Improvisation und Jazz für Kinder

Interview zu einem Vortrag von Barbara Stiller im Rahmen einer Fachtagung auf der Messe Jazzahead 2020


(nmz) -
Die Fachtagung „Improvisation und Jazz für Kinder“ findet zum vierten Mal statt. Die Jazzahead richtet sie gemeinsam mit der Deutschen Jazzunion, dem Musikland Niedersachsen, der Hochschule für Künste Bremen, dem Landesinstitut für Schule Bremen sowie „Jazz und Improvisierte Musik in die Schule!“ aus. Die neue musikzeitung sprach mit Professorin Barbara Stiller von der Hochschule für Künste Bremen über die Vermittlungsaktivitäten der Messe.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Dieses Jahr nehmen Sie erstmals als Referentin bei der 4. Fachtagung „Improvisation und Jazz für Kinder“ im Rahmen der Fachmesse Jazzahead in Bremen teil. Mit Jazz im engeren Sinne haben Sie in Ihrem Beruf nur wenig zu tun. Warum hat die Messe Sie angefragt?

Barbara Stiller: Die Messe pflegt schon länger vielfältige Kontakte zur Bremer Hochschule für Künste. Als Sprecherin für ein Vortragsformat bin ich allerdings erstmals angefragt.

nmz: Der Untertitel der Tagung lautet „Wie kommen improvisierte Musik und Jazz in die Grundschule?“ Wie lautet die Antwort aus Ihrer Sicht?

Stiller: Improvisation in der Grundschule ist überall dort üblich, wo aktiv musiziert wird. Wie der Jazz in die Schule kommt und beides zusammen an der richtigen Stelle bei den Kindern ankommt, das hängt von der Fachexpertise der Lehrpersonen und auch der Jazzmusiker ab, die in die Schule eingeladen werden und auf diese Weise Jazz in die Schule bringen.

nmz: Ihr Vortrag heißt „Improvisation und Jazz für Kinder aus bildungspolitischer Sicht“. Warum?

Stiller: Das ist zunächst ein Arbeitstitel. Dieser Vortrag soll ein Kurzimpuls werden und ist etwas, das sich sehr stark auf die aktuelle Bildungssituation in Bremen bezieht. Im Rahmen des so genannten Wissenschaftskonsortiums wird in Bremen an einem komplett neuen Bildungsplan für die allgemeinbildenden Schulen geschrieben. Ich vertrete den Bereich der Ästhetischen Bildung – Musik, Visuelle Künste und Darstellendes Spiel. Da kommt über die Rolle der Improvisation unter Umständen auch der Jazz ins Spiel. So schließt sich die Brücke zur Fachmesse Jazzahead und zur Aktualität in diesem Jahr.

nmz: Um was geht es in diesem neuen Bildungsplan für die Grundschule?

Stiller: Für das gesamte Bundesland Bremen wird ein neuer Bildungsplan von 0 Jahren bis zum Ende der Schulzeit entstehen. Die bisherigen Rahmenpläne für die Kitas sowie die Lehrpläne für die Schulen werden durch diese Bildungspläne abgelöst, um die Übergänge, die bildungspolitisch überall  stark in den Blick genommen werden und die mitunter auch Sollbruchstellen sind, entsprechend durchlässig gestalten zu können: Sie reichen vom Eintritt in eine Institution, der Krippe von 1–3 Jahren, der Kita ab 3 Jahren, dem Übergang in die Grundschule bis in die weiterführenden Schulen.

Die Zuständigkeit unseres Konsortiums ist momentan für das Alter 0 bis 10. Die anderen Altersstufen folgen in den nächsten Jahren. Die Reform hängt stark damit zusammen, dass Bremen die frühe Bildung von der Sozialbehörde in die Bildungsbehörde – jetzt Behörde für Kinder und Bildung – integriert hat. Damit ist der Weg frei, die frühe Bildung in den Blick zu nehmen, auch den akademischen Blick darauf zu werfen. Dahinter steht die große Idee: Kinder möglichst früh an Bildungskonzepte heranzuführen und eine Durchlässigkeit bei den Fachkräften zu schaffen.

nmz: Worin liegt das Innovative dieses Bildungsplans im Detail?

Stiller: Neu ist unter anderem, dass der Bereich Ästhetische Bildung ausgedehnt wird, indem Darstellendes Spiel eine eigene Disziplinarität erfährt. Und dass nicht nur für die Schulen, sondern auch für die Kitas grundsätzlich fachlich gedacht wird: in Musik, Visuelle Künste und Darstellendes Spiel.

nmz: Welche Rolle spielen Improvisation und im Sonderfall Jazzmusik in diesem Plan?

Stiller: Dieser Bildungsplan ist für alle drei Fachgebiete ein übergeordneter. Improvisation spielt eine große Rolle in der gesamten Aktivierungskette. Das Explorative, das Experimentieren, Ordnen, Sammeln und Gestalten ist für alle drei Bereiche als übergeordnetes Kriterium von Bedeutung. Es wird über den eigentlichen Bildungsplan hinaus Praxisbeispiele geben. Da spielen dann Hörbeispiele und Literaturempfehlungen etc. konkret eine Rolle.

nmz: Worin liegen die Stärken des Jazz, was die musikalische Grundausbildung in Bereichen der Musikvermittlung angeht?

Stiller: In der Musikvermittlung wird viel mit freier Improvisation gearbeitet. Man denke etwa an die Response-Projekte, die Gruppenkompositionsprozesse als Methode der Konzertpädagogik verwenden. Der stilistischen Vielfalt sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die Frage ist: Ab wann ist es wirklich Jazz? Wird dieser durch das harmonische Gerüst definiert, durch Melodie oder durch den Rhythmus und ab wann behaupten die Jazzmusiker, dass die Kinder im Jazzmodus improvisieren? Im Übrigen ist „Hochleistungsimprovisation“ genauso eine Technik, die über Jahre geübt werden muss wie andere musikalische Idiome. Die spontane Improvisation der Kinder aus ihrer Spielfreude heraus in etwas zu überführen, was von den Kindern als Jazzidiom empfunden wird, das ist eine hohe Kunst. Da anzusetzen, das in die Schulen zu tragen, das hätte schon etwas.

nmz: Von Seiten der Messe sieht man Kinder als das Publikum der Zukunft. Das ist sicher legitim. Aber was hat das Publikum der Zukunft von Jazz und Improvisation?

Stiller: Immer wenn es sich um etwas handelt, was sehr lebensweltlich für dieWelt von heute und morgen von den Kindern wahrgenommen wird, dann bekommt es eine hohe Bedeutung. Das sehe ich bei Jazzkompositionen genauso wie bei anderen Musikstilen.

Hier stellen sich einige Fragen: Hat es eine Anbindung an die Hörgewohnheiten der Kinder? Um welche Art von Jazz handelt es sich? Wie vielgestaltig ist diese Art der jazzspezifischen Improvisation? Welche Instrumentation? Welche Musiker? Was sind das für Charaktere, was für Typen? Der traditionelle Jazz ist ja für Kinder ebenso von gestern und genauso historisch wie klassische oder Alte Musik und in der Wahrnehmung ist Jazz genauso komplex wie andere Musik auch. Seine hohe Anbindung, auch an andere Stilrichtungen, bietet ein großes künstlerisch-pädagogisches Potenzial.

nmz: 2019 präsentierte die Messe erstmals drei Showcases speziell für Kinder. Was halten Sie als Musikvermittlerin von Showcases für Musikvermittlungsformate? Geht das?

Stiller: Wenn das im Jazz-Messe-Business üblich ist, dann können die User, also die Kinder, ebenfalls davon profitieren. Ob das klar definierte Format allerdings für alle Angebote für das junge Publikum optimal und kindgerecht ist, wenn alle unter Wettbewerbsbedingungen gleich lang und unter vergleichbaren Voraussetzungen spielen müssen, wie bei Showcase-Formaten üblich, darüber kann man diskutieren. Jazz für Kinder braucht eine besondere Atmosphäre, etwa wenn man auf die Kinder im Publikum eingehen will, sie als Akteure einbindet. Ich versuche, das positiv zu sehen: Die Professionalität der Jazzvermittlung für Kinder soll profitieren von dem Showcase Format, bei dem die besten Musiker präsentiert, wahrgenommen und gebucht werden.

nmz: Ist Musikvermittlung als ‚Jazz für Kinder‘ eine berufliche Perspektive für Jazzer?

Stiller: Eine Professionalisierung in Bereichen der Musikvermittlung bietet allen professionellen Musikerinnen und Musikern berufliche Perspektiven. Alle, die in Bremen an der Hochschule für Künste Jazz studieren, müssen pflichtgemäß bereits im Bachelor-Studium das Fach ‚Didaktische Grundlagen der Musikvermittlung und Konzertpädagogik‘ belegen und ein eigenes Projekt der Musikvermittlung als Prüfungsleistung durchführen und dokumentieren. Grundsätzlich eröffnet darüber hinaus sicher auch ein Musikvermittlungsstudium als aufbauendes oder weiterbildendes Masterstudium Jazzmusikern insbesondere in Bereichen der transdisziplinären Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Musik- und Kunstsparten ein breites Feld an Perspektiven.

Interview: Andreas Kolb

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