„Heute möchten alle mitspielen“

Take 5 ist zu einem Gütesiegel für Jazz in der Region geworden – Uli Bär vom Festival-Leitungsteam zieht Bilanz


(nmz) -
Wenn der Festival-Macher Uli Bär von der Jugendkunstschule Unna mit dankbaren Zuhörern ins Gespräch kommt, muss er oft korrigieren: Das berühmte Fünfvierteltakt-Stück „Take 5“ ist nicht original von Dave Brubeck, sondern von Paul Desmond. Aber „Take 5“ steht in der Region zwischen Hamm, Soest und Unna ohnehin für noch viel mehr: Nämlich für die Vielfalt des Jazz. Alle zwei Jahren laden mittlerweile fast 40 Spielstätten zum Konzertmarathon in Jazzclubs, Theater, Konzertsäle, Brauereien oder auch mal auf einem ausgedienten Förderturm – insgesamt 50 Jazzkonzerte in 50 Tagen in 20 Städten.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Jeder darf etwas beitragen, denn fröhliche Pluralität ist das Prinzip. Das war schon bei der Gründung so: Uwe Wortmann (Lünen), Ulrich Weißenberg (Hamm), Simone Schmidt-Apel (Bergkamen), Patrick Porsch (Soest) und Uli Bär aus Unna setzten sich im Jahr 2004 an einen Tisch. Seitdem werden in der Hellweg-Region Taten bevorzugt,wo andere von Vernetzung nur reden.

Die Zahl der gemeinsam Programmverantwortlichen ist gewachsen: „Take 5 müsste eigentlich heute Take 20 heißen“, beschreibt Uli Bär ein funktionierendes Gefüge. Die Intention hinter alldem bringt Uli Bär mit einfachen Worten auf den Punkt: „Wie kriegen wir die Musik so transportiert, dass es viel Freude macht?“ Denn statt des vielbeschworenen Nischendaseins des Jazz überwiegt am Hellweg die Erkenntnis: „Jazz ist eine Musik, die allen gefällt.“

Besonders stolz ist Uli Bär auf die selbst initiierten Familienkonzerte. Sie sind ein Beispiel mehr dafür, dass Jazz unglaublich viele schöne Möglichkeiten bietet. Gelebt wird hier eine Toleranz zwischen Nationen und Kulturen, die man gerade in heutigen Tagen nicht laut genug einfordern kann: „Die Sängerin der ABC-Bigband kommt aus Cuba, der Trommler aus Uganda, der Malletspieler aus Ghana, der Trompeter aus der Ukraine und der Schlagzeuger vom Dortmunder Borsigplatz.“

Aufmerksamkeit erregt, wer echte Zugpferde im Boot hat. Das Eröffnungskonzert mit der WDR-Bigband brachte in diesem Jahr diesen Effekt. „Take 5“ war überall im Radio und es wurden auch Interviews gesendet.

Nicht zu vergessen die vielen herausragenden Musiker aus dem Jazzland Nordrhein-Westfalen, die in Schwerpunkt-Portraits regelmäßig im Rampenlicht stehen. In diesem Jahr stand der Saxophonist Matthias Nadolny im Fokus. Beeindruckend war sein Konzert mit dem italienischen Pianisten Glauco Venier und dem angesagten italienischen Trompeter Giovanni Falzone sowie Kristina Brodersen, Wolfgang Schmidkte, Hendrika Entzian und Peter Weiss.

Dem Klischee einer in Würde ergrauenden Jazz-Community setzt Take 5 zumindest auf der Bühne eine gesunde Durchmischung der Generationen entgegen. Uli Beckerhoff, der Trompeter aus Bremen und jazzahead-Initiator, ließ einmal mehr seinen eigenen Spirit auf jüngere Mitmusiker wirken. Und dann war da die gerade mal 20-jährige polnische Bassistin Kinga Glyk, die mit ihrem furiosen Auftritt Unnas Lindenbrauerei aufmischte. Im Kurhaus Bad Hamm zeigte ein wunderbar die Seele streichelnder Abend mit dem smoothen Vocal-Jazz von Sarah McKenzie, dass auch klassische Formate Ausstrahlung und Aktualität besitzen, wenn man sie nur mit Empfindung füllt.

Wenn sich über 40 Spielstätten in über 20 Städten zusammentun, produziert dies eine gemeinsame Werbelinie. Gerade viele kleine, aber feine Musik­ereignisse werden so erst fürs Publikum entdeckbar. Die Präsentation in einem großen Festival-Verbund inspiriert zu Entdeckungsreisen jenseits des eigenen Kirchturms. „Selbst wenn wir in einem so kleinen Dorf wie Welwer spielen, strömen dort die Leute hin und dann ist auch dort mal ein Konzert ausverkauft“, freut sich der Festivalleiter. Wir sehen jetzt manchmal, dass statt wie bisher 30 auf einmal 80 Leute kommen.

Was mussten denn für dicke Bretter gebohrt werden, um dort hin zu kommen? Jazzkonzerte zu veranstalten ist ja für die vielen meist ehrenamtlichen Veranstalter oft ein pekuniäres Verlustgeschäft. Da entsteht schnell Angst vor möglicher Konkurrenz. Uli Bär hat mit vielen Menschen hunderte Gespräche geführt. Hartnäckigkeit war gefragt: „Natürlich gab es Zweifler. Ich habe gesagt: Mensch, probier es doch einfach mal aus. Die Veranstalter, die einmal mitgemacht haben, blieben dabei. Es wuchs das Bewusstsein, dass jeder auch vom großen Ganzen profitiert. Es gibt keine bessere Werbung für eine Region oder eine Veranstaltungsreihe, als innerhalb eines solchen Festivals aufzutreten. Heute ist dieses Bewusstsein gut verankert. Ich muss mitmachen, sonst falle ich raus. Sonst beachtet mich keiner mehr. Deswegen möchten heute alle mitspielen.“

Und wie sieht es mit den Finanzen aus? Uli Bär: „Wir haben eine klare Linie gezogen. Wir unterstützen keine Einzelveranstaltung. Dies bleibt in der Verantwortung der einzelnen Veranstalter. Diese Notwendigkeit motiviert, die Spielstätte oder Konzertreihe innerhalb der eigenen Stadtgesellschaft zu verankern, Fördermöglichkeiten vor Ort auszuloten und dafür die Kontakte zu pflegen. Die regionale Kulturförderung NRW, die immer wieder neu zu beantragen ist, leistet hingegen Hilfe zur Selbsthilfe – vor allem in Sachen nachhaltiger Publikumsentwicklung! Also werden Kinder- und Jugendprojekte mit der Hellway 2 High Big Band und das Jazz-Porträt gefördert. Ebenso eine schlagkräftige Werbung, für die es bei den kleinen, meist ehrenamtlichen Konzertveranstaltern oft an Geld und Manpower fehlt.“

Zum Finale kommen die Festivalmacher in einer Kneipe in Holzwickede zusammen, ziehen Bilanz und freuen sich gemeinsam auf neue reibungsvolle Diskussionen – wie eben Jazz auch immer etwas mit Reibung zu tun hat! Planungsdruck in Bezug aufs nächste Festival herrscht zu diesem Zeitpunkt noch nicht: „Dass wir nur alle zwei Jahre ein Festival machen, ist ungeheuer entspannend.“ Genug beschäftigt bleibt Uli Bär dennoch, allein, weil es im jährlichen Wechsel mit Take 5 den ebenso gut vernetzten Celloherbst am Hellweg auf die Beine zu stellen gilt.

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