… in die elysischen Felder

Uraufführungen 2013/11


(nmz) -
Vorstellungen vom Paradies auf Erden sind – so schön sie sein mögen – kaum mehr als Fiktion – und sie sind ihrem Wesen nach apokalyptisch. Denn mit der Glückseligkeit aller käme die Geschichte zum Stillstand, weil nur der seine Umwelt als unzulänglich erfahrende Mensch als leidendes Subjekt die eigene Verantwortung und Möglichkeit zur Veränderung begreift, um die schlechten Zustände zum Besseren zu wenden. Das klingt abstrakt-philosophisch, ist letztlich aber wohl Kern allen menschlichen Handelns. Genauso ist Musik – folgt man dem Utopisten Ernst Bloch – ein „Ruf ins Entbehrte“. Seit der antike Naturgott Pan anstelle der begehrten Nymphe Syrinx nur trockenes Schilfrohr zu fassen bekam, aus dem er sich zu Klage und Trost die erste Flöte schnitt, eignet aller Kunst – und so auch der Musik – etwas von dem utopischen Versprechen, alles könnte auch ganz anders sein.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

An älteste Formen zweckgebundener Musik in Ekstasen, Riten und Kulten, die stets auf die sowohl spirituelle als auch leibliche Transformation der Teilnehmer zielten, knüpft das neue Orchesterwerk „Mysteriën“ von Louis Andriessen an, das am 3. November vom Koninklijk Concertgebouworkest unter Leitung von Mariss Jansons im Amsterdamer Concertgebouw uraufgeführt wird.

Antike Jenseits- und Paradiesvorstellungen beschwört hingegen Detlev Glanert in seinem Klavierquartett „Elysion“, das am 15. November im Pavillon des Skulpturenparks Waldfrieden der Stiftung des Künstlers Tony Cragg uraufgeführt wird, der an die elysischen Felder der alten Griechen und Römer wohl nicht herankommt, aber für irdische Verhältnisse zumindest als wunderbar bunt gefärbte Herbst-Idylle erscheint. Auf Überschreitung zielt auch – obgleich ins sinnenfeindliche Büßergewand des Christentums gekleidet – das am selben Tag in der Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen uraufgeführte „Askese. Salvatores Dei“ für Chor und Orchester von Minas Borboudakis. In rätselhafte Regionen wagt sich ebenfalls am 15. November auch Beat Furrers „Enigma VI“ für Chor a cappella, dessen Premiere in der Grazer Minoritenkirche die Aufführungen von „Enigma I-IV“ umrahmen.

Die Utopie der zauberhaften Veränderung in einem Nu, von etwas in etwas ganz Anderes, trägt der Orchesterzyklus „Verwandlung“ von Wolfgang Rihm bereits in seinem ebenso eucharistischen wie theaterpraktischen Titel. Das nunmehr fünfte Werk dieser Serie bringt am 20. November das Cleveland Orchestra unter Leitung von Franz Welser-Möst im Musikverein Wien zur Uraufführung. Und am 29. November spielt beim Festival „piano +“ im ZKM Karlsruhe das „Duo HARPERC“ der Harfenistin Virginie Tarrête und des Perkussionisten László Hudacsek erstmals das Stück „Hímeros“ von Nicolaus A. Huber, das unter Berufung auf die gleichnamige Gestalt der griechischen Mythologie einem der stärksten Antriebskräfte des Menschen huldigt: dem Liebesverlangen.

Erstmals bei Homer erwähnt, erscheint „Ἵμερος“ in Hesiods Überlieferung als eine Personifikation der liebenden Sehnsucht, die gemeinsam mit Eros die schaumgeborene Aphrodite zum Olymp begleitet. Dort hat seitdem Hímeros seinen Wohnsitz in Nachbarschaft mit den Musen, von wo aus er – wie die schönen Künste – die Menschen auf der Erde entflammt, um sie wahlweise zu beseelen, zu befeuern, zu versengen oder zu läutern.

Weitere Uraufführungen:

2.11.: Martin Kapeller, Norbert Sterk, Neue Ensemblewerke, Wien Modern Alte Schmiede
07.-16.11.: Verschiedene Uraufführungen bei den Weltmusiktagen der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Bratislava und Wien
08.11.: Gérard Pesson, Neues Streichquartett, musica viva Muffathalle München
10.11.: Ole Hübner, Neele Hülcker, neue Stücke, Klangwerkstatt Berlin
15.11.: York Höller, neues Cellokonzert, Rolf-Liebermann-Studio Hamburg, und Gerald Barry, neues Klavierkonzert, musica viva Herkulessaal
21.-24.11.: Neue Werke von Beat Furrer, Arnulf Herrmann, Vito Žuraj, Sean Friar, Markus Hechtle und Hanspeter Kyburz, „cresc …“ Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main

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