Infiltration

Cluster von Gordon Kampe


(nmz) -
Ich lag vor der Glotze und verlor mein Bewusstsein, als ich Schattenministerin Schwesig zu hören glaubte: „Wir müssen an der Vereinbarkeit von Familie und neuer Musik arbeiten.“ Das war natürlich ein Traum. Der brachte mich aber darauf, mich als Schattenkomponist mit einem Sechspunkteplan für das Kabinett Steinbrück I zu bewerben: 1. Flächendeckende Einführung mobiler Musiker-Kitas, 2. pro Kind ein Orchesterauftrag in Donaueschingen, 3. Verlegung diverser Stipendienstätten in den eigentlichen Wohnort (zum Beispiel „Villa Castrop“), 4. Wörter wie „Ruhe!“ einerseits und „Duzziduzzi“ andererseits, werden von Markus Lanz als schreckliche Tabus gebrandmarkt, 5. neben dem „ordentlichen Mitglied“ führt die GEMA das „gebärfreudige Mitglied“ als hierarchische Höchststufe ein, 6. Etablierung des Siemensförderpreises für tiefe Augenringe.
Ein Artikel von Gordon Kampe

Da derlei Veränderungen zu Gunsten von Randgruppen nicht realistisch sind, müssen wir unsere gesellschaftliche Relevanz vehement verteidigen. Das geschieht fürderhin nicht mehr durch Vermittlung, sondern durch ein Langzeitprojekt: Infiltration. Ich habe damit begonnen – Kollegen! – folgt mir: In der Kita meiner Tochter herrscht Papiermangel. Regelmäßig gebe ich (wirklich!) meine vollgeschmierten Skizzen ab, damit auf ihnen Kunst und sogar Kunstdiskurs entstehe. „Lena-Sophie! Schön hast Du das ausgemalt! Aber, was ist das?“ „Das ist ein mikrotonaler Cluster, Mama!“ – „Und da werden die Saiten des Cellos gedämpft?“ „Ach, Mama. Das ist die Sonne.“

Lena-Sophie wird meine Forderungen einst umsetzen.

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