In großer Zeit


(nmz) -

„Hollodriohdrioh, Jetzt bin ich an der Front, Hollodriohdrioh, Dös bin i schon gewohnt!“ lässt Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ den als Kriegsberichterstatter tätigen bayerischen Dichter Ganghofer jodeln, bevor – tatü-tata – der Deutsche Kaiser im Auto mit Gefolge herbeirauscht und es zur historischen Begegnung der zwei Großen hinter der Front kommt.

Ein Artikel von Max Nyffeler

„Hollodriohdrioh, Jetzt bin ich an der Front, Hollodriohdrioh, Dös bin i schon gewohnt!“ lässt Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ den als Kriegsberichterstatter tätigen bayerischen Dichter Ganghofer jodeln, bevor – tatü-tata – der Deutsche Kaiser im Auto mit Gefolge herbeirauscht und es zur historischen Begegnung der zwei Großen hinter der Front kommt.Auf die Frage des um seinen Lieblingsdichter besorgten Kaisers, ob er denn schon Mittagbrot gegessen habe, antwortet Ganghofer: „Nein, Majestät, wer würde denn in so großer Zeit an so etwas denken?“ Dieweil stopft ihm der Flügeladjudant die Taschen voll mit Feldzwieback.

Auch jetzt herrschen wieder einmal große Zeiten. Seit bald drei Monaten sind wir nun alle Amerikaner. Wir essen unsere Zwiebackburger von McDonald’s mit neuer Inbrunst, warten begierig auf die vielen patriotischen Abenteuerfilme, in denen dank dem neuen Bündnis zwischen Hollywood und Pentagon der Kampf gegen das Böse zu ungeahnten Heldentaten aufschäumen wird, und sind zuversichtlich, dass in der weltoffenen Stadt Hamburg der Richter Schill bald den fälligen Schritt tut und die bei unseren Freunden so beliebte Todesstrafe auch bei uns einführt. Und nicht zu vergessen Bill Gates: Wir heißen ihn willkommen als einen der Unseren, er lehre uns, wie wir unser Denken per Mausklick in nützliche Bahnen lenken. Womit wir beim unerschöpflichen Thema Computer wären. Vor dem Sakrileg in so großer Zeit an so mindere Dinge zu denken, beschützt uns nur die Tatsache, dass wir uns bei diesem Thema stets ganz nah an der Microsoft-Welt und damit auf gesichertem Denkterrain bewegen. Heute geht es um die große Freiheit des Designs, das uns die vielen schönen Programme von Gates, friends and partners ermöglichen.

Seit der alte gemütliche Bleisatz ausgestorben und der Computersatz an seine Stelle getreten ist, kennt die gestalterische Fantasie des grafischen Gewerbes kein Halten mehr. Programme wie Photoshop oder Quark Express sind inzwischen dank Windows-Kompatibilität weltweit zum Standard avanciert und prägen das grafische Erscheinungsbild der Werbebotschaften und Druckerzeugnisse zwischen Tokyo und Paris, Rom und Rio. Sie bieten so viele Features, dass im User unweigerlich der Spieltrieb entfesselt wird. Was ihm zwar Spaß macht, dem Adressaten der Botschaft, dem armen Konsumenten, aber bisweilen Mühe bereitet, denn manche Botschaft wird damit nicht attraktiver, sondern unübersichtlicher. Vor einigen Jahren gab es Grafiker, die sich einen Jux daraus machten, Texte und Bilder so zu dissoziieren, dass sie mühsam zusammenbuchstabiert werden mussten. Die Oberfläche sollte aufgebrochen, die Wahrnehmungsroutine infrage gestellt werden, wie es vor Jahrzehnten auch einmal die musikalische Avantgarde propagierte.

Seit einiger Zeit läuft der Trend in eine andere Richtung. Anstelle der Dekonstruktion werden von den Designern munter neue Sinnzusammenhänge etabliert, ohne viel nachzudenken, ob das nun zum Ausgangsmaterial und seinen Intentionen passt oder nicht. Eine gewisse Arroganz derer, die an der letzten Stelle des Produktionsprozesses stehen und somit das letzte Wort haben, kann man diesem Verfahren nicht absprechen.

Ein Musterbeispiel sind die neuen Programmhefte der Musica-viva-Konzerte in München, in denen sich die Willkür der selbstherrlichen Gestalter ungehindert austobt. Es beginnt schon damit, dass auf der Titelseite das Datum des jeweiligen Konzerts in so manirierten Ziffern zelebriert wird, dass man meint, es handle sich um koreanische Schriftzeichen. Das mag noch unter dem Motto „Auffallen um jeden Preis“ laufen, das ja in der Werbebranche zu den obersten Grundsätzen gehört. Bei der Gestaltung des Inhalts wird’s dann aber prekär. Als Buntfarbe zur Auszeichnung von Titeln wird etwa ein verblasstes Grün gewählt, das bei schlechtem Licht kaum noch wahrnehmbar ist, wodurch das Prinzip der Hervorhebung ad absurdum geführt wird. Der Lauftext wird in kleiner Schrift und mit extrem weitem Zeilendurchschuss über die Seite ausgebreitet, der Satzspiegel reicht außen bis wenige Millimeter an die Schnittkante heran, so dass man beim Lesen nicht weiß, wo man den Daumen halten soll.

Noch nicht genug der Lesebehinderung. Dem entfesselten Grafiker kommt in den Sinn, alle Absätze, die ja der Gliederung des Gedankenflusses und damit der besseren Lesbarkeit dienen, einfach aufzuheben und den Text als unendliche Geschichte über die Seiten hinweg laufen zu lassen. Und nun kommt zur avantgardistisch auftrumpfenden Tumbheit noch die Unverschämtheit: Als „Ersatz“ für die unterdrückten Absätze werden willkürlich einzelne Wörter und Satzteile unterstrichen oder mit Farbbalken unterlegt und damit hervorgehoben. Das Resultat: Eine Gängelung der Wahrnehmung und Verzerrung der Textinhalte, was umso gravierender ist, als es offenbar weder mit der Redaktion und schon gar nicht mit dem Autor abgesprochen worden ist. Der Leser wird durch grafische Wahrnehmungsbarrieren erst wehrlos gemacht und seiner Orientierung beraubt, um anschließend mit der autoritären Zeichengebung von Verkehrspolizisten durch die unübersichtlich gewordene Textmasse gewunken zu werden. In einer Buchpublikation über die Zukunft der Musikfestivals, die 1999 in der Schweiz erschienen ist, gibt es ähnliche Symptome eines verkrampften Progressismus. Sie werden vom verantwortlichen Grafiker in einer Nachbemerkung begründet: „Die experimentelle Strategie hinterfragt somit stereotype Darstellungsformen, wie jene, dass Hervorhebungen einzig autorintendierte Extrakte darstellen.“ Die grafisch traktierten Texte sollten „das Weiterdenken motivieren“ und „kreative Prozesse initiieren“.

Die gestelzte Erklärung verhüllt nur schlecht die Geringschätzung von autonomen Denkprozessen. An deren Stelle setzt sie das Zappingprinzip des Fernsehens und des Mausklicks.

Der Siegeszug des Hypertexts hat viele, die ihm vor einem Jahrzehnt noch begeistert gefolgt sind, zu mentalen Opfern gemacht, die nicht mehr in der Lage sind, einen Gedankengang stringent zu Ende zu denken. Ganghofer war da resistenter. Obwohl er am Schluss den Mund mit Zwieback vollgestopft hat, kann er nach der Mitteilung des Kaisers, die österreichischen Truppen würden eine Wagenladung bayerisches Bier erhalten, immerhin noch die sehr aktuellen Worte brabbeln: „Ein neues Stahlband des Zusammenhaltens!“

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