Hinein in die Mega-City

Siemens schickt Komponisten in die Welt


(nmz) -

Into … hinein. Hinter diesem einfachen Wort verbirgt sich eine auf den ersten Blick waghalsig anmutende Unternehmung des Siemens Arts Program. „Hinein“ sollen sechzehn Komponisten aus aller Welt in vier Mega-Städte: Istanbul, Dubai, Johannesburg und in die Agglomeration Pearl River Delta in China, wo an die zehn Millionen Menschen leben.

Ein Artikel von Andreas Kolb

Von ihrer Reise zurück bringen die-se sechzehn Komponisten ebenso viele neue Werke, die das Ensemble Modern zwischen Oktober 2008 und Frühjahr 2010 in Frankfurt, Berlin und Essen uraufführen wird. Jens Cording, Leiter der Abteilung Musik beim Siemens Arts Program, spricht vom bisher größten Projekt des Siemens Arts Program im Feld der neuen Musik: „Into ist künstlerische Annäherung an die Essenz einer Stadt, jenseits dessen, was deren äußeres Erscheinungsbild prägt.“ Vladimir Tarnopolski etwa hat als russischer Komponist schon Megalopoliserfahrung, denn er hat am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau studiert. Er fährt als erster der 16 auserwählten Künstler bereits im Februar: Entschieden hat er sich für Istanbul. Was ihn dort interessiert? Er geht der Frage nach, „wie Europa geboren wurde“. Er will mehr herausfinden über traditionelle türkische Instrumente, und begibt sich auch auf die Suche nach armenischer, griechischer und jüdischer Musik.

Identisch an den Reisen der 16 ist nur ihre jeweilige Dauer von vier Wochen, was der betreffende in der Metropole seiner Wahl macht, ist jedem völlig offen gestellt. Am Ende soll besagte zwanzigminütige Orchesterkomposition stehen.

Beat Furrer will auch nach Istanbul: Ihn interessiert dort aber ganz anderes als Tarnopolski. Er möchte Soziologen und Ethnologen treffen und die Istanbuler Filmszene kennenlernen. Jörg Birkenkötter reist nach Johannesburg, der derzeit gefährlichsten Stadt der Welt. Im Fokus seiner Reisebetrachtungen stehen ursprüngliche südafrikanische Musik und der Besuch einer Ausbildungsstätte für traditionelle Musik. Dagegen wird die italienische Komponistin Lucia Ronchetti während ihres Aufenthalts in Johannesburg verschiedene Stadtbezirke besichtigen und erforschen – bevorzugt mit Ortskundigen, die die vielen Sprachen und Dialekte beherrschen.

Nach Dubai, der Stadt, um die sich trotz kleinster Tradition bereits die größten Mythen ranken, gehen vier Künstler aus drei Ländern: Markus Hechtle und Jörg Widmann (Deutschland), Vykintas Baltakas (Litauen) und Márton Illés (Ungarn). Baltakas interessiert sich für die arabische Sprache, Hechtle will Emiratis kennen lernen, darunter auch Schriftsteller und Lyriker. Illés sucht den Kontakt zum Emir von Dubai und will auch Festivals vor Ort besuchen.

Und Widmann erwartet in Dubai eine „Extremerfahrung“ – er spricht von der aus dem Wüstensand gestampften Superstadt als „modernem Turm zu Babel“. Interdisziplinär denken einige der Komponisten, die ins Pearl River Delta gehen. Heiner Goebbels sucht Berührungspunkte mit der dortigen Bildenden Kunst, Musik, Philosophie und Politik. Benedict Mason hat das Thema Film gewählt und Johannes Schöllhorn tritt in Kontakt zu Künstlern auf der Guangzho-Biennale, aber auch zu Architekten und zu Siemens-Stadtplanern. Weitere noch nicht erwähnte Komponisten sind Chin Un-suk, Lars Petter Hagen (Norwegen), Luke Bedford (Großbritannien) und Samir Odeh-Tamimi (Israel/Palästina).

16 mal 20 Minuten neue Musik werden durch das Siemens-Projekt generiert werden. Was die Komponisten aber bis dahin erleben, wie und ob sie durch die äußeren Anregungen zu inneren Kompositionsprozessen angeregt wurden, das dokumentiert die nmz in einer Folge von Artikeln bis zum Sommer.

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