Henzes Neunte – ein Musikdrama ohne Szene

Uraufführung durch die Berliner Philharmoniker und Ingo Metzmacher in Berlin


(nmz) -
Ein Artikel von Walter-Wolfgang Sparrer

Bescheiden „Sinfonia“ nennt Hans Werner Henze seine 9. Sinfonie (1995/97), die er gleichwohl für einen groß besetzten gemischten Chor und großes Orchester komponierte. Das fast einstündige, Ostern 1997 fertiggestellte Auftragswerk des Berliner Philharmonischen Orchesters und der Berliner Festspiele widmete er „den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus“. Zum Stoff seines neuen Hauptwerks bestimmte Henze ausschließlich den antifaschistischen Roman „Das siebte Kreuz“ (1942) der von manchen noch immer unterschätzten deutschen Schriftstellerin Anna Seghers.
Die Thematik – einem von sieben aus dem KZ Geflüchteten gelingt die Rettung – fügt sich ins Motto der diesjährigen Berliner Festwochen: „Deutschlandbilder“. Die Uraufführung war als einer der musikalischen Höhepunkte voraussehbar, wurde als das heute kaum mehr vermeidbare Medienereignis durchgeführt und scheint die in sie gesetzten Erwartungen weitgehend erfüllt zu haben.

Hans-Ulrich Treichel, mit dem Henze bereits bei den Opern „Das verratene Meer“ (1986/89) sowie „Venus und Adonis“ (1993/95) zusammenarbeitete, verdichtete und verallgemeinerte die Handlung des Romans – sie spielt im Jahr 1937, als Henze elf Jahre alt war – in ein lyrisches Drama aus sieben Stationen. Der Text ist wie ein Libretto angelegt, das nur in Verbindung mit der Musik Bestand haben kann, stellt also eine Atmosphäre bereit, die Henze das Komponieren erleichterte.

In „größter Erregung“ beginnt der erste Satz „Die Flucht“ zunächst leise, gibt sich jedoch rasch großen Steigerungswellen hin. Der Chor folgt dem Orchester nach wenigen Sekunden mit den Satzfetzen: „Nur weiter… Luft… keine Luft… ich habe Angst…“. Die Ichform von Treichels Text vergrößert Henze durch den Apparat des großen gemischten Chors und des großen Orchesters ins Kollektive, aber auch Monumentale. Mit nachschlagenden Rhythmen „malt“ er die Jagd durch die SS-Schergen und ihrer Hunde; das Opfer stürzt und schreit auf: „Nein!“.

Eine variierte Wiederholung wird angeschlossen: „Ich habe kalte Erde im Mund (…) der Himmel ist schwarz von Gewürm. Der Stein zerreißt mir die Schläfe. Ein Blatt macht mich blind.“ Wie ein kontrastierendes zweites Thema erklingen dann Bruchstücke einer Musik, die zu dem Flüchtenden aus dem Wirtshaus herübertönen. Auf und Ab wird vorübergehend zurückgenommen, um alsbald wieder „fortefortissmo“ voranzuhetzen.

„Bei den Toten“ heißt der langsame zweite Satz: „Ich bin über Steine, über Schnee gegangen, der Wind hat mir die Haut zerrissen, mein Haar fiel wie Asche vom Kopf“. Henze übersetzt das mit imitatorischen Techniken, beginnt den Chorpart mit den Bässen, nimmt den Wind in der Musik voraus und findet am Ende dieses Weges ins Reich der Toten zu heftig anklagenden, aufdröhnenden Idiomen, die aus der Angst gezeugt scheinen.

Ebenfalls in der Ichform gehalten ist der Text des dritten Satzes „Bericht der Verfolger“: Ein rascher und brutaler Marsch wird konterkariert durch klappernde Geräusche des Schlagwerks, die – so Henze – „an eine (Polizei-) Büromaschine“ erinnern. Das wohl erste zusammenhängende, rein instrumentale Stück dieser Sinfonie ist die langsame Einleitung zum vierten Satz: „Die Platane spricht“: In einem irisierenden Solo der Flöte antizipiert Henze die Klage des singenden Baums, der für die Kreuzigung der gefangenen Flüchtlinge gefällt wird. Auch im Wechsel von Männer- und Frauenchor ist die Dramaturgie dieses langsamen Satzes, an dessen Ende gleichwohl wieder Schreie stehen, differenzierter. Ein kommentierendes, ausschließlich instrumentales Zwischenspiel sowie ein bewegender Streicher-Epilog („gran canto“) sind Henze für den fünften Satz „Der Sturz“ eingefallen; hier geht es um den Artisten Belloni, der auf dem Dach eines Hauses von seiner Erlösung träumt, durch eine Kugel getroffen wird und sich freiwillig in den Tod stürzt. Mit fast 19 Minuten der ausgedehnteste Satz ist der vorletzte: „Die Nacht im Dom“. Auch hier konfrontiert Henze zwei Chöre. Die Toten, Heilige und Märtyrer, formieren einen – seitlich postierten – chorus mysticus, der sich flüsternd a cappella artikuliert: „Der Tod ist schwarz, eisig und stumm“ und später „Das Blut ist warm“. Nach infernalischem Orgelbrausen antwortet diesen Männerchören dann jeweils der Flüchtende, sich dem Tod entgegenstemmend, in den Chören „Ich krieche unter den Bänken“ beziehungsweise „Ich stehe auf, ich spüre das Blut“.

Mit einem choralartigen „Andante cantabile“ der Blechbläser leitet Henze den siebten und letzten Satz „Die Rettung“ ein: keine Apotheose, sondern weitgespannte Kantilenen, trauernd wie tröstend. Der Gestus des Gelassenen und Visionären glückt Hans Werner Henze transparent und glaubwürdig.

Insgesamt entstand hier eine sinfonische Chorkantate mit der Tendenz zum Musikdrama. Text und Musik (mit oft arg kompakten Tutti) sind vollkommen ineinander verschmolzen oder bilden – kritischer formuliert – einen einzigen Pleonasmus. Nur ausnahmsweise zeigt die Musik eine Perspektive, die über das Libretto Gesagte hinausreicht. Dahingestellt mag bleiben, ob man den virtuos beherrschten Apparat, eine schöne (oder schrecklich schöne) Musik mit durchweg vorhersehbaren dramatischen Kulminationen sowie einen naiven Text, der sich recht materialistisch der Hingabe an den Tod mit fast pubertärer Angst verweigert, für glaubwürdig hält oder für eine theatralische Chimäre.

In intensiver Probenarbeit wacker geschlagen, hat sich Ingo Metzmacher, Hamburgischer Generalmuskdirektor und Debütant am Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters. Bestens präpariert, erschien auch der von Gerd Müller-Lorenz einstudierte Rundfunkchor Berlin.

Dem Medienereignis, der „Apotheose des Schrecklichen und Schmerzlichen“, der Evokation einer „noch immer nicht vergangenen Welt des Grauens und der Verfolgung“ (Henze zu seiner 9. Sinfonie) wohnte Prominenz aus Kultur und Politik bei. Das auch von Daimler Benz unterstützte Konzert war live im DeutschlandRadio zu hören; eine verbesserte Aufzeichnung wird demnächst - pünktlich zum Vorweihnachtsgeschäft - bei EMI Classics auf CD veröffentlicht werden.

Im Anschluß an die Premiere seiner 9. Sinfonie wurde Hans Werner Henze die Hans von Bülow-Medaille des Berliner Philharmonischen Orchesters zur Bekräftigung einer langjährigen Liaison verliehen: In – auf den Tag genau 43 Jahren – hat das Orchester 55 Werke des Komponisten, darunter zehn Uraufführungen gespielt.

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