Intuitive Zusammenarbeit von Ebenbürtigen

Der Schlagwerker Paul Lovens erhält (endlich!) den Albert-Mangelsdorff-Preis


(nmz) -
Ein Dreiländereck ist ja wohl das Mindeste. Nicht, um ständig auf der Flucht sein zu können, sondern um gewisse Freiheiten zu haben und bei Bedarf nutzen zu können. Paul Lovens, geboren 1949 in Aachen, hat dort, im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, nahe der belgischen und der niederländischen Grenze, seine „homebase“ nie aufgegeben: eine nicht sehr große, aber ungemein geschichtshaltige und inhaltsreiche Wohnung. Obwohl er auch in Genua und in Berlin gelebt hat und inzwischen auch in Nickelsdorf im Burgenland. Obwohl er sowieso ständig in Bewegung ist, auf Tournee mit einer seiner langlebigen Bands. Oder als Herbeigelockter zu Projekten mit Musikern, mit denen zu spielen ihm selbst nicht ohne Weiteres eingefallen wäre.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke

Nicht immer ist er froh über solche – zuweilen von Musikveranstaltern zusammengestellten – Ad-Hoc-Konstellationen. Manchmal wecken sie Erinnerungen an frühere Phasen der eigenen musikalischen Biografie: „Immer noch träume ich öfter als genug, dass ich zu einem Konzert auf der Bühne bin, die Band spielt bereits, und ich bekomme mein Schlagzeug nicht fertig aufgebaut.“  Manchmal kann er seine Mitmusiker projektweise selbst aussuchen, wie jetzt bei der Aachener Klangbrücke. Da träumt er andere Träume: „Das improvisierte Solo eines Musikers mit anderen, die ihn begleiten, ist eine Sackgasse. Vor uns liegen viele Jahre einer kollektiven, improvisierten Anstrengung, die intuitive und reife Zusammenarbeit von Ebenbürtigen.“ Am 6. Juni 2019 ist Paul Lovens 70 Jahre alt geworden. Passenderweise hat ihn in diesem Jubiläumsjahr die Nachricht erreicht, dass er den Albert-Mangelsdorff-Preis erhalten wird. Die Jury nennt ihn den „Prototypen eines Improvisationsmusikers mit Erfindergeist, der Genregrenzen neu definiert und gerade im Team zu Hochform aufläuft.“ Das ist eine recht präzise Beschreibung seiner Arbeitsweise. Lovens gehört zu den Protagonisten des freien europäischen Jazz, war Gründungsmitglied des Alexander von Schlippenbach Trios und des Globe Unity Orchestra. Seine bevorzugten Formationen sind allerdings seit je kleinere Formationen.

Paul Lovens’ Schlagzeugspiel ist einzigartig und fast ohne Vorbild, wenn man ihm die – zeitweilig durchaus nachahmende – Inspiriertheit durch den Niederländer Han Bennink nachsieht. Stärker als Bennink aber liefert sich Lovens dem klanglichen Geschehen und den aktuellen Spielprozessen aus. Sein Instrumentarium erscheint spielzeughaft, seine klangliche Arbeit dementiert diese Charakteristik nicht durch schlagzeugerhaften „Approach“, sondern sucht eher das Geräuschhafte. Weniger das Metrum als die materialgestützte Bewegung weg vom klaren Rhythmus, hinein in einen freien Puls, in die Überraschung und Selbstüberraschung, die spielerische Konfrontation.

Bei all dem wirken seine Aktionen auf der Bühne hellhörig und umtriebig. Eher nachgiebig und durchlässig als monolithisch, eher anregend (oder Anstoß erregend) und kooperativ als dominant. Sein Instrumentarium bezeichnete er gelegentlich als Kollektion von „ausgewählten und unausgewählten Trommeln und Becken“. Und die Jury formuliert: „Er ist sehr kraftvoll und virtuos, doch verkörpert er zugleich eine immense Freiheit im Spiel, die auch auf der Wahl seiner Klangmaterialien beruht. Er ist außerdem ein Virtuose des Ensemblespiels. Er ergreift die Initiative, wenn die Band mal nachlässt, gibt neue Impulse, wenn es vorhersagbar wird.“

Seit bald fünf Jahrzehnten ist Lovens Mitglied des Alexander von Schlippenbach Trios, der langlebigsten Formation des zeitgenössischen freien europäischen Jazz. Seit Menschengedenken geht das Trio möglichst jedes Jahr auf eine (Nicht-Schubert’sche) Winterreise. Es steht an einer Stelle seiner musikalischen Entwicklung, von der manche meinen, es sei jetzt langsam genug, andere wollen das Trio unbedingt einmal im Jahr erleben, ein Hochamt der freien improvisierten Musik. Paul Lovens findet: „Wir haben so lange zusammen gespielt, dass es kaum noch eine Rolle spielt, ob wir weitermachen oder nicht. Wenn wir aufhören würden, gäbe es manches, was wir vermissen (die anti-depressiven Wirkungen zum Beispiel), aber in mancher Hinsicht wäre das auch eine Erleichterung. Wenn wir weitermachen, ist das auch in Ordnung, weil es wirklich Leute gibt, die unsere Musik brauchen, und es gibt immer noch einiges zu sagen.“
  

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