Im schmerzlichen Bewusstsein der eigenen Endlichkeit

Aribert Reimanns „L’Invisible“ nach Maeterlinck an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Eine kahle Häuserfront, an deren linker Seite sich ein Innenraum öffnet. Eine Familie sitzt am Tisch und bangt um das Leben einer der Töchter, die nebenan schwerkrank im Kindbett liegt. Nur der blinde Großvater spürt den Tod, der als unsichtbarer Eindringling bereits im Haus ist. Mit Maurice Maeterlincks Drama „L’Intruse“ beginnt Aribert Reimanns neunte Oper „L’Invisible“, die Anfang Oktober in der Regie von Vasily Barkhatov an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt würde. Ebenso verstörend wie das karge Bühnenbild von Zinovy Margolin ist auch die Musik in Reimanns neuem Werk, das auf drei Theaterstücken des belgischen Symbolisten basiert.
Ein Artikel von Corina Kolbe

Unter Leitung von Donald Runnic­les kommen in „L’Intruse“ zunächst ausschließlich Streicher zum Einsatz, die etwa durch knallende Pizzicati und perkussive Klänge ein Gefühl existentieller Bedrohung hervorrufen. Die Sopranistin Rachel Harnisch (Ursula), der Bass Stephen Bronk (Großvater), der Bariton Seth Carico (Der Vater) und der Tenor Thomas Blondelle (Der Onkel) singen hier keine melodischen Linien, Phrasen werden lediglich angerissen. Der Komponist, der auch das französischsprachige Libretto verfasste, erklärt dazu in einem Interview, den Protagonisten stocke vor Angst förmlich der Atem. Auch in „Intérieur“ und „La Mort de Tintagiles“ sind die Figuren auf der Bühne einem ungewissen Schicksal ausgeliefert. Die Furcht vor Tod und Verlust, mit der sich Maeterlinck im Fin de Siècle auseinandersetzte, ist selbst in unserer hochtechnisierten Welt tagtäglich präsent. Der Philosoph Martin Heidegger begriff die menschliche Existenz als „Sein zum Tode“. Das Leben eines jeden Menschen wird demnach durch das Bewusstsein von der Endlichkeit des eigenen Daseins bestimmt. Reimann hat diese diffuse Angst überzeugend in Musik übersetzt und die Spannung über die gesamten 90 Minuten der Aufführung aufrecht erhalten.

Am Ende von „L’Intruse“ ertönt ein schmerzhaft dissonanter Holzbläserakkord, genau in dem Moment, als das Neugeborene seinen ersten Schrei ausstößt und die Mutter stirbt. 34 solistisch geführte Bratschen, erste und zweite Violinen haben zuvor über 50 Takte hinweg einen Cluster aus Flageolett-Klängen aufgebaut. Der „Todesakkord“ wird im weiteren Verlauf von „L’Invisible“ mehrmals in abgewandelter Form wiederholt. Nach dem ers­ten dramatischen Höhepunkt singen die drei Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel aus dem Off kryptische Zeilen aus Maeterlincks Gedichtsammlung „Serres chaudes“. In mehreren „Zwischenspielen“ treten sie als Todesboten auf, zunächst von Harfen und dann auch von Streichern und Blechbläsern begleitet.

Ausschließlich Holzbläser untermalen kammermusikalisch und solistisch die Handlung des zweiten Stücks „Intérieur“. Der Säugling, der am Ende von „L’Intruse“ aus der Wiege auf die Bühne gekippt wird, ist nun einige Jahre älter und hat eine stumme Rolle. In einem Innenraum, der durch eine Glasscheibe vom übrigen Bühnengeschehen abgetrennt ist, schmückt er mit seiner Familie einen Weihnachtsbaum. Draußen stehen ein Alter und ein Fremder, die die schreckliche Nachricht überbringen müssen, dass die älteste Tochter ertrunken ist. Im Gegensatz zu der ahnungslosen Familie im Innenraum, wissen die beiden Schwestern Marie und Marthe von der Tragödie, deren weiterer Verlauf sich in bedrohlichen Schattenrissen auf der Häuserwand abzeichnet. Als Marie ist Rachel Harnisch zu erleben. In ihren Hauptrollen in allen drei Teilen von „L’Invisible“ beeindruckt die Schweizerin mit einer klaren, expressiven und höhensicheren Stimme. Annika Schlicht als Marthe zeigt mit ihrem starken, volltönenden Mezzosopran ebenfalls eine beachtliche Präsenz.

Im längsten Teil von Reimanns „Trilogie lyrique“ schwebt Prinz Tintagiles in höchster Gefahr. Seine Großmutter – eine Königin, die schon den größten Teil seiner Familie getötet hat – trachtet auch ihm, dem potenziellen Thronfolger, nach dem Leben. Obwohl sie unsichtbar bleibt, ist sie die konkreteste Verkörperung des Todes, der im Französischen weiblich ist („la mort“). Tintagiles’ Schwestern Ygraine (Rachel Harnisch) und Bellangère (Annika Schlicht) versuchen vergeblich, ihn zu retten. Der junge Prinz, der in Barkhatovs Inszenierung als todkrankes Kind in einem Krankenhausbett liegt, wird von Salvador Macedo, Mitglied des Kinderchors der Oper, in einer Sprechrolle verkörpert. In „La Mort de Tintagiles“ setzt Reimann erstmals an dem Abend das gesamte Orchester ein. Die Dienerinnen der Königin (hier wieder die Countertenöre) entführen den Jungen schließlich in das Schloss der Königin, wo er auf grausame Weise umgebracht wird. Während die Angst immer weiter von den Protagonisten Besitz ergreift, laufen bedrohliche Schattenmonster über die Wand  –  ein Einfall, der an Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ an der Staatsoper Berlin erinnert. Für ihre anspruchsvolle Dreifachrolle wird Harnisch am Schluss begeistert gefeiert. Auch die anderen Solisten, das Orchester, die Regie und nicht zuletzt der Komponist erhalten großen Beifall. Für Reimann ist es bereits die fünfte Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin.
  

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