Im Würgegriff

Leitartikel von Theo Geißler in der nmz 2017/09


(nmz) -
„So kann es nicht weitergehen, aber so geht es weiter“ lautet der pessimistische Titel einer leider selten aufgeführten Opern-Collage aus Zeitungen und Groschenromanen, die Niels Frédéric Hoffmann bei der Hauptarbeitstagung des Deutschen Musikrates 1970 in Bremen uraufführen ließ. Seinerzeit ein musikalisch-politischer Protest weniger gegen die rahmenspendende Organisation, eher wider die herrschenden politischen Verhältnisse. Der Komponist mag es mir verzeihen, wenn ich seine Headline umwidme auf ein mittlerweile jahrzehntealtes kulturpolitisches Ärgernis namens Projektförderung.
Ein Artikel von Theo Geißler

Ob es sich um bewährte Verbände handelt wie die Jeunesses Musicales, das netzwerk junge ohren oder den Deutschen Tonkünstlerverband, um nur einige zu nennen, ganz zu schweigen von verdienstvollen freien zivilgesellschaftlichen Initiativen zum Beispiel in der aktuellen Integrations-Problemzone – viele von ihnen leisten ihre gesellschaftlich höchst engagierte Arbeit immer wieder im Würgegriff zeitlich eng begrenzter projektfixierter Förderung durch bürokratisch verkrampfte öffentliche Hände.

So ist eine meist dürftige personelle Grundausstattung dieser Institutionen üblicherweise mit dem Zwang verbunden, ein zeitlich befristetes Projekt in komplexer Antragslyrik bei Ministerien oder sonstigen Ämtern einzureichen. Deren nicht immer optimale Kompetenz führt zu Verzögerungen, die manch sinnvollen Vorschlag in der Ablage unterm Schreibtisch verenden ließ. Glück hat, wessen Vorhaben öffentlichen Glamour verspricht oder gerade in den bunten Strauß der Wahlversprechen bestimmter Parteien passt. Da setzt sich dann schon mal ein Volksvertreter, eine Volksvertreterin den Strahlekranz populären Schein-Mäzenatentums auf den ansonsten oft anderweitig interessierten Schädel und hilft bei der Bewilligung benötigter Gelder auch mal unbürokratisch (siehe Seite 20 dieser Ausgabe).

Es ist also abzusehen, dass manche dieser in sogestalter Abhängigkeit gehaltenen Initiativen beim Entwurf ihrer Einreichungen eine gewisse Geschicklichkeit im Auslesen aktueller politischer Interessenlagen entwickeln. Ob das den Künsten gut tut, sei einmal dahingestellt. Viel schädlicher ist die befristete Festlegung der Mittel für ein Projekt. Kultur und Kunstförderung brauchen Kontinuität, um sich entfalten, um auf Dauer wirken zu können. Da ist die Guillotine der zeitlichen Begrenzung sicher kein Hilfsmittel der Wahl. Leider hat sich im Bewusstsein der Kämmerer und sonstiger Verteiler öffentlicher Mittel wohl der Satz festgesetzt, nur ein hungriger sei ein guter Künstler. Und Hunger steht an, wenn für die meist ohnedies unterbezahlten Projektgestalter nach zwei, drei Jahren Arbeitslosigkeit der Dank ist. Ganz zu schweigen vom Abriss, der vielen gerade gut eingeführten Projekten widerfährt.

Welche Partei hat den Mut, solchen Missstand durch konsequente Rückkehr zur kontinuierlichen institutionellen Förderung zu beenden? In den vorliegenden Wahlprogrammen findet sich null und nix. So kann es nicht weitergehen. Geht es so weiter?    

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