In jede Probe eine neue Idee einbringen

Erfahrungen aus drei Jahrzehnten Kirchenmusikpraxis: ein Gespräch mit Willibald Bezler


(nmz) -
Ein Artikel von Willibald Bezler & nmz

Seit 1966 ist Willibald Bezler Kantor an der Basilika St. Vitus in Ellwangen. Seit 1996 leitet der Organist und Komponist, der inzwischen das Amt eines Kirchenmusikdirektors innerhalb der Diözese Rottenburg bekleidet, die Abteilung Katholische Kirchenmusik der Musikhochschule Stuttgart. Neben seinen zahlreichen Verpflichtungen als Kantor und Professor steht für den vielseitigen Kirchenmusiker das Improvisieren auf der Orgel im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit. Mit KMD Willibald Bezler sprach nmz-Redakteur Andreas Kolb über das Thema des vorliegenden Dossiers, „Musik für die Kirche – Musik in der Kirche“.
neue musikzeitung: Seit 33 Jahren sind Sie als Kirchenmusiker in Ellwangen an der St. Vitus-Basilika tätig. Was waren die einschneidendsten Veränderungen in der Gemeinde, natürlich vor allem die Kirchenmusik betreffend?

Willibald Bezler: Durch die Publikation des neuen katholischen Gesangbuches, dem sogenannten Gotteslob, im Jahr 1975 entstanden völlig neue Perspektiven bezüglich der Integration der Gemeinde in den Gottesdienst. Die musikalischen Formen wurden vielseitiger, die Arbeit für den Kirchenmusiker wurde allerdings nicht einfacher. Man brauchte Kantoren, man brauchte Vorsänger, man brauchte Chorgruppen, die Möglichkeiten der instrumentalen Bereicherung waren und sind gegeben. Das alles brachte mehr Arbeit mit sich und vor allem mehr organisatorischen Aufwand. Doch heute hat jeder Gottesdienst sein individuelles Gepräge, seine Atmosphäre, seine Situation. Auch die Musikstile haben sich gewandelt. In den letzten Jahren war ja das sogenannte Neue geistliche Lied auf dem Vormarsch, auch die Möglichkeiten des chorischen Einsatzes haben sich gewandelt. Alles ist facettenreicher, ist vielseitiger geworden.

nmz: Im Prinzip eine positive Entwicklung, für die sich viele Kirchenmusiker engagiert haben?

Bezler: Eine positive Entwicklung. Der Ehrlichkeit halber muß ich aber sagen, Anspruch und Realität klaffen natürlich oft auseinander. Dafür gibt es ganz verschiedene Ursachen. Das liegt unter anderem daran, daß ja auch unsere Pfarrer nicht mehr die Konzentration für den Gottesdienst aufwenden können wie früher. Auch sie sind heute vielseitiger beschäftigt und in viel mehr Zusammenhänge integriert.

nmz: Kann man sagen, daß sich in der Gemeinde, an ihrer Fähigkeit Musik zu rezipieren oder auch aktiver an Kirchenmusik teilzunehmen, etwas verändert hat?

Bezler: Die Gemeinden merken sehr schnell, ob ein Gottesdienst vorbereitet ist oder nach einer 08-15-Manier abläuft. Die Gemeinden sind sensibler geworden.

nmz: Sicher ist eine der Fragen heute an Kirchenmusiker: „Was kann die Kirchenmusik dazu beitragen, wieder mehr Gläubige oder wenigstens Neugierige in die Kirchen zu kriegen?“

Bezler: Derzeit nimmt der Trend zum Popularen in der Kirchenmusik wieder etwas ab. Man fragt wieder mehr nach mystischen Möglichkeiten, und da bietet sicher die Alte und Neue Musik ganz viel. Nach meinen Erfahrungen kann die Musik allein im Gottesdienst nichts bewirken, sondern die Musik braucht eine Dialogmöglichkeit. Wenn das, was vorne am Altar geschieht, nicht zur Musik paßt, dann paßt auch die Musik nicht. Dann wird Musik in ihrer missionarischen Möglichkeit überhaupt nicht angenommen.

nmz: Sie beschäftigen sich in Ihrer Praxis immer wieder mit dem Gottesdienst als Feier. Wie sieht die Feierkompetenz des Kirchenmusikers aus?

Bezler: Es ist einfach die Frage, wie sieht der Gottesdienstbesucher, der Liturge oder der Kirchenmusiker den Gottesdienst. Für mich kommt nur eine Dreiheit in Frage: ein „Ich-Du-Wir-Verhältnis“, in dem quasi alle drei Partner sind. Daraus ergeben sich immer wieder auch spontane Möglichkeiten, daß beispielsweise der Kirchenmusiker auch mit einem Choreinsatz, vielleicht sogar mit einer Chorimprovisation spontan auf irgend etwas reagieren kann. Es gibt aber sicher auch die Gottesdienstform, bei der alles minutiös geplant ist. Es muß auch den normalen Gottesdienst am Werktag geben, um 8.00 Uhr oder 7.00 Uhr morgens. Hier können einzelne ihre Andachtsform, ihre Atmosphäre finden und für sich allein sein. Die Erwartungshaltung der Gottesdienstbesucher ist ganz einfach sehr verschiedenartig. Da muß ich an ein Zitat denken, aus einem Buch von Umberto Ecco: „Die Kirche befriedigt nicht Erwartungshaltungen, sondern sie feiert Geheimnisse.“ Ich denke, daß dieser Gesichtspunkt unseren Gemeinden, unseren Gottesdienstbesuchern plausibel gemacht werden muß.

nmz: Als Kirchenmusiker ist man ja damit konfrontiert, daß man ein Profi ist, aber gleichzeitig auch mit Laien arbeitet, sprich mit Laien oder der Gemeinde. Wie machen Sie ihre Studenten damit vertraut?

Bezler: Man muß immer wieder auf diese Diskrepanz hinweisen. Es ist selbstverständlich zwischen Profis und Laien immer eine gewisse Spannung da. Aber ich möchte nicht mein Leben lang nur mit Profiensembles arbeiten, so schön es ist, wenn man einmal ein Profiorchester einkaufen kann. Es gibt aber auch umgekehrt hervorragende Amateurchöre, die eine sehr gute Arbeit leisten. Für mich ist es beinahe spannungsvoller, attraktiver und lohnender, regelmäßig mit Amateuren zu arbeiten, die sehr dankbar meine Intentionen annehmen. Selbstverständlich sind da irgendwo Grenzen gesetzt – gerade in der modernen, in der Neuen Musik. Ich habe da allerdings mit meinen Chören und bei meinen Chorproben überhaupt kein Problem. Das was wir unter „normaler“ Literatur verstehen, ist bis zu einem gewissen Grad sehr gut zu machen. Noch ein Nachtrag: Im Ernstfall müßte es so sein, daß ein Chor, der zum Beispiel wegen Krankheit schlecht besetzt ist, trotzdem eine Kirchenmusik stattfinden lassen kann. Ich selber übe mit meinen Chören Kanons ein, und es gibt phantastische Musik für einstimmigen Chor und Orgel.

nmz: Sie sind seit 33 Jahren hier Kantor an der Sankt Vitus Basilika, die zum Bistum Rottenburg gehört. Wie kann man so ein „Lebens“-Verhältnis beschreiben?

Bezler: Unser gesamtes Chorrepertoire hat sich in diesen vielen Jahren total geändert, weil sich die Möglichkeiten innerhalb des Gottesdienstes gewandelt haben, weil eben neue Kompositionen, neue Stilrichtungen hinzugekommen sind. In 30 Jahren gibt es natürlich immer wieder die Möglichkeit, Repertoire zu erneuern, nach neuem Repertoire für diejenigen, die schon lange dabei sind, Ausschau zu halten. Mein Geheimrezept, wenn ich so sagen darf, ist es, in jeder Probe eine neue Idee zu bringen, einen neuen Gedanken, der dann die Probenmitglieder beschäftigt. Sei es ein neues Stück, ein neuer Gedanke zu einem alten Stück. Oder sei es nur, daß ich am Anfang neue Stimmübungen mache und das erwarte ich auch von einem Gottesdienst oder auch einem Liturgen: Es muß frisch sein, es darf nichts Abgestandenes haben. Es muß alles frisch und nach Erneuerung riechen.

nmz: Wie ist es um den Chornachwuchs von Sankt Vitus bestellt?

Bezler: Die Situation deckt sich sicher mit der in anderen Gemeinden. In den letzten Jahrzehnten entstanden viele Kinder- und Jugendchöre. Diese leite ich auch und zwar sehr gerne, das ist mir sehr wichtig. Wo ich ein Defizit feststelle, ist – trotz der Musikschulen, die es in jeder größeren Gemeinde gibt – beim instrumentalen Nachwuchs.

nmz: Sind Sie mit dem Nachwuchs bei den Chören zufrieden?

Bezler: Vom Chorischen her ist es noch befriedigend. Ein Defizit sind, das sagen auch Kolleginnen und Kollegen, die zurückgehenden Männerstimmen.

nmz: Wie ist der Altersdurchschnitt?

Bezler: In meinem Chor ist er relativ jung, aber bei mir sind bereits Kinder im Kinderchor von jüngeren Chor- mitgliedern. Ich habe schon gewisse Strukturen aufgebaut. In einer kleinen Stadt wie Ellwangen ist das gut möglich. Allerdings nimmt die Alterspyramide nach oben immer mehr zu.

nmz: Das Thema Neue Musik und Kirche ist ein weites Feld. Welches Verhältnis zu den zeitgenössischen Komponisten pflegen Sie?

Bezler: Ich bin häufig als Juror bei Wettbewerben für neue Kirchenmusik tätig. Ich kenne diese Spannung, zwischen dem was man erwartet und dem was man bekommt. Bei den Ausschreibungen wird meistens verlangt, daß die eingesandten Kompositionen für die Praxis geeignet sind, das heißt von einem guten Amateurensemble aufgeführt werden können. Und meine Beobachtung ist, daß entweder zu schwere Kompositionen kommen oder sie sind so primitiv, daß sie einfach dem Anspruch nicht genügen. Durch die Möglichkeit, über den Computer heute Musik zu komponieren und eben über Tasten Noten zu schreiben, ist dieses Manko noch größer geworden. Es ist erschreckend, wie niedrig das Niveau ist!

nmz: Was heißt niedriges Niveau?

Bezler: Es stimmt nichts, die Kompositionen haben keine Struktur. Es ist nur vom Griff auf der Klaviertastatur her gedacht, die vokale Stimmführung stimmt nicht. Ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten der Vokalmusik, die man erwarten muß, sind nicht gegeben, und das macht die Sache natürlich frustrierend. Aber es scheint schwierig zu sein, für den Amateurbereich zu komponieren.

nmz: Was tun?

Bezler: Das ist die Generalfrage. Abhilfe könnte sein, daß der Kirchenmusiker im Studium gelernt hat, für seinen Bedarf zu komponieren.

nmz: Ein guter Kirchenmusiker ist demzufolge nicht nur Interpret, sondern auch Komponist.

Bezler: Der Kirchenmusiker früherer Jahrhunderte war immer auch Komponist. Das müßte auch in unserer Ausbildung mehr Gewicht bekommen. Ich fordere schon lange das Fach liturgische Komposition, das es in Deutschland an keiner Hochschule gibt.

nmz: Wo liegt denn der Schwerpunkt der Kirchenmusikausbildung heute? Im instrumentalen Spiel?

Bezler: Kann man so nicht sagen. Ich kenne die Kirchenmusikausbildung hauptsächlich von der Stuttgarter Hoch-schule her. Dort gibt es die künstlerische Ausbildung in verschiedenen Instrumentalfächern, dann eine wissenschaftliche Ausbildung, die parallel läuft, Gregorianik, Liturgik, Musikgeschichte, Kirchenmusikgeschichte. Dazu kommt noch Theorie und Tonsatz. Den Gegenpol zu diesen Fächern bildet – und das ist mein Bestreben – die praktische Ausbildung. Also beide Bereiche dürfen sich nicht bekämpfen, es wird immer wieder artikuliert „hier ist der Künstler, aber der Praktiker fehlt“. Man darf diese beiden Bereiche nicht gegeneinander ausspielen, im Gegenteil, sie müssen sich durchdringen.

nmz: In Regensburg waren kürzlich Tage für Alte und Neue Musik, während des Kirchentages in Stuttgart spielten Konzerte Neuer Musik eine große Rolle. Kirche als Veranstalter, das Kirchengewölbe als Veranstaltungsort gewinnt immer mehr an Bedeutung. Wie sehen Sie solche neuen Aufgaben der Kirche?

Bezler: Nachdem in den nächsten Jahren die Gottesdienstzahlen abnehmen sollen, sind dies legitime Möglichkeiten neben anderen, die Kirchen offenzuhalten. Ein gutes Beispiel ist die Gregorianik: Vor Jahrzehnten hat kein Mensch nach Gregorianik gekräht, heute ist Gregorianik „in“. Die Kirchen werden an den Punkt gelangen, wo sie sagen, wir öffnen unsere Kirchen für neue, musikalische, sagen wir mal konzertante Möglichkeiten. Es wird immer wieder gesagt, daß der Mensch unheilbar religiös sei und somit Bedarf hat an solch mystischen Erfahrungen. Hier wird sich die Kirchenmusik nicht verschließen.

nmz: Wie sieht die Praxis Neuer Musik in Ihrer Kirchengemeinde aus? Führen sie viel Zeitgenössisches auf?

Bezler: Ich will die Möglichkeiten ausloten, die für die Praxis gerade noch möglich sind. Wenn ich neue Werke aufgeführt habe, dann habe ich von Seiten der Gottesdienst- oder Konzertbesucher noch nie gehört, die Musik klinge falsch oder sei nicht schön. Ganz im Gegenteil, wenn die Leute in einen Kirchenraum oder in einen Gottesdienst kommen, sind sie schon motiviert, sie kommen mit einer ganz bestimmten Absicht.

nmz: Sie legen viel Wert auf das Orgelspiel im Gottesdienst.

Bezler: Die Orgelimprovisation ist mein Spezialgebiet. Ich finde, hier kann jeder Musiker spontan mit neuen Stilen, auch mit Personalstilen reagieren. Die Orgelimprovisation wird in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen.

nmz: Wie sehen Sie denn die Zukunft Ihrer Studenten, wo liegen die Aufgaben eines jungen Kirchenmusikers heute?

Bezler: Die Ausbildung eines Kirchenmusikers ist vielseitig, und ein Musiker muß ohnehin ein Leben lang die Antennen ausfahren. Er muß immer auf dem Sprung sein, er muß immer in einer gewissen Erwartungshaltung sein, wo kriege ich Impulse her. Ich denke, daß der Kirchenmusiker vor Ort sehr wohl in andere Bereiche eintreten kann, unter anderem auch wieder verstärkt im Schulbereich, um Nachwuchs zu bekommen.

Wenn Kirchenmusik sich mehr außerhalb der Kirche bewegt, und sie beansprucht da ihr Wesen und demonstriert etwas, dann ist das sicher richtig. Wenn sie sich allerdings außerhalb bewegt, um nur „eine Schau zu machen“, dann bin ich dagegen. Im positiven Sinne denke ich an neue Möglichkeiten der Integration verschiedener Instrumente, die es ja vor 30 Jahren noch nicht gegeben hat. Da waren Orchester sogar noch verpönt. Sie können heute vom Alphorn bis zum Hackbrett alles in den Gottesdienst integrieren – unter Wahrung einer gewissen Dramaturgie des Gottesdienstes.

nmz: Was kann ich als Laie unter der Dramaturgie eines Gottesdienstes verstehen?

Bezler: Sie können jetzt nicht plötzlich hergehen und irgendwo ein Gitarrenlied einbauen in ein festes Programm. Da würde die Dramaturgie nicht länger stimmen, da kippt irgendetwas. Das müßten wir als die Verantwortlichen noch viel stärker verstehen: Wie ist überhaupt eine Dramaturgie innerhalb eines Gottesdienst zu erreichen?

nmz: Muß der Kirchenmusiker der Zukunft nicht über den Gottesdienst, die Liturgie hinausdenken?

Bezler: Da gibt es viele Möglichkeiten der Aktivität wie offenes Singen, Workshops, Werkeinführungen. Oder man bietet den Zuhörern einen Blick durchs Schlüsselloch in eine Komponistenwerkstatt. Man kann Orgelführungen machen oder auch bestimmte Instrumentalensembles einer Stadt, einer Gemeinde zusammenführen. Da gibt es viele Vernetzungsmöglichkeiten. Ich nehme an, daß der Kirchenmusiker in der kommenden Zeit da aktiv sein muß.

nmz: Ein Schlußwort vielleicht?

Bezler: Noch ein paar Worte zum Thema Neues und Neue Musik. Ich lebe sehr gerne in Spannungen, ich mag es sehr gerne, wenn sich Bereiche reiben. Wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie sich durchdringen oder nicht durchdringen. Ich persönlich interessiere mich zum Beispiel sehr für Kompositionen, die noch nicht den allerletzten Reifegrad haben. Der Kirchenmusiker muß immer in einer gewissen Spannung zu irgendwelchen Projekten sein. So verstehe ich auch meine Tätigkeit an der Hochschule Stuttgart: zwischen Grenzbereichen Dinge vermitteln wollen.

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