Im Labyrinth der Zeit

Zum Tod des Komponisten Krzysztof Penderecki


(nmz) -
Über Jahrzehnte hinweg ist er einer der bekanntesten und bedeutendsten Komponisten der Gegenwart gewesen, der polnische Weltbürger Krzysztof Penderecki. Seine Musik wurde sowohl auf Konzertpodien und Opernbühnen als auch in Spielfilmen gepflegt. Ende März ist er in Kraków gestorben. Ein Rückblick auf die schillernde Persönlichkeit, die ihren verdienten Ruhm am liebsten in stiller Zurückgezogenheit auskostete und ein äußerst vielseitiges Werk hinterließ.
Ein Artikel von Michael Ernst

Mit sechs Jahren hat er seine erste Komposition geschrieben. „Und dann wurden es immer mehr.“ So schlicht hat der Komponist Krzysztof Penderecki einst seine Berufswahl begründet. Am 29. März ist er im Alter von 86 Jahren in Kraków verstorben. Bis dahin hat er nicht nur sehr viel mehr Musik geschrieben, sondern auch sehr unterschiedliche Stile und Genres bedient.

Die Nachricht vom Tod des stets höchst seriös und in sich ruhend wirkenden Komponisten hat in der Musikwelt umgehend Betroffenheit ausgelöst. Der Dirigent Marek Janowski war als langjähriger Weggefährte von Penderecki einer der Ersten, der auf dessen Tod reagierte: „Wir kannten uns seit Ende der 1960er Jahre. Zweifellos hat Krzysztof Penderecki den Kompositionsstil einer ganzen Ära der zeitgenössischen Musik mitgeprägt. Sein Tod macht mich sehr betroffen.“

Internationaler Durchbruch – Abkehr von der Avantgarde

Sein internationaler Durchbruch gelang dem 1933 im Süden Polens geborenen Komponisten in Deutschland, als er 1960 bei den Donaueschinger Musiktagen für sein Stück „Anaklasis“ gefeiert wurde. Aufsehen erregte der frühzeitig an Violine und Klavier unterwiesene Sohn eines Anwalts jedoch schon 1959 beim Wettbewerb junger polnischer Komponisten in Warschau, wo er anonym drei Kompositionen eingereicht hatte und damit alle drei zu vergebenden Preise errang. Umgehend zählte er zu den wichtigsten Stimmen im zeitgenössischen Musikschaffen.

Der große Erfolg der vom WDR in Auftrag gegebenen „Lukas-Passion“ zu ihrer Uraufführung in Münster 1966 sorgte für internationale Popularität und ermöglichte zudem kurz darauf auch eine Aufführung dieses Sakralwerks in Kraków. Dmitri Schostakowitsch hatte das Opus wenig später als eines der größten Werke des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Das ohnehin etwas fragwürdige und naturgemäß permanenten Veränderungen unterworfene Label „Neue Musik“ wurde Krzysztof Penderecki freilich auch rasch wieder strittig gemacht, als sich der Avantgardist später zu traditionelleren Formen hin öffnete. Dass er damit wie kaum ein Zweiter zu jeder Zeit Tradition und Moderne miteinander verbunden und deren vermeintliche Gegensätzlichkeit fruchtbar gemacht hat, dürfte sich manch einem seiner Kritiker erst rückwirkend erschlossen haben. Dabei schuf Penderecki beizeiten mit auf herausragende Ereignisse seiner Zeit bezogenen Werken klingende Mahnmale, die ihm in aller Welt eine enorme Aufmerksamkeit zuteil werden ließen. So widmete er seine Komposition „Threnos“ den Opfern des Atombombenabwurfs der USA auf Hiroshima und  schrieb sein Klavierkonzert „Resurrection“ unter dem Eindruck des 11. September 2001.

Zeuge einer grausamen Zeit

Dazu befragt, erklärte der Komponist: „Ich schreibe keine Chronik. Als ich jung war, habe ich oft sehr direkt reagiert. Sicher liegt das mit daran, dass ich in einer grausamen Zeit gelebt habe und schon mit fünf Jahren die ersten Toten auf der Straße liegen sah.“ Er betrachtete sich als Zeuge seiner Zeit, so Penderecki.

Neben einem immensen Œuvre an Vokal- und Kammermusik, Orchesterwerken und Opern (obendrein auch Ausflügen in den Jazz- und Rockbereich) schrieb Krzysztof Penderecki auch Filmmusik, mit der er weltweit einem Publikum bekannt wurde, das sich ansonsten wohl eher nicht für die Musik der Moderne interessiert hätte. Herausragend ist etwa seine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese („Shutter Island“), David Lynch („Inland Empire“), Stanley Kubrick („Shining“) und Andrzej Wajda  („Das Massaker von Katyn“) gewesen.

Für einige Überraschung sorgte Penderecki nach den Erfolgen seiner Opern „Die Teufel von Loudun“ (1968/69), „Paradise Lost“ (1978) und „Die schwarze Maske“ (1986) mit dem als Opera buffa bezeichneten „Ubu Rex“ (1991, nach Alfred Jarry), als hätte man dieser schillernden Persönlichkeit, die ihren verdienten Ruhm am liebsten in stiller Zurückgezogenheit auskostete, Humor und Hintersinn nicht zugetraut. Gut möglich, dass dieser Eindruck mit dem über eine lange Epoche von etwa 25 Jahren hinweg entstandenen „Polnischen Requiem“ zu tun hat, das 2011 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt worden ist. Ein gewaltiges Opus, das sich Persönlichkeiten und Ereignissen der polnischen Historie widmet. Das sinfonische Schaffen von Krzysztof Penderecki endete, soweit bisher bekannt, erst 2017 mit der 6. Sinfonie „Chinesische Lieder“, die in Guang­zhou uraufgeführt worden ist und kurz darauf in Dresden ihre Europäische Erstaufführung erlebte. Da waren die 7. („Seven Gates of Jerusalem“) und 8. Sinfonie („Lieder der Vergänglichkeit“) schon längst auf dem Musikmarkt. Ob und in welchem Umfang sich im Nachlass eine 9. Sinfonie findet, die er gesprächsweise erwähnt hat, wird sich zeigen.

Eng verbunden war er der Geigerin Anne-Sophie Mutter, der er mehrere Werke widmete: „Wenn ich für Geige schreibe, dann nur für Anne-Sophie. Es gibt keine bessere Geigerin.“ Dieser langjährigen Künstlerfreundschaft sind unvergessliche Konzerterlebnisse ebenso zu verdanken wie zuletzt auch das Doppelalbum „Hommage à Penderecki“.

Bleibend ist das gewaltige Werk dieses stets auch als Dirigent gefeierten Zeitzeugen, der zum Leidwesen so manch eines Kollegen mehrfach ganze Stadien mit Publikum gefüllt hatte. Nachhaltig ist zudem aber auch das von der EU geförderte und 2013 eröffnete Krzysztof Penderecki European Centre for Music im südpolnischen Lusławice, das ausdrücklich der Förderung junger europäischer Musiker verschrieben ist. Auf diesem einstigen Landgut pflegte der Künstler, dem im vergangenen Jahr zu seinem 85. Geburtstag ein großes Festival in Warschau gewidmet wurde, seine zweite Leidenschaft neben der Musik: ein umfangreiches Arboretum mit mehr als 1.700 Bäumen der verschiedensten Arten aus fast aller Welt. Ein Labyrinth der Zeit für die Ewigkeit.

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