Improvisieren als kompositorisches Handwerkszeug

Einheit in der Vielfalt: Über den Organisten, Chorleiter, Komponisten und Jazzmusiker David Timm


(nmz) -

„Vieles passiert beim Üben. Ich verlasse den Notentext und spiele weiter. Ich sehe mich in erster Linie nicht als Komponist, sondern als jemand, der eine Improvisationsidee hat, die sich im besten Falle zu etwas Sinnvollem verdichtet. Dann wird sie notiert.” „Spielarbeit” nennt David Timm seine Arbeitsweise beim Komponieren. Er improvisiert als Organist in der Tradition der Kirchenmusik und in den moderneren Formen des Jazz. Als Konzertpianist beherrscht er nicht nur das klassisch-romantische Repertoire, sondern zählt auch Jazzpianisten wie Oscar Peterson, Chick Corea oder Bill Evans zu seinen Vorbildern.

Ein Artikel von Andreas Kolb

David Timms Terminkalender ist übervoll: Proben, Konzerte, Aufnahmetermine. Trotz Zeitdruck vermittelt er einem während unseres Interviews das Gefühl, dass es für ihn an diesem Tag nichts Wichtigeres gäbe, als unser Zwanzig-Minuten-Gespräch. Doch kaum ist diese Zeit um, springt er auf. In einer Viertelstunde wird er das Klavierkonzert von Robert Schumann mit dem Concert- Orchester Leipzig proben.

Unser zwischen diese Verpflichtungen eingeschobenes Gespräch ist aber J.S. Bach und der LeipzigBigband gewidmet. Die letzte Stunde war Gelegenheit, David Timm und die LeipzigBigband bei Aufnahmen im MDR Studio am Augustusplatz zu hören. Timm dirigerte und spielte Klavier. Das Programm - Bach-Adaptionen arrangiert und komponiert von Timm - ist unkonventionell: „Drei Stücke sind mit der d-Moll-Toccata BWV 565 verbunden, einmal als Swing, einmal als Samba und einmal als Groove. Aus dem Wohltemperierten Clavier spielte die Band einen Mix aus Motiven von Präludium und Fuge c-Moll, dann eine Bearbeitung zu dem Präludium E-Dur aus dem ersten Teil und zu dem Präludium cis-Moll alle aus dem ersten Teil des WK.” Bereits beim ersten Abhören der Bänder im Regieraum ging eine Bearbeitung der Motette “Komm, Jesu, komm” unter die Haut, die die Leipzig Big Band zusammen mit dem Leipziger Vocalensemble einspielte.

Timm empfand es immer als Defizit, dass bei den unterschiedlichen Versuchen, Jazz und Bach zusammenzubringen, oft nur das betreffende Stück des Thomaskantors in einem anderen Rhythmus, mit einer anderen Instrumental- oder Chorbesetzung durchgespielt wurde. „Warum macht man nicht einfach das, was viele Jazzmusiker auch getan haben: mit ihren Mitteln über die Themen improvisieren. Das Improvisieren kann dabei auch auf Motiven, Formeln von Bach basieren. Wenn ich die Folge a-g-a der d-Moll-Toccata am Anfang eines Themas bringe, kann ich sie wunderbar auch im Solo verwenden. Oder auch in den auskomponierten Bigbandteilen.”

Timms Arbeitsweise ist nicht nur beim Komponieren geprägt von Einfall und Spontaneität: Das Jazzarrangement “Komm Jesu komm” war ursprünglich für das Männerquintett Amarcord geschrieben. Inzwischen hatte er die Jazz-Mottete auch für das Leipziger Vocalensemble, das Timm in Nachfolge des Thomaskantors Georg Christoph Biller seit dreieinhalb Jahren leitet, arrangiert. “Weil die sowieso geplanten Probentermine des Chores mit Aufnahmeterminen der Big Band gepasst haben, und weil die Bigband auch dieses Stück wollte”, nahm Timm das Vokalstück samt Chor kurzerhand mit ins Aufnahmestudio. Auch wenn er damit Produzent und Aufnahmecrew vor unerwartete technische Probleme stellte: Das Ergebnis rechtfertigte die spontane Entscheidung.

Typisch für Timm: “Ich bin jemand bin, der unter Termindruck ein Stück besser fertig bekommt, als wenn es länger liegt. Gestern nacht schrieb ich etwas für die Leipzig Big Band, eine Mischung aus Ragtime und Charleston. Vor einer Stunde haben wir es bereits aufgenommen.” David Timm ist gleichzeitig Kirchenmusiker, Dirigent und Chorleiter, Dozent für Orgel und Improvisation an der Leipziger Musikhochschule, Konzertpianist, Jazzer und dazu noch sein eigener Manager. Für ihn liegt die künstlerische und persönliche Einheit fraglos in der Vielfalt. Mit Oberflächlichkeit hat diese Vielseitigkeit aber nichts zu tun: mit ihr sieht sich Timm in bester barocker Tradition. Damals war es selbstverständlich – und das nicht nur bei großen Namen wie J.S. Bach – dass ein Kirchenmusiker in der Lage sein musste, eine Motette oder Kantate zu komponieren, ein anderes Instrument neben Orgel und Cembalo zu spielen und darauf auch zu fantasieren. Die Spezialisierung, die wir heute aus dem Symphonieorchester kennen oder die aufgrund des Qualitätsdrucks bei CD-Aufnahmen entstanden ist, hat für ihn keinen Reiz.

„Ich bin sehr gerne Kirchenmusiker – freischaffend übrigens. Diesen Beruf kann man nicht nur dann ausüben, wenn man bei der Kirche angestellt ist. Ich beschäftige mich sehr viel mit Bach. Durch die Zeit im Thomanerchor habe ich die meisten wichtigen Vokalwerke in mehreren Stimmen mitgesungen. Das ist ein Glücksfall, aus diesem Fundus schöpfen zu können. Mein Vater ist Organist, und somit habe ich schon als Kind viele Orgelwerke kennengelernt, umgeblättert oder Register gezogen. Das sind meine Wurzeln.”

Während seines Studiums an der Hochschule für Musik in Leipzig und am Salzburger Mozarteum gewann Timm den 1. Preis beim Weimarer Klavierimprovisationswettbewerb. Weitere 1. Preise beim Johann-Sebastian-Bach-Orgelimprovisationswettbewerb in Weimar und beim V. Internationalen Orgelimprovisationswettbewerb in Schwäbisch Gmünd schlossen sich an.

Seit 1991 spielt Timm mit dem Saxophonisten Reiko Brockelt im “Jazzduo Timm/Brockelt” zusammen. Nach diversen gemeinsam Duoprogrammen folgte 1998 ein neues, primär auf Improvisation beruhendes Konzept. Dieses Projekt „inner circle“ brachte ihnen einhelliges Jury-Interesse (in der Juri Aki Takase, Bert Noglik und Günter „Baby“ Sommer) und den Leipziger Jazznachwuchspreis 1998 ein.

Der Jazzer und der Kirchenmusiker ergänzen sich in der Person von David Timmer auf besonders glückliche und einmalige Weise. Seine Bach-Bearbeitungen für Orgel, a-capella oder begleiteten Chor spielt er mit einer gewissen Regelmäßigkeit. „Das wird durchaus honoriert vom Publikum. Zusammen mit Reiko Brockelt gebe ich auch Konzerte mit Orgel und Saxophon, oft mit Bearbeitungen kirchenmusikalischer Werke.”

Timm sieht in seiner jazzigen Variante des Kirchenkonzerts keinen Widerspruch. Und er zitiert den Komponisten Heinz Werner Zimmermann, der sehr viel in dieser Richtung vorgearbeitet hat: „Jazz ist die Musik, die noch zu jauchzen versteht.“

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