prächtiger Garten, in dem er sie besuchte, verwandelte sich für ihn in die berühmten Hängenden Gärten. Da eine wirkliche Liebesbeziehung nie zustande kam, malte George sich diese in einem „Buch der hängenden Gärten“ aus, das er der Angebeteten verehrte. Arnold Schönberg schuf aus diesen Gedichten um 1908 einen Liedzyklus, in dem er erstmals den Schritt in „fremdes Gebiet“, die Atonalität, wagte.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Mit diesem epochalen Zyklus begann „berlied“, ein von jungen Enthusiasten gestaltetes Festival für Kunstlied, das jetzt zum zweiten Mal stattfand. Ein Schauplatz ist das hinter einer Mauer versteckte Gärtnerhaus Rixdorf, eine ehemalige Scheune neben dem Comeniusgarten im Berliner Bezirk Neukölln. Hier haben sich einige Freunde und Freundinnen des Kunstlieds versammelt, überwiegend junge Leute aus verschiedenen Ländern. Viele umarmen sich zur Begrüßung. Mittendrin in Alltagskleidung die drei Künstler, die an diesem Abend auftreten: die Mezzosopranistin Fleur Barron, die Pianistin Justine Eckhaut und der Lyriker Daniel Gerzenberg.

Nachdem alle auf den etwa 50 Korb- und Gartenstühlen Platz genommen haben, betreten die Künstler – jetzt festlicher gekleidet – den kleinen Raum. Gerzenberg verliest Georges Vorrede zu seinem Gedichtzyklus, der die Gemeinsamkeiten zwischen historischer Vergangenheit und seiner Gegenwart erläutert. Solche Zeitsprünge erlauben sich nun auch die Interpreten, indem sie in Schönbergs Liedzyklus einzelne Gesänge von Johannes Brahms einfügen. Dieser Komponist zeigte gegenüber dem anderen Geschlecht eine ähnliche Scheu wie George und brauchte für Liebeserklärungen Verkleidungen. Vor allem zwei Brahmslieder nach Gedichten von Georg Friedrich Daumer, „Botschaft“ und „Eine gute gute Nacht“, passen sehr gut in den George-Kontext. „Da unten im Tale“ kommentiert im Volksliedton das lakonische Ende der erhaben-abgehobenen Liebesgeschichte.

Der klangschönen und wunderbar warmen Mezzosopranstimme Fleur Barrons, die zuweilen an Brigitte Fassbaender erinnert, liegt Schönberg ebenso wie Brahms. Die intonationssichere Sängerin, von Justine Eckhaut am Flügel flexibel unterstützt, ist trotz ihrer singapurisch-britischen Herkunft in der deutschen Sprache ganz zuhause. Mit lyrischen Überleitungen, anknüpfend an einzelne George-Zeilen, vermittelt Daniel Gerzenberg zwischen den unterschiedlichen Welten von George-Schönberg und Brahms und holt deren sinnliches Moment auch in unsere Gegenwart. Das Ganze ist ein Experiment auf hohem Niveau, das zu Recht starken Beifall findet.

Ebenfalls im Gärtnerhaus ist am nächsten Abend ein Programm mit Vokalwerken der europäischen Renaissance zu erleben. Schon beim ersten Ton entzückt der helle Mezzosopran von Sophia Stern. Von dem in China geborenen Charlie Zang an der Theorbe begleitet singt sie altfranzösische Volkslieder ebenso glockenrein wie danach italienische Tanzlieder von Caccini, Merula und Frescobaldi. Songs von John Dowland werden danach von der Laute begleitet. Dass der Sängerin der Wechsel zwischen den verschiedenen Sprachen so bruchlos gelingt, mag sich auch aus ihren Aufenthalten in London und Paris erklären.

Das Spiel mit verschiedenen Sprachen setzt sich danach noch in anderen Veranstaltungen des kleinen Festivals fort, etwa in einem Programm mit dem Titel „let me LIED you“. Das berlied-Festival entstand als Idee von Justine Eckhaut, die seit 2019 in Gesangsklassen der Universität der Künste Berlin begleitet und am Zusammenspiel von Wort und Ton interessiert ist. Als Antwort auf die Corona-Einschränkungen und finanziert durch das Förderprogramm „Neustart Kultur“ begann sie das Festival 2021 mit vier Konzerten im Bezirk Charlottenburg. Damals standen Berlioz und Debussy neben Songs von Gershwin und Weill. Die junge Französin will Brücken schlagen zwischen verschiedenen Genres und Kontakte zu neuen Hörerkreisen finden.

In diesem Jahr kam als zweite künstlerische Leiterin die Sängerin Sophia Stern hinzu. In Paris, wo sie aufwuchs, erwarb sie erste Bühnenerfahrungen und studiert gegenwärtig noch weiter Gesang an der Berliner Universität der Künste. Gemeinsam entwerfen diese beiden jungen Frauen die Programme, wobei sie das Lied mit anderen Künsten, auch Jazz und Kabarett, konfrontieren. Uraufführungen sind, wie sie erklären, ebenfalls geplant. Da jedes Lied eine komprimierte Geschichte ist, die sich dem Hörer manchmal nicht sofort erschließt, gibt es die Idee, in Zukunft einzelne Lieder mehrfach hören zu lassen. Interessant wäre auch, mehrere Vertonungen des gleichen Texts miteinander zu vergleichen. Schon jetzt sind alle gesungenen Texte im Programmheft abgedruckt. Das Heft für das diesjährige Festival umfasst 72 Seiten. Allerdings hätte ich mir auch Übersetzungen der fremdsprachigen Gedichte gewünscht.

Die Veranstaltungen sollen abseits der üblichen Konzertorte in intimem Rahmen stattfinden. Auf das Gärtnerhaus stieß Sophia Stern zufällig beim „Tag der offenen Gärten“. In diesem Jahr ist das Festival außerdem zu Gast im Kulturort „Nirgendwo“ in Friedrichshain, wo noch nie Liederabende stattfanden. Nach den Konzerten laden die Mitwirkenden zu Gesprächen bei einem Glas Wein ein. Bislang bestand das Publikum überwiegend aus „Freunden von Freunden“. Angestrebt wird aber eine wechselnde Zuhörerschaft, wozu auch Ortswechsel beitragen sollen. Immerhin hat man über den Online-Vertrieb der Tickets inzwischen schon eine Kartei von Interessenten. Ob aber der ebenfalls angestrebte Kontakt zur Nachbarschaft gelingt? Vielleicht hilft die Idee, vorher in Cafés Kostproben zu bieten. An jungen hochbegabten Interpreten mangelt es jedenfalls nicht. Zu hoffen ist nur, dass die zunächst auf zwei Jahre beschränkte finanzielle Förderung auch danach noch weitergeht.

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