In bester Erinnerung

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Momente historischer Bedeutung bleiben langfristig im Gedächtnis. So der Satz „I have a dream“ von Dr. Martin Luther King als Signal bei seinem Kampf in den USA um die politische Gleichstellung und soziale Integration der Afro-Amerikaner sowie gegen den Vietnamkrieg. Sechs Monate nach seiner Ermordung 1968 hatten seine Worte einen besonderen Nachhall, nämlich durch ein High School-Konzert des Jazz-Revolutionärs Thelonious Monk in „Palo Alto“, so auch der Albumtitel.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Organisiert vom umtriebigen und couragierten Gymnasiasten Danny Scher als Geste des Respekts vor der Bürgerrechtsbewegung. Warum diese Live-Aufnahme so lange verborgen war, ist wieder einmal unerklärlich, denn die Band war damals sensationell gut. Zum einen erhöht Thelonious Monk die Spannungsvolt erheblich, indem er bei „Baby, My Dear“ die metrischen Akzente so verschiebt, dass sie einen schrägen und doch komplementären Kontrapunkt zum swingenden Solo von Tenorist Chris Rouse markieren. Zum anderen füllt er das harmonische Gerüst von „Well, You Needn’t“ mit harschen Clustern, während Larry Gales mit seinem Bass con arco Turboschub gibt. Und Schlagzeuger Ben Riley überrascht damit, dass er „Blue Monk“ simultan zum binären Beat die Hi-Hat im doppelten Tempo spielt. Das Repertoire sagt nichts direkt über den Kontext, doch die Vehemenz und die kreative Energie dieses Konzerts hatte, wie Danny Scher nun berichtet, doch einen intergrativen Effekt – Zuhörer kamen aus allen ethnischen und kulturellen Schichten. (Impulse!)

Dem Ruch elitärer Absonderung wollten Art Blakey & The Jazz Messengers schon zuvor entkommen. Ihr Konzept sollte scheinbar intellektuell übertriebenen Bebop-Ballast entschlacken und stattdessen per Hardbop und dichter Gig-Frequenz direkten Kontakt zum geneigten Publikum jeglicher Couleur anstreben. Zudem boten die Jazz Messengers eine Umgebung zum Schliff professionellen Profils, sodass Personalwechsel relativ häufig waren. Eine Interimsbesetzung war 1959 bei der bisher nicht publizierten Studiosession „Just Coolin“ präsent: temporär sprang an der Tenorsaxposition für Benny Golson und dessen Nachfolger Wayne Shorter für diese Session Messenger-Gründungsmitglied Hank Mobley ein. Der chromatische Vamp seines Titelsongs öffnet Korridore für eigene Improvisationen und ein binnenlogisch fabelhaftes Solo von Trompeter Lee Morgan, überhaupt hier in herausragender Form. Wie auch Pianist Bobby Timmons seinen verblüffenden „Quick Trick“ erstmals vorstellt und Art Blakey beim „Jimerick“ polyrhythmische Virtuosität zeigt. (Blue Note)

Ein ähnlicher Mentor wie Letztgenannter war Flötist Herbie Mann, in dessen Band Dave Pike erste Meriten erwarb. Von 1968 bis 1973 lebte der Vibraphonist in (West-)Deutschland und etablierte das Dave Pike Set mit internationalem Erfolg, zwischen „Noisy Silence – Gentle Noise“ navigierend. Der Kurs war stets auf elegante Capricen der Fusion aus Jazz & Rock gerichtet. Mit dabei waren Bassist J. A. Rettenbacher, Schlagzeuger Peter Baumeister und Gitarrist Volker Kriegel, der in erheblichem Maß fürs Bandbuch verantwortlich zeichnete. Auch im wörtlichen Sinn, denn er war Cartoonist und Humorist, ein Talent, das dezent im Titelsong oder im „Teaming Up“ durchs Arrangement hörbar wird – freie Elemente und Rock-Riffs kombinierend. Auf diesem Gebiet hat das Dave Pike Set Pioniergeist und Enthusiasmus vermittelt, beides repräsentativ auf diesem nun wieder veröffentlichten Debüt-Album prima remas­tered. – Aktuell ist der von Dr. Martin Luther King zitierte Traum immer noch unerfüllt, ja gefährdet. Doch noch nicht beerdigt, so lange es eine humanistisch geprägte Jazzkultur in bester Erinnerung gibt. (MPS

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