In den Hauptrollen Saal und Elektronik

Vom Klang der Kulturbauten – über die Expertise des Bauakustikunternehmens Müller BBM


(nmz) -
Deutschlands Opernhauslandschaft ist derzeit eine große Baustelle. Unser Autor Guido Krawinkel beschreibt dies in seinem Artikel auf den Seiten 15 und 16 anschaulich. Über den Komplex „Theater und Architektur“ wird dabei viel gesprochen, die Theaterakustik ist dagegen nach wie vor das Stiefkind. Die Gründe dafür sind vielfältig und rühren weniger aus der Gegenwart, als aus der Geschichte der Musik.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Musik Beethovens, Schuberts, Salieris, Haydns oder Mozarts überwiegend in den Palais der Wiener Aristokratie aufgeführt. Im Vergleich zu heute erklangen die Werke daher in Lautstärke, Klangfarbe, Nuancierung anders und wirkten damit auf den Zuhörer völlig verschieden von dem, was wir heute kennen. Die Geburtsstunde der modernen Raumakustik liegt dagegen in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Vater war die Physik und die Mutter der Rundfunk. Damals begann man die bereits theoretisch weit entwickelte Akus­tik praktisch anzuwenden, als man in den ersten Räumen Aufnahmen machte und feststellte: Das geht gar nicht so leicht, da spielt noch jemand anderer mit als nur die Musiker, das Mikrofon und das Aufnahmegerät: der Saal nämlich.

Was die Gattung Oper angeht, ist die Guckkastenbühne bis heute ein ideales Modell geblieben, das die Richtcharakteristik der Stimmen und vieler Instrumente berücksichtigt. Beim höfischen Theater waren die wenigen Musiker oft noch auf gleicher Ebene wie die Sänger. Je größer die Häuser und somit der Zuschauerbereich wurde, desto größer wurde auch das Orchester. Dies wurde dann tiefergelegt, in den Orchestergraben, damit es die Sänger klanglich nicht übertönt. Dann kam Wagner und sein Festspielhaus in Bayreuth: Ein riesiges Orchester und zwei Deckel darauf für die romantische Klangmixtur und die Balance zu den Sängern auf der Bühne.

Eigentlich hat sich aber nicht das musikalische Klangideal verschoben, sondern die Wertschätzung von Musik und Sprache. Früher war in der Oper Textverständlichkeit absolut notwendig. Heute gehen viele Opernfreunde in Aufführungen, die sie vom Inhalt her kennen, also können sie viel mehr auf den musikalischen Ausdruck achten. Es steht viel mehr das „Umhüllt-Sein mit Stimmen und Instrumenten“ im Vordergrund.

Die MÜLLER-BBM GmbH in Planegg bei München führt im Bereich Raum- und Bauakustik weltweit Projekte aus zur Renovierung und Neuausstattung von Konzertsälen, Opernhäusern, Theatern und Schauspielhäusern, Freilichtbühnen, Sakralbauten und vielen anderen – auch temporären – Spielstätten. Die Anfänge des Unternehmens MÜLLER-BBM liegen in der Zeit nach Kriegsende: 1945 waren nahezu alle großen Opernhäuser und Konzertsäle in Deutschland zerstört. MÜLLER-BBM ist wesentlich mit dem Wiederaufbau der Kulturbauten in den Nachkriegsjahren entstanden. Ein wichtiger Meilenstein für das Unternehmen war zum Beispiel der Auftrag für den Wiederaufbau des Nationaltheaters München. In den Folgejahren wurden viele weitere Kulturbauten in Deutschland und später auch im internationalen Bereich von Müller BBM akustisch betreut: etwa das Sydney Opera House, der Wiederaufbau von La Fenice, das Haus für Mozart und die Felsenreitschule in Salzburg, die Opéra Bastille oder das Bolschoi Theater.

Wie diese Aufträge an Müller BBM zustande kommen, erzählt der Senior Consultant des Unternehmens, Karlheinz Müller: „Viele kleine und mittelgroße Aufträge bekommen wir über Empfehlungen, wie etwa die umsichtige und stetige Renovierung der Scala in Mailand. Auch durch spontane telefonische Anfrage bei einzelnen akustischen Problemen entstehen manchmal größere Aufträge. Für Neubauten und große Renovierungen gibt es jedoch meist internationale Ausschreibungen, auf die man sich bewerben muss. Eigene Referenzen und die Kompetenz der Mitarbeiter müssen klar dargelegt und komplette Honorarangebote ausgearbeitet werden. Wenn alles passt, wie vor kurzem bei der Royal Swedish Opera Stockholm, wird man ausgewählt und bekommt den Zuschlag. Im Auftragsvolumen Bauphysik, Bereich Raumakustik, sind etwa 20 Prozent des Umfangs Opernhäuser, ein messbarer und wichtiger Anteil.“

Gefragt, wer denn bestimmt, was gut klingt, antwortet Müller folgendermaßen: „Das ‚Gut-Klingen‘ wird in idealer Weise durch eine Zusammenarbeit zwischen dem Akustikteam, dem örtlichen Orchester, den Sängern, dem Dirigenten und den Verantwortlichen des jeweiligen Hauses definiert. Oft unterstützen dabei Vergleiche: Soll es mehr klingen wie Bayreuth oder wie Wien oder das Cuvilliéstheater in München? Aus dieser Diskussion kann man dann den akustischen Wertekanon aufstellen, der so nüchterne, aber wichtige Kriterien wie die Nachhallzeiten, das Klarheitsmaß, den Direktschallanteil und das Stärkemaß beinhaltet, die dann in ein Leistungsverzeichnis einfließen können. Anders gesagt: Die Musiker und die Bauherren geben die Melodie vor und wir müssen dann die Noten für die Partitur des Bauwerks schreiben.“ Aus seiner Erfahrung sieht Karlheinz Müller zwei Typen von Opernhäusern mit Zukunft: Das Prinzip der Guckkastenbühne wird weiter bleiben und man wird sie auch weiter brauchen und lieben. Der zweite Typus ist für ihn als Akustiker fast interessanter: Die leere, große Halle, die den idealen „Salle Modulable“ darstellt. Müller nennt ein Beispiel: „Wir haben alle Spielstätten der Ruhrtriennale als große, freie Hallen geplant. Dass dabei viel Elektroakustik zum Einsatz kommt, gehört zu den künstlerischen Konzepten. Das Raumakustiksystem muss dann zusammen mit den Musikern, Sängern, Dirigenten und Regisseuren vorab präzise auf die Szenen abgestimmt werden.“

Obwohl die Zuhörer das oft gar nicht bewusst wahrnehmen, ist auch in vielen traditionellen Opernhäusern Elektroakustik im Einsatz. Dies hatte ursprünglich folgenden Grund: Bei modernen, raumgreifenden Inszenierungen ist das gegenseitige Hören von Sängern und Orchester nicht mehr adäquat gegeben. Mit den modernen Inszenierungen begann also auch der Einzug der Elektroakustik in die Oper.

Heute installieren hochspezialisierte Unternehmen wie Müller BBM im Bühnenbereich Lautsprecher und im Saalbereich Mikrofone zur präziseren Abstimmung des Zusammenspiels. Und alle großen Häuser haben inzwischen mehrere Tonmeister und Toningenieure angestellt: Jede Vorstellung muss intensiv betreut werden, das geht vom Einspielen von Effekten, wie Donner oder Glocken, bis zur Betreuung des elektroakustischen Systems. Ein Mitglied der Tonabteilung gehört heute zu jedem Leading-Team einer Produktion.

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